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Paul Thomas Anderson ist dafür bekannt, faszinierende Geschichten auch jenseits der im Kino bekannten Kommerzgrenze von 120 Minuten erzählen zu können. Dies hat er mit seinen beiden Meilensteinen des modernen Kinos „BOOGIE NIGHTS" und „MAGNOLIA" auf beeindruckende Weise untermauert. Dennoch brauchte ich eine gewisse Zeit, bis ich mich an sein neuestes Mammut-Werk „THERE WILL BE BLOOD" heranwagte - mit einer Spielzeit von mehr als anderthalb Stunden immerhin keine leichte Kost für Zwischendurch. Aber wer will das schon...

In der knapp zehnminütigen Eingangssequenz lernen wir den Idealisten Daniel Plainview kennen. Ohne Dialog, mit seltsamen Soundeffekten und vom Start weg faszinierender Kameraführung frisst sich die Erzählweise in das Seelenleben des Hauptprotagonisten und beschreibt ihn als einen Menschen, der stets an der Vermehrung seines Reichtums, seiner Macht arbeitet. In mehreren Zeitsprüngen arbeitet sich Plainview vom kleinen Schürfer zum großen „Ölmann". Dabei behandelt Anderson am Rande Themen wie Religion und Liebe - egal, Plainview steht allem mit Gleichgültigkeit gegenüber und selbst seinen Waisenjungen adoptiert er nur, um bei Finanziers den Eindruck eines gesunden Familienlebens zu erwecken. Mit strengem Kalkül und erbitterter Zielstrebigkeit gewinnt er an Macht und Einfluss - Menschlichkeit und Familie bleiben auf der Strecke...

Die von vielen angesprochene Langatmigkeit kann ich nicht nachvollziehen. Dafür lässt die Erzählweise kaum Zeit zum Durchatmen, viel zu gebannt ist man, lauscht interessiert der Geschichte eines Besessenen. Denn Paul Thomas Anderson entwirft ein faszinierendes Psychogramm eines egozentrischen Machtmenschens, wie es selten zuvor auf einer Leinwand zu sehen war. Der intensive Erzählstil wirft zwangsläufig Vergleiche zu den Koryphäen Martin Scorsese oder Stanley Kubrick auf. Das mag auch an der optischen Präsentationliegen, welche die Bilder der damaligen Zeit mehr als erhaben rüberbringt. Kameratechnik, Ausstattung und Schnitt schaffen eine zeitgenössische Optik von nahezu hundertprozentiger Perfektion - nicht umsonst wurde diese Arbeit mit dem Oscar belohnt. Genauso wie die schauspielerische Leistung on Daniel Day-Lewis. Seine Darstellung des Egomanen Daniel Plainview darf wohl ohne Zweifel zu den großartigsten Leistungen der Filmgeschichte gezählt werden. Nahezu spielerisch trägt er mit der beängstigend authentischen Charakterisierung eines Wahnsinnigen die Geschichte dieses Einzelgängers, der an Frauen und Familie kein Interesse verschwendet. THERE WILL BE BLOOD mag mit reißerischem Titel auf einen gewalttätigen Film schließen lassen - diese beschränkt sich jedoch auf wenige Einstellungen. Vielmehr wird dabei wohl auf das gesamte Ölgeschäft zur damaligen Zeit angespielt: Erfolg fordert Schweiß und Blut, die Starken überleben, die Schwachen bleiben auf der Strecke! Daniel Plainview gehörte rein wirtschaftlich zu ersterer Gruppe. Sein Hass erfüllter Geisteszustand lies es jedoch niemals zu, diesen Erfolg zu genießen. Zu engagiert, zielstrebig und auch bösartig war sein Charakter, der letztendlich im Alkohol seine einzige Offenbarung findet.

Paul Thomas Anderson schuf einen modernen Klassiker, der sich in ruhiger, wortkarger Erzählweise, beeindruckenden Bildern und faszinierenden Klängen dem Psychogramm eines Einzelgängers verschreibt. Dank der angesprochenen technischen Rahmenbedingungen und einem sensationellen Schauspieler an der Spitze eines herausragenden Ensembles tauchen wir ein in ein berauschendes Filmerlebnis. Selten wurde eine biographisch aufgebaute Geschichte mit derartiger Intensität gleichermaßen düster und bedrohlich auf die Leinwand gebracht.
Großartiges Kino fernab des Mainstreams - wer sich darauf einlässt wird begeistert sein!

(9 / 10)

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