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Neben den Heroic Bloodsheds und den Martials Arts Werken war es vor allem der Category III Film, der Anfang der 90er das grösste Aufsehen im Westen erregte und die kantonesische Kino- und besonders Videolandschaft über einige Jahre hinaus erblühen liess. Einmal in Kontakt mit der Filmproduktion generell gekommen stiess man schnell auf unglaublich klingende Geschichten, die mit vermeintlichen Tabubrüchen als Marketinganreiz gespickt waren und die wüste Phantasie und Neugier auf Neues unweigerlich anzulocken vermochten.

Ehedem kam es durchaus vor, dass der Anfänger neben dem obligaten A Better Tomorrow auch gleich allein wegen des Titels Ebola Syndrome mitbestellte; ein mittlerweile eher durch seinen zügellosen Trashgehalt und dem ungewöhnlichen afrikanischen Setting unterhaltsames Werk, dass so manche kranke Idee mit viel Absurdität und einer over-the-top performance verbindet, aber nie wie heutzutage beliebt in purem Sadismus umkippt. Der damalige Regisseur Herman Yau hatte lange Zeit sowieso einen Ruf wie Donnerhall. Zwar sorgte er seit jeher für sehr unterschiedliche Genreware, die auch Action und gewöhnlichen Episoden-Horror miteinschloss, war allerdings auch mitverantwortlich für Untold Story: Den Ur- und gleichzeitig Übervater des CAT III Filmes.
Heutzutage überschatten diese Arbeiten nicht mehr seine folgende Karriere, die sich mittlerweile eh noch vielseitiger gestaltet hat; aber allein sein Name in Verbindung mit einem neuen Vertreter dieser inzwischen Dank häufigen Gebrauchs abgenutzt-brachliegenden Gattung sorgte rasch für entsprechende Rückschlüsse und folgerichtige Erwartungen.

Am 10ten Mai 2007 startete Gong Tau auf den Leinwänden, allein auf weiter Flur, hielt sich eine Weile wacker hinter den amerikanischen Blockbustern Pirates of the Caribbean: At World's End und Spider-Man 3 sowie der koreanischen Komödie 200 Pounds Beauty und spielte am Ende gute 2,3 Millionen HK$ ein. Mit dem kommerziellen Todessiegel – Cat III ist in etwa vergleichbar mit dem früheren X-Rated und jetzigem NC-17 – und einem eher wenig massenkompatiblen Cast ausgestattet durchaus eine reife Leistung für Exploitationware. Das Interesse war bereits bei der Ankündigung da und hat sich auch zielstrebig in vermehrte Aufmerksamkeit niedergeschlagen; Gong Tau ist dabei gleichzeitig ein Querverweis zu dem früheren Geschehen als auch eine Neuanfertigung mit individueller Anpassung und Vervollständigung dieser Muster. Ein Halbwesen mit der Fähigkeit zum Gestaltwandel. Yau, der sich gerade die letzten Jahre weiterentwickelt, seine eigene Kreativität zunehmend ins Spiel gebracht und dadurch stark gemausert hat, erzählt mit bekannten Mitteln, lässt aber manche grundsätzliche Begebenheiten schlichtweg aussen vor:
Man tut nicht einmal so, als ob man sich auf realen Tatsachen ausruht oder gar davon inspiriert wurde, die elendigen "psychologisch begründeten" Rückblenden fallen nahezu vollkommen unter dem Tisch und der teils unfreiwillige, öfters aber auch absichtlich eingespeiste Klamaukansatz bleibt ebenfalls daheim.
Stattdessen bewegt man sich auf den Pfaden eines übernatürlichen Polizeithrillers.

Organized Crime & Triad Bureau Officer Rockman Cheung [ Mark Cheng ] verfolgt zusammen mit seinem Partner Sum [ Lam Suet ] den Flüchtigen Lam Chiu [ Kenny Wong ], der vor Jahren mit Fat Wah [ Hui Siu-hung ] einen bewaffneten Raubüberfall durchgezogen hat. Wobei Cheung ihn mit einem Schuss in den Kopf stellen konnte; dies statt einer lebensgefährlichen Verletzung nur eine Schmerzunempfindlichkeit nach sich zog und Lam Chiu für 12 Jahre ins Gefängnis wanderte. Mittlerweile wieder entlassen geschehen mysteriöse Ereignisse, die nicht nur Cheungs Kollegen, sondern auch seine Frau Karpi [ Maggie Siu ] und ihr Neugeborenes in Gefahr bringen.

