"God is in the TV!" (Marilyn Manson)
Max Renn (James Woods) ist einer der Chefs eines privaten TV-Senders. Sex & Crime sind sein Garant für hohe Quoten, doch die Massen gieren stets nach neuen Extremen. Eines Tages schnappt er das Piratenprogramm von "Videodrome", einer Snuff-Sendung, auf. Beim Recherchieren erfährt Max, dass hinter dem Format mehr steckt als bloße Gewalt-Pornographie. Wer "Videodrome" konsumiert, verfällt bösen Halluzinationen und beginnt zu mutieren. Ist das der Beginn des Neuen Fleisches?
VIDEODROME ist Cronenberg'esker Bodyhorror, wie er im Buche steht. Körperliche Anomalien gibt es zuhauf: Max (James Woods) wachst eine überdimensionale Vagina aus dem Bauch, eine Art Öffnung, in die er alles Mögliche rein schieben kann, wie z.B. eine fleischerne VHS-Kassette, wie sie ihm im Verlauf des Films aufgedrängt wird. Mit vermehrtem "Videodrome"-Konsum verliert Max zusehends die Kontrolle über seine Aggressionen. Die Grenzen zwischen TV-Programm und Wirklichkeit verwischen. Im Finale mutiert Max zur Amokmaschine. Seine Hand verwächst mit einer Pistole. In seinen Visionen peitscht er entweder das Fernsehgerät aus oder wird er vom Fernseher erschossen.
Dass bei dem Kanadischen Techno-Surrealist David Cronenberg (SCANNERS, NAKED LUNCH, HISTORY OF VIOLENCE) unterschwellig meist gleich eine ganze Wagenladung voll Gesellschafts- und Zivilisationskritik mitschwingt, ist nichts Neues. VIDEODROME ist diesbezüglich auch ganz weit vorne mit dabei. Das Thema kreist um ein unter dem Testbild ausgestrahltes Geheimsignal, das krebserregend ist, sprich: zu Mutationen führt, und Gewaltbereitschaft steigert. Der Bildschirm wird als "zweite Netzhaut" bezeichnet. Zitate wie "Fernsehen ist Realität und Realität ist nichts ohne Fernsehen!" haben auch heute in Zeiten von U-Bahn-Schlägern, die ihren Gangster-Rap-Idolen nacheifern, und Amokläufern in Trenchcoats und MATRIX-Mänteln nichts von ihrer Aktualität und Brisanz eingebüst.
Ganz großes Kino ist James Woods Darbietung des Max Renn. Woods - klapperdünn und ungesund - liefert das Abziehbild des von Hektik, Stress und Massenmedien verstörten Mannes des späten 20. Jahrhunderts.
In einer Nebenrolle als masochistische Radiomoderatorin begeistert Debbie Harry, Sängerin der New-Wave-Band "Blondie", mit einer mimischen Vielfalt, die glatt Steven Seagal alle Ehre bereitet. Ihr Charakter der Nikki steht drauf, ins Liebesspiel Rasierklingen miteinzubauen und sich Zigaretten auf der Brust auszudrücken. Ihr lasziver Schmollmund ziert den Bildschirm, wenn Max Renn von "Videodrome" geleitet in die Mattscheibe eintaucht.
Bauchfotze: (+)(+)(+)(+)(+)
Fleisch-VHS: (+)(+)(+)(-)(-)
Pistolenhand: (+)(+)(+)(-)(-)
Nikki: "Was ist das? "Videodrome"?
Max: "Folter und Mord."
Nikki: "Klingt phantastisch!"
Max: "Nicht gerade Sex."
Nikki: "Ansichtssache!"
Fazit:
Bizarre Dystrophie im Stile von BRAZIL und TETSUO. Eine Symphonie aus Fleisch und Schaltkreisen. Vielleicht nicht unbedingt Cronenbergs Allerbester, da gegen Ende schon arg nonkonform. Dafür aber mindestens doppelt so gaga wie die Lady mit dem Rindfleischkleid.