Review

„Anaconda“ ist Edeltrash erster Güte und hat eigentlich nur einen Sinn: Das Subgenre Tierhorror um eine weitere Gattung zu ergänzen.

Seinen Reiz bezieht dieses Amazonas-Abenteuer deswegen auch einzig und allein aus den Hauptdarstellern. Nein, weder La Lopez noch Jon Voight noch der gute Eiswürfel... die Schlangen sind gemeint. Trotz eines gerade aus heutiger Sicht (aber auch schon anno `97) künstlichen Aussehens verleihen die Kriecher dem ansonsten etwas charakterlosen Tropenambiente deutlich an, na sagen wir „Fluidität“. Das Geschehen rutscht und flutscht nur so vor sich hin, und schwupps, da ist die Truppe auch schon deutlich dezimiert und ihre Restbestände sehen sich dem ultimativen Endkampf gegen die Riesenschlange ausgesetzt.

Auf eine Geschichte sollte man ebenso wenig hoffen wie auf den Ausbau von Charakter-Unikaten. Vielmehr gibt es (nach einem netten Prolog mit Danny Trejo, in dem uns das Ausmaß der Gefahr verdeutlicht wird) einen krampfhaft erzwungenen und zusammengequetschten Vorwand, den Amazonas auf einem Tuckerboot zu durchqueren (dass es noch zusammengequetschter geht, zeigt das Sequel): Unsere Protagonisten sind Dokumentarfilmer und suchen nach einem Eingeborenenstamm, der sich nur in den Amazonasgebieten aufhalten soll. Wo die Ausgangsposition schon so dünn ist, hat der Restplot natürlich schwer mit einem Drahtseilakt zu kämpfen. Und so setzt sich der Stumpfsinn dann auch fort: Ein Schiffbrüchiger (Jon Voight) wird aufgegabelt und entpuppt sich als schmieriger Drecksack, der das Leben der Crew aufs Spiel setzt, nur um eine lebende Anaconda zu fangen.

Damit wäre dann das Festmahl serviert und die Party kann losgehen. Der Spannungsaufbau ist schleichend und geht zunächst einmal von der Crew aus. Mit der Zeit zeigt Voights Charakter sein wahres Ich. Owen Wilson dient dazu, die Hinterlistigkeit Voights zu veranschaulichen, wenn er sich langsam von dem Neuen einwickeln lässt und der immer mehr das Kommando übernimmt. Nachdem Lopez` Freund durch ein Insekt bewegungsunfähig gemacht wurde, erweisen sich die Lopez und Ice Cube als die einzigen Rebellen an Bord, werden aber mit der Flinte im Zaum gehalten.
Währenddessen wird immer wieder die ständige Präsenz der Gefahr unterstrichen, indem egoperspektivische Einstellungen aus Sicht der Schlange eingeworfen werden. So, wie der Predator, aber ohne Thermoblick. Richtig zu Gesicht bekommen wir das Vieh nur selten; wenn, dann nur in der Detailansicht, ohne dass man wirklich etwas erkennt. Zum Beispiel in der Szene, in der ein Panther zur Vorspeise wird.

Kleineres Getier ebnet dann den Weg für das eigentliche Monstrum. Die Tropenwälder werden als ungemütliches Habitat dargestellt, als ein abgeschlossenes Ökosystem, in dem der Mensch einen Fremdkörper abgibt. Erst sind es nur lästige Moskitos, und die Stimmung ist noch entsprechend locker. Man macht sich warme Gedanken und stellt sich die urbanen Dinge vor, die einen zu Hause wieder erwarten. Ein erster Schock und für den Zuschauer ein schön-ekliger Wachmacher ist dann das besagte Ausknocken des Lopez-Freundes durch ziemlich exotisches Kleinvieh. Aber auch Kleinvieh macht Mist, und so muss der arme Kerl um sein Leben kämpfen.
Dann gibt's noch ein paar kleine Schlangen, bevor irgendwann urplötzlich der erste Anaconda-Angriff stattfindet, der durch das Vorgeplänkel um so gigantischer wirkt. Die Attacke erinnert leicht an irgendwelche Octalusfilme, ist rasant und spaßig. Sollte der Anspruch gewesen sein, hier Schocks und Furcht beim Zuschauer auszulösen, dann hat der Film sein Ziel verfehlt. Aber das macht überhaupt nix, denn auch so erfüllt das Gezeigte seinen Zweck.

In der zweiten Filmhälfte bekommt man die Schlange viel öfter zu Gesicht; um so stärker treten die Special Effects in den Vordergrund. Und auch deren Billigkeit. Denn die Künstlichkeit ist mehr als offensichtlich und erstreckt sich über die Konstanz der Schuppen, die Färbung sowie die Bewegungsweisen des Tiers. Aber auch das macht überhaupt nix. Im Gegenteil, ein gewisser Charme ist diesem Vieh nicht abzusprechen. Wenn man etwa sieht, wie die Schlange unter Wasser herumschwimmt und sich die Körperform eines gerade verputzten Menschen auf der schuppigen Haut abzeichnet, dann ist das ein Bild für die Götter. Auch die Interaktion mit der Umgebung – Wasser, Blätter, Staub – ist alles andere als perfekt, aber unglaublich interessant zu verfolgen. Gar nicht zu sprechen von geradezu amateurhaften Programmierfehlern wie etwa dem rückwärtslaufenden Wasserfall.

Absolut enttäuschend, aber nicht anders zu erwarten ist die Opferreihenfolge und die Auswahl der glücklichen Überlebenden. Einer bekommt`s dann auch besonders dicke. Sein Tod ist der unbestrittene Höhepunkt des Films, obwohl es auch danach noch ordentlich zur Sache geht.

Ich muss sagen, mir hat „Anaconda“ ungeachtet seiner extremen Unvollkommenheit gefallen und sogar richtig Spaß gemacht. Das mag daran gelegen haben, dass mir ansonsten kein vergleichbarer Schlangenhorrorfilm geläufig ist und mich die Dynamik dieser unverhältnismäßig großen Monster mitgerissen hat. Die gut eingestreuten Ekeleffekte (natürlich alles im PG-13-Rahmen) und der trashige Unterton machen das Sehvergnügen komplett und machen die schwache Story, die Klischees und weitgehende Vorhersehbarkeit vergessen.
Mit etwas Sympathiebonus deswegen
6/10

Details
Ähnliche Filme