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Am Anfang war die Tat. Wir sehen einen Mann, der in einem Graben harte Arbeit verrichtet. Er hackt und schaufelt Gestein, Am Anfang war die Tat. Wir sehen einen Mann, der in einem Graben harte Arbeit verrichtet. Er hackt und schaufelt Gestein, auf der Suche nach Silber und zähflüssiges Gold, das genauso schwarz wie sein angestrengtes Gesicht ist. Um die Jahrhundertwende beginnt jene Charakterstudie, die sich „There Will Be Blood“ nennt. Aufkommendes Blut assoziiert man zunächst eher als Folge gefährlicher Arbeiten. Die Prämisse ist aber tiefgründiger als jener Ort, wo Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) seine erste Ölquelle entdeckt.

In der anfänglich gezeigten Grube beginnt die fragwürdige Erfolgsgeschichte des Mannes, um den sich nach dem Fund des ersten Rohöls mehrere Männer scharen. Wortkarg wird die erste Geldquelle errichtet. Dann erhebt Plainview selbst die Stimme. Sein Partner scheidet früh dahin, so dass er dessen Sohn (Dillon Feasier) als eigenen fürsorglich heranzieht. Eine Welle entwickelt ihre Kräfte. Die Eigendynamik impliziert das Glück des Tüchtigen, der aufgrund eines käuflich erworbenen Tipps gigantische Ölvorräte in Kalifornien in Aussicht hat.

Hier wird der Film erstmals heimisch. Regisseur Paul Thomas Anderson inszeniert eher durch Impressionen, die er mit harten Schnitten aneinanderreihen lässt. Herrliche Landschaftsaufnahmen verschmelzen sukzessiv mit der filmischen Charakterisierung des sich zum Magnaten entwickelnden Plainview. Jenes Stück Land in Kalifornien treibt die Frage nach dem Sein voran. Wer oder was ist dieser Mann, der durch Day-Lewis eine beeindruckende Ausstrahlung erhält? Ein fürsorglicher Vater und Arbeitgeber oder eher der erfolgreich skrupellose Geschäftsmann!?

Plainview hat viele Facetten, anfangs ist er sympathisch und handelt im Umgang mit den Arbeitern und Gemeindemitgliedern durchaus nach einem humanistisch angehauchten, betriebswirtschaftlichen Lehrbuch. Ohne Frau an seiner Seite kümmert er sich intensiv um den Zieh-Sohn. Die hiesige Gemeinde ist in der Geschäftswelt integriert und der Kopf der Ölgesellschaft hat durchaus ein Ohr für die Belange des einfachen Volkes.

Die Menschen bedeuten ihm etwas, so hat man den Eindruck. Selbst die Zweifel des fanatisch religiösen Eli (Paul Dano), der die hiesigen Bürger mit exzessiven Predigten manipuliert, kann Plainview bändigen. Zeit vergeht, der Erfolg kommt. Der Charakter scheint sich zu verändern. Paul Thomas Anderson verfällt allerdings nicht der Versuchung einer undifferenziert platten Küchenpsychologie, die das Bröckeln der sympathischen Fassade erklärt.

Was war rückblickend das wahre Gesicht des reichen Geschäftsmannes? Wie pragmatisch verhielt er sich für die persönliche Macht oder veränderten die materiellen Besitztümer das Denken von Plainview, dessen größenwahnsinnige Skrupellosigkeit in der filmischen Gegenwart langsam überhand nimmt. Der Film stellt indirekt interessante Fragen, für deren Beantwortung Indizien gestreut werden.

Gegenüber seinem angeblichen Bruder, der sich trügerisch dafür ausgibt, lässt der Protagonist verlauten, dass er Menschen schon immer abgrundtief gehasst hat und keinem anderen Erfolg gönnt. Als die Wahrheit um die falsche Identität des vermeintlichen Familienmitglieds rauskommt, wird er selbst zum Mörder. Die Hauptfigur handelt zunehmend reaktionär. Plainviews Ziehsohn, der aufgrund eines Unfalls an einem Bohrturm sein Gehör verloren hat, wird zwischenzeitlich in ein Internat abgeschoben. Geschäftliche Verhandlungen verlaufen zwischenmenschlich schärfer, Hemmungen nehmen ab, der Alkohol fließt noch mehr in die eigenen Blutbahnen.

Day-Lewis verleiht der latenten Dekadenz einen intensiven Ausdruck. Der Protagonist lebt seine menschenverachtende Mentalität vollends aus, weil ihm der persönliche Reichtum Entfaltungsfreiheit und gefühlte Sicherheit gibt. Dennoch steigt die Verzweiflung, die Gier und Einsamkeit. Seine Frau, so erzählt der Ölbaron zu Beginn des Films, sei bei der Geburt des Sohnes gestorben. Am Anfang war auch schon die Lüge. Plainviews Pragmatismus für den Erfolg wird nach und nach enthüllt, so dass er nach einem weiteren Zeitsprung als alkoholabhängiger Mann in einer pompösen Villa noch einmal mit allen abrechnend sein wahres Gesicht zeigt. Der letzte Sargnagel wird im Rahmen einer filmisch beeindruckenden Charakterstudie, die nicht zuletzt wegen Daniel Day-Lewis’ Darstellung unter die Haut geht, geschlagen. Blut ist nun in jeder Hinsicht und symbolischen Bedeutung geflossen. (9/10)

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