Neben einigen Polizisten, die nachts auf regennasser Strasse ihr Leben aushauchen ist auch das Baby bereits nach wenigen Minuten tot; Yau scheint sich besonders in der ersten Viertelstunde ganz gezielt darauf zu versteifen, den wißbegierigen – oder vielleicht doch gaffenden ? – Liebhaber der einstigen Schocker mit so allerlei destruktiven Impulsen zu bedienen. Um dann das Setting konkret justiert doch etwas weniger klassisch, aber trotzdem schon im gewissen Sinne konventionell zu formulieren. So darf sich das geneigte Publikum einleitend an lasziven Tänzen, full frontal nudity, von Pestbeulen zerfressener Haut, Selbstbefriedigung mit Ejakulation in Grossaufnahme, aus allen Körperöffnungen zerfliessenden Leibern und einer ausführlichen Obduktion erfreuen; wobei gerade die Autopsie nicht nur den pedantischen CSI Jüngern als schon ein bisschen übertrieben ins Auge fallen dürfte. Auch die Tierfreunde kommen auf ihre Kosten; Cop Cheung überfährt beim Heimweg aus Versehen eine Katze und hat dann alle Not, deren Einzelteile aus dem Radkasten zu entfernen.

Das wars dann erstmal an Effekten und es reicht eigentlich auch; weder könnte man diesen Akkord wirklich explizit steigern, noch liesse sich daraus eine dramaturgische Nutzbarkeit ableiten. Daran hapert es sowieso ein bisschen; die Handlung stützt sich sehr auf dem spirituellen Faktor des Gong Tau, der Schwarzen Magie, des Voodoos ab, und verlässt sich darüberhinaus narrativ einzig auf die Cops VS Robbers Formel. Befragungen, Verhöre, Dienstwege und Gespräche unter Freund und Helfer allein bringen nicht gerade Druck in die Angelegenheit, auch wenn man hier und da mit der früher ebenfalls unentbehrlichen Polizeifolter daherkommt [Statt Telefonbuch und Hammer gibt es im modernen HK die auf "kalt und zugig" gestellte Klimaanlage].

Da man die Entwicklung ohne Spass und Schabernack voranbringen möchte, auf zumeist ruhige Szenen beileibe nicht verzichtet und seinen Figuren im Nachtreich ein – zumindest im Kontext von fliegenden Köpfen, Okkultismus, Exorzismus und Sanguma – glaubwürdiges Eigenleben verleihen will, kann man wie beim vom Ausgangspunkt nicht unähnlichen Devil 666 - Satan's Return auch schlecht auf knacklustige Goofs, Holterdipolter Kung Fu und andere groteske Eingaben ausweichen. Yau macht diesen Fehler auch nicht. Zieht sich aber zu ängstlich auf die sichere Bodenhaftung seiner Grundidee zurück statt auf brüchiges Potenzial von Verunsicherung und Quälerei zu begeben und erzählt Bekanntes mit Satzwiederholungen und einer knappen, aber dennoch unnützen Retrospektive einfach noch einmal. Was in seiner Zerstückelung und Parzellierung leider die doppelte Bebilderung eines eh schon rudimentären Ablaufes zur Folge hat und nicht gerade materielle Hochspannung und Thrill in die buddhistische Kulthöhle erspriessen lässt. Während Yau sein Drehbuch als Zusatz von Hintergrund und Rahmen betrachtet, kommt seine eigentliche künstlerische Konzeption in Schauplatz, Ausleuchtung und stilistisch verfeinerter Bildgestaltung zum Ausdruck.

Optisch ist der Film tatsächlich im Neuen Jahrtausend angekommen; was man von den letzten aufsehenerregenden Repräsentanten There Is a Secret in My Soup [ 2000 ], Human Pork Chop [ 2001 ] und Bloody Buns [ 2002 ] noch nicht behaupten konnte. Statt einer altbackenen oder im gegensätzlichen Fall auch zu expressionistischen Fotografie verwendet man eine stimmungsvolle Parabelgallerie, die mit Normalperspektive, mittiger Aufteilung, quadratischem Format arbeitet, dem scheinbar übermässig lichtempfindlichen Material eine möglichst maximale Verfinsterung verleiht und die Motive trotzdem in allen Konturen, Kontrasten und Schatten wiedergibt. Es wäre ein makaberes Märchen in poetischer Atmosphäre, wenn dies nicht dem harten Geist des Stoffes widersprechen würde. Aufgrund der gegenwärtigen, durch Ärzte, Wissenschaft und andere staatliche Institutionen nicht erklär- oder gar greifbaren Bedrohung ergibt sich eine graphische Zeichnung von Einsamkeit, Depression und emotionaler Abgestorbenheit; sämtliche Lokalitäten sind weder von den großen Verkehrsstraßen noch Menschengewühl berührt, so dass das grabesstumme Dekor einen hermetisch geschlossenen Eindruck des verlebendigten Todes macht. Ein Meer aus irrealem Edelschwarz, in dem man aber obgleich einiger Abgründe nicht wirklich die Psychologie der Angstlust oder die Faszination des Verbotenen erforschen kann.

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