Spoilerwarnung
Die Filme von Gerry Lively behandelten bisher eher allgemein gehaltene Themen (Verrat, Freundschaft, Familie, etc.) ohne direkten Bezug zum Zeitgeschehen oder waren gar wie DUNGEONS & DRAGONS 2 in einer überzeitlichen Fantasy-Welt angesiedelt. In THE ART OF WAR III: RETRIBUTION hingegen versteigt er sich erstmals zu einem politischen Kommentar, was das Werk aber nicht besser macht.
2007 begann Nordkorea mit der Zerstörung von Atomanlagen, was 2008 schließlich zur Aufhebung von amerikanischen Handelssanktionen und zur Streichung von der Liste der Terrorstaaten führte. Da Kim Jong-Il & Co. somit als Feindbild wegfielen, bemühte man für ART OF WAR III kurzerhand einige nordkoreanische Schurken, die aufgrund dieser Entspannungspolitik ihre Atomgeschäfte mit den Russen in Gefahr sehen und darum versuchen, einen UN-Gipfel in Seoul zu sabotieren. Hier kommt nun der Agent Neil Shaw (Ex-Rapper Treach) ins Spiel, der immer noch für die Vereinten Nationen arbeitet und nach der kläglich gefloppten Observierung eines Waffendeals gemeinsam mit seinem Sidekick und dem geretteten Ex-Playmate Sung Hi Lee versucht, das schlimmste zu verhindern.
Das recht merkwürdige amerikanische Selbstverständnis als "Weltpolizei" zeigt sich bereits in der verschachtelten Pre-Title-Sequenz, in der Shaw als wenig zimperlich im Umgang mit unamerikanischen Umtrieben gezeigt wird. Er erledigt kurzerhand und nebenbei auf offener Straße einen islamistischen Selbstmordattentäter sowie dessen Hauptziel, einen fiesen Waffenhändler. Es wird somit einerseits (islamistischer) Terrorismus bestraft, gleichzeitig aber Staatsterrorismus - sofern er effizient und ohne zivile Kollateralschäden erfolgt - als notwendiges Übel nicht weiter in Frage gestellt. Die USA mögen dieser Logik zufolge ohne Zweifel eine Brutstätte der Korruption sein, gleichzeitig verfügen sie aber über ausreichende Selbstreinigungskräfte in Form von wackeren Geheimdienstlern, bei denen das Gewaltmonopol besser aufgehoben ist als bei stümperhaften religiösen Fanatikern.
Dies soll nun keinesfalls ein Plädoyer für mit Sprengstoffgürteln ausgerüstete Irre sein, aber die Selbstverständlichkeit, mit der die "guten" Regierungsbeamten sich nahezu identischer Methoden gegen ein und dasselbe Ziel bedienen wie die "bösen" Islamisten, ist augenfällig.
Im weiteren Verlauf des Films agieren Shaw und Kollegen übrigens nicht weniger stümperhaft als irgendwelche selbsternannten Amateure, die sich die moralische Reinigung der Gesellschaft aufs Banner geschrieben haben. Der Observationsauftrag auf einem koreanischen Golfplatz ist inszenatorisch hart an der Grenze zur Lächerlichkeit und auch in den restlichen Actionsequenzen wird wenig Professionalität, dafür aber reichlich Gepose geboten, denn harte Jungs schießen natürlich beidhändig ohne Deckung. Dies mag in erster Linie natürlich dem geringen Budget geschuldet sein - im Vergleich zum ersten Teil könnte man beinahe dem Glauben verfallen, die Vereinten Nationen hätten bei Personal und vor allem technischer Ausstattung den Rotstift angesetzt. Da wird unbeholfen mit drittklassigem Überwachungsequipment jongliert, die Bewaffnung läßt zu wünschen übrig und eine ordentliche Kampfchoreographie war auch nicht drin. Stattdessen reicht es aus, bei Schießereien hinter einem Sofa in Deckung zu gehen oder die Kugeln mit einem Koffer abzufangen (wobei natürlich nur Sidekicks in Deckung gehen).
Zu guter letzt ist Shaw nicht halb so bewandert in Sun Tsus Strategieklassiker, wie man anhand seiner ständigen Off-Zitate aus der "Kunst des Krieges" meinen könnte, denn er fällt auf einen der ältesten Frauentricks aller Zeiten (hinter dem unschuldigen Opfer verbirgt sich ein heimtückisches Biest) herein und schleppt Sung Hi Lee zuerst in die Kiste und danach geradenwegs zu seiner Chefin ins UN-Hauptquartier - nichts anderes hatte der Sabotage-Bunny ja geplant, zum Glück kommt noch rechtzeitig der dusselige Assistent hinzu. Somit scheint sich immerhin das Frauenbild von Gerry Lively ein wenig weiterentwickelt zu haben: abgesehen von SHATTERED LIES (wo sexuelle Bedrohung und weitestgehend hilfloses Heimchen streng getrennt waren) erfüllte die Damenwelt bisher bestenfalls die Funktion von Staffage, wohingegen sich am Ende von ART OF WAR III sogar die Mutterfigur (respektive UN-Chefin) als skrupelloses Stück erweist, so daß der überforderte Shaw kurzerhand den Dienst quittiert.
Filmtechnisch kann man eine klare DTV-Optik (bei Lively Standard; vielleicht sollte er lieber wieder als Kameramann arbeiten) und hektischen Stakkatoschnitt bewundern, die aber nur unzureichend über die schwachen schauspielerischen Leistungen und die lahme Action hinwegtäuschen.
ART OF WAR III war übrigens zunächst als eigenständiger Film mit dem Titel INTERVENTION geplant. Im Zuge der Resteverwertung durch den Konkurs von Franchise Pictures wurde jedoch die Lizenz für ART OF WAR frei, so daß man sich entschloß, INTERVENTION als zweiten Teil zu vermarkten. Aufgrund der dilettantischen Machart verzichtete man dann schließlich ganz auf eine Veröffentlichung.
Nachdem sich Wesley Snipes 2008 für die ebenfalls eher unterdurchschnittliche DTV-Produktion THE ART OF WAR II: BETRAYAL hergab, erklärte man in dessen Gefolge INTERVENTION kurzerhand zum dritten Teil der Reihe.
Daß einige aufgesetzt wirkende Sun Tsu-Zitate und eine elegante Titelsequenz mit asiatischen Schriftzeichen natürlich nicht ausreichen, ART OF WAR III in die Höhen solider Actionware, wie sie der schick fotographierte erste Teil darstellte, zu erheben, dürfte einleuchten. Im direkten Vergleich hat sogar der schwache zweite Teil noch deutlich die Nase vorn, da man hier immerhin Wesley Snipes und einige nette Kloppereien geboten bekommt.
ART OF WAR III hingegen ist selbst im alles andere als rühmlichen Werk von Gerry Lively ein Tiefpunkt.