Review

Es ist zwar ein Schmachtfetzen, aber es ist ein klassischer und historischer Schmachtfetzen: "The Secret Garden" ist ein Kinderbuchklassiker, den sich auch Erwachsene zu Gemüte führen können. Frances Hodgson Burnetts Buch erzählt von einer schwierigen Kinderfreundschaft zwischen einer jungen Waisen, Mary, die nach dem Tod ihrer Eltern in die Obhut eines unwilligen Onkels auf ein Landgut in England gebracht wird. Ihr Onkel hat seine Frau verloren und will sich nicht groß um das Kind kümmern, das selbst unglücklich und selbstsüchtig ist. Auf dem Landgut blüht es jedoch langsam aber sicher auf und entdeckt dort einen geheimen, abgeschlossenen und ummauerten Garten, dessen Geheimnis und ihren Cousin, der scheinbar verkrüppelt das Haus von seinem Bett aus terrorisiert, aber eigentlich genauso unglücklich wie sie ist.

Natürlich wird in solchen Geschichten alles gut. Der scheinbar Gelähmte kann in Wirklichkeit laufen, gute Freundschaften verändern jeden Charakter zum Besseren, frische Luft und Sonne (und Gartenarbeit) haben noch keinem geschadet und selbst die Schatten der Vergangenheit haben keine Chance, wenn die eigenen Nachkommen sich so gut entwickeln.

Hierzulande ist die Story um 1994 noch einmal bekannt geworden, als eine realistische und geschmackvolle Verfilmung praktisch still und andächtig die positiven Seiten der Geschichte betonten und mit guten Darstellerleistungen dem möglichen Kitsch ein Bein stellten.
Leider verhält es sich mit der 1949 hergestellten genau entgegen gesetzt, denn anstatt den Roman möglichst naturgetreu zu verfilmen, verlagerte Hollywood die gesamte Produktion ins Studio und bauschte ihn nach Bauch und Bogen auf, so daß das finale Ergebnis fast einer Groteske gleicht.

Daß man die ersten Szenen in Indien noch im Studio drehte, ist nachzuvollziehen, doch spätestens wenn man bemerkt, daß man mittels Weite vortäuschender Hintergrundbilder und gigantischer Matte Paintings, die stark als gezeichnet erkennbar sind, den Park und die Ländereien in allen Einstellungen vortäuscht, vergeht der Spaß alsbald mangels jeglicher Form von Realismus.
Daß das hintergründige Verlustdrama etwas aufgerüscht wurde, ist nicht wirklich schlimm, allerdings wurde die Geschichte grob auf den äußeren Effekt hin zusammengestaucht, so daß die erst bedrückende, dann später aufheiternde Atmosphäre in dem düsteren Landsitz sich nie entwickeln kann. Die Kinder sollen und müssen zunächst schwierig sein, allerdings spielen Margaret O'Brien und später der junge Dean Stockwell (als der verkrüppelte Colin) die Rollen dermaßen grell und überzogen bratzig, daß man die Protagonisten die halbe Filmzeit prügeln möchte.
Das mäßige Skript zeigt besondere Fahrlässigkeit, wenn Mary alle paar Sekunden ihren emotionalen Zustand von arrogant zu liebenswert, von erhaben zu biestig und wieder wechseln muß, teilweise aufgrund aufeinander folgender Textzeilen. Dieses wirre Gehabe, sprunghaft und unsympathisch, läßt die Figuren wenig glaubhaft wirken; Colin ist ein dermaßener Fall für die Super-Nanny, daß man gar nicht verstehen kann, warum er nicht längst das Bett aus eigener Kraft verlassen hat.
Nicht viel besser verhält es sich mit dem Dritten im Bunde, der Schäfersohn Dickon ist dermaßen engelhaft ungebildet, aber unendlich freundlich und geduldig gezeichnet, daß es Löcher in die Zähne macht.
Da können auch Herbert Marshall in einigen wenigen dramatischen Szenen als Onkel und ein netter, aber zerfahrener Auftritt von Horror-Alumni George Zucco als freundlicher Arzt wenig retten, das Skript ist und bleibt ein Flickenteppich.

Besonders schlimm geht das Buch jedoch mit dem titelgebenden Garten um, der erst wild und ungepflegt erscheint, dann aber scheinbar wenige Tage (oder doch Wochen/Monate?) bzw. Minuten im Film später plötzlich unter den Händen von Mary und Dickon schon in einem bunt blühenden Sommertraum verwandelt ist.
Offenbar setzte man darauf, daß das Nachkriegspublikum das nicht so bemerken würde, wenn der Film in den Szenen im blühenden Garten vom typischen Schwarz-Weiß plötzlich für drei Sequenzen in knalliges Technicolor wechselt, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, daß die Figuren dennoch nur Schwulst und Platitüden von sich geben dürfen.

So leidet der Film weniger unter der hauptsächlich auf Tempo und groß angelegte Stimmungsszenen fokussierte Regie, sondern unter dem flachen und hohlen Drehbuch, daß sich ganz auf die schwülstig-kitschigen Dramabestandteile stürzt, die langsamen Entwicklungen und Genesungen der Kinder und die Fragilität des Ganzen total unterschlägt.
Der Film mag seine Fans bei Freunden alter Filme haben, aber im Vergleich zu anderen Klassikern ist diese Version ein grob gezeichneter Rohrkrepierer. (3/10)

Details
Ähnliche Filme