Truffauts letzter Film ist auch einer seiner zugänglichsten und unterhaltsamsten Produktionen. Seine Schwäche, ja Verehrung für Hitchcock gipfelten ja bereits in dem bekannten Interview-Buch "Mr.Hitchcock, wie haben sie das gemacht?", hier konstruiert er seine eigene Hitchcock-Hommage, indem er sich vieler Stilmittel bedient, die auch das Werk seines Vorgängers ausgemacht haben.
Inhaltlich bietet "Auf Liebe und Tod" etwas wenig, es handelt sich bei genauem Hinsehen nur um ein sogenanntes "Whodunit", ein Kriminalstück, dessen Herzstück die Suche nach dem Täter ist. Doch erweitert Truffaut die gängige Formel, indem er uns nicht einen Kreis von Verdächtigen vorsetzt, aus dem man auswählen kann, sondern vielmehr vor uns eine Gruppe Bewohner einer französischen Kleinstadt wie im Panoptikum ausbreitet, die alle mehr oder minder in Verbindung stehen. Doch auch das dient mehr dem Vorantreiben der Geschichte, Truffaut scheint mehr an den beiden Hauptpersonen interessiert, dem halbwegs passiven, sperrigen Makler Vercel, den Trintignant bestechend launig und dröge gibt und seiner Sekretärin Barbara, die zur eigentlichen Protagonistin im Laufe der Handlung heranwächst, da sie das handelnde Element des Plots darstellt.
Wie weilend Hitchcock erzählt Truffaut die Geschichte seiner Hauptpersonen bildlich, so daß das Wesentliche eigentlich nicht mehr gesagt werden muß. Zunächst in der Grundkonstellation Chef- Angestellt angesiedelt, arbeitet die Regie mit Blicken, dann mit Gesten, um schließlich Barbara die detektivische Arbeit in die Hand zu geben, erst zufällig, dann interessierter, später hartnäckiger als Vercel sich das wünscht, der sich den Großteil der Handlung im Tiefparterre seines Maklerladens verstecken muß.
Fanny Ardant hatte selten eine danbarere Rolle als die der Amateurdetektivin, die in dem Fall aus Gefühlsgründen mehr sieht, als zunächst offensichtlich ist und nach und nach entdeckt, daß dem wirklich so ist. Wenn sie immer größere Risiken eingeht (wie z.B. die Tarnung als Prostituierte), steigt auch das Interesse der Zuschauer, das Mitfiebern beginnt.
Hier wird auch Hitchcocks Suspense verstärkt zum Einsatz gebracht, wenn Barbara scheinbar immer mehr in Gefahr gerät. Doch jede gelungene Aktion, die das Rätsel ein wenig mehr klärt, erhärtet auch die Sympathie für diese mutige Frau, die stets selbstlos agiert. Um das Engagement wenigstens etwas zu begründen, spielt Barbara in ihrer Freizeit auch noch Theater - so wird der Darstellungsdrang begründet.
Dabei wird nie vergessen, daß Vercel eben doch der Täter sein könnte, da er ja stets zu den Morden nicht anwesend war und seine Aufenthalt im Büro nicht nachprüfbar ist, auch wenn das beim grundsätzlich positiven und freundlichen Grundton des Films eher unwahrscheinlich ist.
So schwingt denn auch nichts von der sonst üblichen französischen Schwere und Behäbigkeit mit, Truffaut leitet mit leichter Hand, denn dies ist ein Film, ein erdachter Krimi, Unterhaltung mit Tiefgang, sonst nichts.
Die recht ungewöhnliche Inszenierung in kontrastreichem schwarz-weiß wirkt einerseits wie eine verfilmte Bildergeschichte, die auf Farbe verzichtet, andererseits weist sie auf die Versatzstücke aus den Filmen der Schwarzen Serie Hollywoods hin, denn hier hat jeder eine düstere Vergangenheit oder ein Geheimnis, das er hinter der bürgerlich-anständigen Fassade mit sich herumträgt. Dunkle, feuchte Straßen, versteckte Verfolgungen, der Täter, den man immer nur von der Hüfte abwärts sieht, leblose Körper, die aus der Finsternis gerissen werden, das alles sind bekannte Relikte aus den goldenen 40er Jahren und tragen zum gelungenen Stil bei. Ein kompliziertes Netz aus scheinbar nicht in Einklang zu bringenden Teilstücken muß enthüllt werden, ehe die atmosphärisch hervorragend eingefangene Entlarvung mittels eines geschickten Kniffs dann doch auf ein Verbrechen aus Leidenschaft zielt.
So zitiert Truffaut also nach Herzenslust und schafft eine sehenswerte und hochunterhaltsame Symbiose aus französischem und amerikanischem Film, ein Ergebnis mit Seltenheitswert.
Kino für Kenner und gleichfalls für einfache Genießer. (8/10)