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Die Fallhöhe, die ein Mensch erleiden kann, war schon immer von besonderer Wichtigkeit im Hollywood-Kino, um extreme Verhaltensweisen zu begründen. Durch die Vermischung zweier Handlungsstränge - dem in der Gegenwart auf ein unbekanntes Ziel zusteuernden Thomas Archer (Ron Eldard) und dessen erfolgreiches Berufs- und heiles Familienleben in der Vergangenheit - wird schnell deutlich, welch hartes Schicksal den Mann ereilt hat.

Ein unbekannter Einbrecher hat seinen Sohn getötet (und nebenbei auch das Kindermädchen) ,seine Frau misshandelt und ihn niedergeschlagen. Seit dieser Zeit ist der erfolgreiche Architekt weder in der Lage zu arbeiten, noch kann er das Geschehene verarbeiten. Dazu lässt ihn die Polizei noch im Stich, da sie ihre Ermittlungen aus Personalgründen einstellt, aber immerhin unterstützt ihn der Polizeidetektiv (Patrick Kilpatrick), der ihm rät, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Durch einen Tipp gerät er an den Psychiater Dr.Heller (Christopher Plummer), der ihm - nachdem die Sitzungen bei ihm keinen Erfolg zeigen - eine Geheimorganisation empfiehlt, die ihm gegen eine üppige Bezahlung die persönliche Gelegenheit zur Rache geben kann. Aus Sicht des Psychiaters die einzige Möglichkeit für Archer, sein Trauma zu überwinden.

Während diese Ereignisse noch einmal in Archers Erinnerung ablaufen, bewegt er sich auf einen geheimen Ort zu, wo der Täter schon darauf wartet, von Archer bestraft zu werden. In einer versteckten Folterkammer stehen ihm eine Vielzahl von Folterinstrumenten zur Verfügung und Archer fackelt nicht lange, bis er beim Versuch die rechte Hand zu nageln, bemerkt, dass der Unterarm nicht über die Tätowierung verfügt, die ihm beim häuslichen Angriff aufgefallen war. Er beginnt die Schuld des gefesselten Mannes (Til Schweiger) in Zweifel zu ziehen...

"Rache" entwickelt sich nach diesem Auftakt zu einer Art Kammerspiel, in dessen Mittelpunkt nur Archer und der verdächtige Mann stehen. Bis auf geringe Ausnahmen zu Beginn, beschränkt sich der Film auf eine Location - ein riesiges verwaistes Industriegebäude, aus dem die beiden Protagonisten fliehen wollen. Bei den Verfolgern handelt es sich um anonyme, maskierte Männer und es braucht beinahe bis zum Ende des Films bis die Gegner ein Gesicht bekommen.

Eine solche Konzentration auf das Wesentliche hat einige Vorteile in der Inszenierung, die atmosphärisch sehr gut genutzt werden. Auch die schauspielerischen Leistungen der unfreiwilligen Partner können überzeugen, aber die größte Notwendigkeit einer solchen Konstellation liegt in der Schlüssigkeit der psychologischen Verhaltensweise - und hier versagt "Rache" vollkommen.

Das beginnt schon bei dem eigentlichen Verbrechen, dessen Motiv nie deutlich wird. So ist es nicht nachvollziehbar, warum der Einbrecher das Kind tötete, aber seine Eltern am Leben liess - mit dem Risiko wieder erkannt zu werden. Das die Polizei aus Personalgründen die Nachforschung bei einem solchen Schwerverbrechen aufgibt, gehört in den Giftschrank üblicher Paranoia-Vorstellungen bei Rachefilmen, die immer davon ausgehen, dass das Gesetz unfähig ist, die Täter zu bestrafen, um damit der Selbstjustiz die notwendige Legitimität mitzugeben.

Völlig misslungen ist auch die Charakterisierung des Thomas Archer, dem man die Fähigkeit für das Foltern keine Sekunde abnimmt. Vielmehr versteht man, dass er dem Gegenüber, als er Zweifel an dessen Schuld bekommt, eine Chance gibt. Das passt zu dem eher weichen Typus, dem man Sensibilität im Beruf und Familienleben ebenso glaubt, wie die anfängliche Unfähigkeit mit der Waffe zu schiessen. Deshalb wirken die Folterungen trotz einer gewissen optischen Härte nicht wirklich bedrohlich, weil man nie den Eindruck verliert, dass hier Jemand nur Foltern "spielt".

Til Schweiger als "The Man" ist in seiner zurückhaltenden, nicht an wirklicher Aufklärung interessierten Art die überzeugendste Figur und letztlich die Einzige, von der etwas Spannung - sprich Unklarheit - ausgeht. Aber auch sein Zusammenspiel mit Archer krankt an den unschlüssigen Voraussetzungen. Der gesamte Hintergrund der Aktion, den Täter unter der Obhut einer Geheimgruppe durch das Opfer liquidieren zu lassen, wirkt konstruiert. Die Idee von geheimen Organisationen, die das Gesetz in eigene Hände nehmen, ist nicht neu, aber in der Regel konnten diesen immerhin so etwas wie Wahnsinn oder eigene negative Erfahrungen angedichtet werden.

In "Rache" bleiben deren Motive dagegen unschlüssig. Wenn ihnen an der Bestrafung von Tätern gelegen ist, die nicht vom Gesetz überführt werden konnten, stellt sich die Frage, warum sie das nicht gleich selbst mit ihrer Privatarmee bewerkstelligen - sie haben ja auch keine Hemmungen, sofort auf Archer und "The Man" zu schiessen, nachdem die Sache nicht wie geplant läuft. Und damit immerhin auf einen Unschuldigen. Ähnlich liesse sich ihr Verhalten begründen, wenn es ihnen ums Geld ginge - quasi mit einem geschickt getarnten Psychobetrug labiler Opfer. Spätestens wenn das Opfer in ihrer Obhut wäre, bräuchte man ihm nur das Geld abzunehmen und ihn erschiessen. Warum dann noch die Umsetzung des Geschäftes beginnen ? - Von Mundpropaganda bei Erfolg lebt die Truppe sicherlich nicht.

Diese Überlegungen könnte man natürlich hinten anstellen und einfach die optisch ordentlich umgesetzte Action geniessen, deren Anlass "Rache" spätstens nach dem ersten Drittel gar kein Thema mehr ist - folgerichtig heißt der Originaltitel des Films "Already dead". Nur fällt dieser Genuss äußerst schwach aus, da nie echte Spannung aufkommt, weil die Motive der Beteiligten und ihre Verhaltensweisen keinen nachvollziehbaren Hintergrund haben. Positiv könnte man auch bemerken, dass hier kein Selbstjustiz verherrlichendes Opus herausgekommen ist, aber das ist kein echter Verdienst der Macher, sondern nur die Folge davon, dass es dem Film niemals gelingt, wirkliche Emotionen zu vermitteln - und seien sie noch so fragwürdig (2,5/10).

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