Nach jahrelangem fruchtbaren Wirken auf dem Independantsektor kam 1982 für David Cronenberg die Gelegenheit, endlich einen Film mit dem Hintergrund eines Major-Studio zu kreiieren. Seine bisherigen Filme hatten ihm einen ungewöhnlichen Ruf eingebracht und sein neues Werk „Videodrome“ sollte sein Meisterwerk werden.
Dieses Ziel hat er zumindest künstlerisch erreicht, wenn auch nicht kommerziell, der Film fiel beim Publikum durch. Für einen Kassenerfolg ist er allerdings auch zu kritisch und zu vielschichtig.
Bei diesem Film ließ Cronenberg erstmals eine Filmfigur das Zitat vom neuen Fleisch aussprechen, ein Motiv, das sich ja durch die meisten seiner Filme dreht, die Verschmelzung von Psyche und Körperlichkeit, die etwas Neues, etwas Unwirkliches bewirkt.
Wirkten in den Vorgängern „Shivers“ und „Rabid“ äußere Umstände auf die Protagonisten ein, so wurde die Bedrohung bald entmaterialisiert. In „The Brood“ gab es bereits psychische Manifestationen, die in „Scanners“ schließlich unkontrollierbare Ausmaße annahmen (Auslöser für die telepathischen Kräfte ist ein Schwangerschaftsmedikament).
„Videodrome“ nun verändert nicht nur seinen Protagonisten innerhalb der Handlung, er löst auch die sichtbare Realität komplett auf. Das Prinzip Verunsicherung wirkt.
So ist Fernsehproduzent Max Renn zu Beginn in einer modernen, aber grauen Realität noch sicher, ein simpler TV-Produzent zu sein, immer auf der Suche nach reißerischen Stoffen. Das ändert sich, als ihm ein Video zugespielt wird: das Band zeigt eine schlechte Aufnahme eines Piratensenders namens Videodrome, in dem lediglich zu sehen ist, wie Frauen gefoltert und ermordet werden.
Treiben Renn zu Beginn noch die Sensationsgeilheit (Seite an Seite mit der persönlichen abartigen Faszination) wird die Geschichte bald immer unsicherer. Die Bedrohung kommt durch den Fernseher, die Sendung strahlt ein Signal ab, das auf die Zuschauer einwirkt, jedoch gleichzeitig einen Gehirntumor verursacht.
Von da an führt Renns Reise mehr und mehr in den Wahnsinn und er muß sich verschiedentlich fragen, was noch Realität und was der Traum eines Mannes, der unter den Bann des Signals geraten ist. Er kommt einer Verschwörung auf die Spur, die zum Ziel hat, das Publikum zu kontrollieren.
Ebenso wie Max ist aber auch der Zuschauer nicht sicher, der sich bald eingestehen muß, dem gleichen Schicksal ausgeliefert zu sein wie Renn. Man sieht, was er sieht und das bedeutet eben, dass ihm seine Aufträge einprogrammiert werden, in dem sich in seinem Brustkorb eine Spalte öffnet, in die man VHS-Kassetten einlegen kann. Die Wirklichkeit mutiert.
Was Cronenberg damit zur Vollkommenheit erschafft, ist eine düstere Satire, denn das was man hier im TV sieht, wird für den Zuschauer zur Realität. Abbilder im TV machen wir uns zu eigen, was ein bitterböser Kommentar für die noch heute dominierende TV-Nation ist, die glaubt, man könnte über das selektive Fernsehen Wahrheiten über die tatsächliche Welt erfahren. Die Manipulation von Sichtweisen und Meinungen mittels des Fernsehens (oder Video/Film) nimmt er damit vorweg.
Daß Teile des Films sich im Nachhinein als Illusion oder Mutation entpuppen, ist da nur konsequent, während man mit Max Renn eine psychische Höllenfahrt miterlebt. Die Ironie, das sich ein Teilnehmer an einer Fernsehdiskussion (über Video) als lange Verstorbener entpuppt, der mittels eines riesigen Videoarchivs immer noch Kontakt mit der Welt hält, wirkt da fast schon brutal konsequent.
Das ist jedoch nichts für Freunde gut konsumierbarer Utopien, „Videodrome“ präsentiert eine düstere, in sich abgekapselte Form unserer Realität, in der sich Individualismus als zurückgezogener Egoismus entpuppt, gefühlsmäßige Kontakte finden beinahe nicht statt. Mit zunehmender Laufzeit explodiert die Bildröhre dann regelrecht, immer wieder findet man neue Schichten von Realität und Cronenberg legt diese Schichte radikal frei, wobei ihm seine FX-Leute mit beeindruckenden Splattereffekten zur Hand gehen.
An Aktualität und Brisanz hat „Videodrome“ bis heute nichts verloren, TV und DVD dominieren auch heute einen Teil unserer Wahrnehmung. Der Film ist finster und hoffnungslos, geradezu gefühlskalt – und deswegen in seiner Aktualität ungebrochen. (9/10)