Marcus H. Rosenmüller ist ja seit "Wer früher stirbt, ist länger tot" so eine Art kleiner landinterner Geheimtipp für gute, lebensnahe und regional paßgenaue Werke, doch hadert er eben beim großen Restpublikum nördlich des Weißwurstäquators noch damit, daß den urbayrischen Akzent hier oben kaum jemand versteht / verstehen will.
Das ist so oberflächlich wie schade, denn mit seiner angesetzten "Beinaheheimatfilm"-Trilogie "Beste Zeit", "Beste Gegend" und "Beste Chance" (letzterer augenblick noch nicht fertig) versucht er sich auf ungewöhnlichem, weil sowohl anrührend realistischem wie gleichzeitig kontrovers diskutierbarem Niveau.
Inhaltlich ist "Beste Zeit" ziemlich unspektakulär, der Alltag zweier 17jährigen vom bayrischen Dorfe, irgendwo in der Einflugschneise eines etwas entfernten Flughafens zwischen Hügeln, Wiesen und Höfen. Ohne Auto ist man am Arsch, das Abi ist erstrebenswert, Rebellion ist es nicht. Konservatismus herrscht, die Eltern sind besorgt bis verständnislos und der Traum, der alles bestimmt ist ein Jahr in den Vereinigten Staaten, Schüleraustausch!
Und das ist es dann eigentlich auch schon, der Film beschreibt die Phase bis zur Abreise der jungen Kati, die mit ihrer Freundin Jo bemüht ist, die Teenagerzeit zu überstehen. Man klaut das Auto, fährt auf die Weide, raucht, säuft halbe Liter, hört Musik und fühlt sich revolutionär in der ländlichen Piefigkeit. Kati hat mit Miko sowas wie einen Freund, der aber weder großes Interesse, noch einen wirklichen Hauch von Empathie hat (er denkt hauptsächlich an Fußball, ist wenig da und ist auch sonst eher egozentrisch gestrickt), gleichzeitig übersieht sie den bebrillten Nerd Rocky, der als einer der wenigen hier nicht nur treu, sondern auch patent zu ihr steht. Die Fahrt zur weit entfernten Dorfdisco geht schief, der Marsch durch die Nacht wird zum kleinen Abenteuer und zur Nagelprobe für die Freundschaft. Ein paar kleine Pannen, Streit mit den Eltern, einige Wutausbrüche und schließlich der Moment, wo den Heranwachsenden die spießige Heimat plötzlich wie ein Fluchtpunkt vorkommt.
Das klingt unspektakulär, ist es erzählerisch auch, doch die Stärke Rosenmüllers liegt in der präzisen Darstellung einer Landjugend zwischen Fußballverein und Freiwilliger Feuerwehr, zwischen halbstarker Band und Gruppenbesäufnissen am Lagerfeuer. Was Kati umgibt, scheint auf den ersten Blick furchtbar spießig, langweilig, regt zur Flucht, zur Ortsveränderung an, aber Kati und Jo sind gleichzeitig niemals die richtigen Mädels am falschen Ort, sondern ein Teil dieser Gemeinschaft. Es gibt keine Rebellion, es gibt Träume und zu den muß man erstmal stehen, muß mit 17 den Mut dazu finden, wenn man nicht generell am Ende, sondern nur provinziell gut behütet ist.
Wem die leicht idyllischen Tendenz pro Provinz vielleicht ein wenig zu rückständig wirken, tut gut daran, jedoch erst zu prüfen, ob man wirklich von gleichen Voraussetzungen ausgeht, bzw. die Situation effektiv nachvollziehen kann. Der Film funktioniert am besten, wenn man selbst schon mal fernab von der "wirklichen Welt" seine Zeit totschlagen mußte und plötzlich sind die naiven Klau- und Exzess-Sequenzen gar nicht mehr abgründig, sondern nostalgisch geprägt.
Ob es Sinn macht, über dieses Thema jedoch bar jeder ironischen oder dramaturgischen Brüche eine Trilogie zu inszenieren, darf jedoch berechtigt diskutiert werden, denn hier bewegt sich im Plot relativ wenig, Biederkeit allerorten, aber mit hohem Wiedererkennungswert. Der Fokus bleibt auf Kati und Jo (in diesem Film sogar überwiegend auf Kati) und manchmal weiß man wirklich nicht, ob man sich über die Banalitäten, die den Alltag ausmachen nun aufregen, sie ablehnen, sie negieren oder umarmen soll. Wenn es künstlerisches Geschick ist, einen Film für zwei verschiedene Volksgruppen gleichzeitig wichtig und obsolet zu machen, dann hat Rosenmüller wirklich Talent, denn alle gleichermaßen bedienen zu wollen, hat noch niemand wirklich etwas gebracht. Immerhin werden sich diejenigen jungen Zuschauer, die irgendwo gestrandet sind oder waren und den Weg von dort weg suchten und vielleicht sogar fanden, sich hier angesprochen bis verstanden fühlen. Sich freischwimmen als Chance, aber vergiß dein Zuhause nicht, das ist möglicherweise althergebracht, miefig und angestaubt, aber es ist auch immer noch aktuell, letztendlich muß ja jeder für sich entscheiden - und eine Entscheidungshilfe bietet dieser Film gerade wegen seiner lakonischen Schilderung der Pros und Contras sowieso nicht recht - auch wenn Kati am Ende eben eine trifft. Aus dem Bauch heraus - ohne Erklärungen. Für den Moment: 7/10.