In "I'm the Slime" besang Frank Zappa 1973 die perverse Allmacht der Medien über scheinbar leichtgläubige Zuschauer, in dem er die Flimmerkiste zu einem Blob verwandelte, der im Namen der Politik und der Industrie den freien Willen seiner Konsumenten absorbiert. David Cronenberg machte sich zehn Jahre später ähnliche Gedanken, auch wenn unsere heiß geliebte Glotze hier statt als Blob aufzutreten ganz im Sinne des neu aus der Taufe gehobenen Bodyhorrors als hinterfotzigen Tumor im Kopf des Zuschauers, der im Drehbuchsinne drastische Schäden anrichtet, während der Effekt auf den Zuschauer doch eher erhellend, gar hilfreich sein kann.
Der Patient dieses psychischen Krebses, dem wir im Kontext des Filmes folgen, ist Max Renn (James Woods), seines Zeichens Leiter des kleinen kanadischen Senders "Civic TV", einer unfeinen Klitsche für hartgesottene Freunde von derber Gewalt und leichtem Sex. Eine Mischung aus Gewinnorientierung und perverser Neugier lassen Renn auf teilweise illegalen Wegen mithilfe eines befreundeten Funktechnikers im Auslands - TV stets nach neuen Shows und Filmen wildern. Die neueste Goldgrube scheint dabei ein obskures Format namens "Videodrome" zu sein, eine stets verschlüsselte und umcodierte Foltershow, die nicht gerade zimperlich mit ihren unfreiwilligen DarstellerInnen umgeht. Keine Skripte, minimale Kulissen sowie unbezahlte, da nachher ohnehin tote Stars, das alles klingt nach einer kostengünstigen, aber effektiven Geldquelle für Max und seinen Sender. Seine neue Freundin, die grenzwertig masochsitische Radiopsychologin Nicki, scheint ebenfalls sehr angetan. Dann setzen die ersten Nebenwirkungen in Form heftiger Halluzinationen und quälenden Kopfschmerzen ein, man vermutet einen Hirntumor.
Zu spät entdeckt Max, dass es sich bei der Show lediglich um ein Mittel zum Zweck handelt, einen effektiven Weg, um möglichst viele Zuschauer dem Einfluss eigenartiger Einstrahlungen auszusetzen und sie damit im Sinne des Erfinders für kommende Reprogrammierungen empfänglich zu machen. Ehe Max sich versieht ist er eine wandelnde Waffe in einem Medienkrieg zwischen einem moralisch korrupten Konzern und den letzten Vertretern der Meinungsfreiheit.
Einer der surrealsten, fast lynchesken Cronenbergs und für mich persönlich das definitive Meisterwerk des kanadischen Horrorspezialisten. Die B - Movie - Plots von "Shivers" und "Rabid" gehören endgültig der Vergangenheit an, die abgefahrene visuelle Ebene wird hingegen radikal voran getrieben, sodass Protagonist Max sich bald auf der Grenze des Wahnsinns und damit gefangen zwischen zwei Welten wiederfindet: in der einen zerbricht der Geschäftsmann an seiner angeschlagenen Psyche, während er sich in der anderen direkt in den Wahnsinn hineinstürzt, durch Freundin Nicki im Fernseher begleitet und immer tiefer in die krankhafte Scheinwelt hinein gelockt.
Dass dieser Film im Gegensatz zu vielen ebenfalls hervorragenden Werken Cronenbergs in deutschen Landen scheinbar im Heimkino verramscht wurde statt eine richtige Auswertung im Lichtspielhaus zu erhalten ist beschämend, aber auch eine Bestätigung des kulutrellen Verfalls, den Cronenberg hier nebenbei heraufbeschwört: Sensation über alles, möglichst bunt, laut und gedankenlos! Während der Film letztendlich positiven Einfluss hatte und eine gleichnamige Videothek in Berlin jahrzehntelang vorurteilslos sowohl Kunstfreunde als auch Genrefreaks bediente und ihnen die Türen in die jeweils andere Welt mit einem freundlichen, wissenden Lächeln offen hielt ging es mit dem Fernsehen, privat oder öffentlich rechtlich, immer tiefer bergab: in Regionen, wo überschminkte Ghoule, Realitystars genannt, das Programm mit drittklassigen Comedians und den Monstren des Sensationsjournalismus im Bunde dominieren ist für anspruchsvolleres Kino nur noch zu undankbaren Nachtzeiten Platz, meist zensiert und von jeglicher Erwähnung in der Presse abgeschnitten.
Schlimmer wurde es nur noch auf dem "Neuland" Internet, in welchem viele neue Videodrome entstanden, in denen vermeidliche Wahrheitssucher und selbsternannte Schützer der Meinungsfreiheit Zuschauer jeden Alters geistig verkrebsen. Jene Protagonisten, die Carsten Jahns, Tim Kellners, Heiko Schrangs des Landes oder gleich ganze rechte Sendekollektive wie die Honigwabe oder Nuoviso zeichnen sich bisher glücklicherweise durch politische Erfolglosigkeit aus, stechen lediglich durch das Zerstören von Freundeskreisen und Familien hervor.
Cronenberg ist mit Sicherheit nicht allwissend, aber hat mit "Videodrome" das Schadpotenzial moderner Medien auf dem Seziertisch bloßgelegt. Ein Film, der einen zum Grübeln bringt und mir trotz Schnitten und meinem damals jungen Alter die Augen für kritisches Denken und anspruchsvolles Kino geöffnet hat.