Review

Meilensteine bedürfen keiner Neuinszenierung, können ihr aber selten ausweichen. Weil das Echo allüberall meistens recht schlecht ist, hat man sich den Ausdruck „Re-Imagination“ einfallen lassen, das klingt nicht so abgedroschen wie „Remake“ und soll nach „mehr“ klingen.
Regisseur Rob Zombie, Schöpfer gefeierter Horror-Terror-Werke wie „The Devils Rejects“, durfte sich jetzt an Halloween versuchen und versprach eine eigene Interpretation des Stoffes, auch wenn niemand ihm so recht zutrauen mochte, dem unheimlichen Thriller noch etwas Bedeutsames beifügen zu können.
Immerhin, er hat es versucht.

Aber fangen wir am Anfang an: das Beste, was man über Zombies „Halloween“ sagen kann, ist seine Idee, Michael Myers eine Art Background zu verpassen, seine Familiengeschichte auszuweiten.
Myers kommt jetzt nicht mehr wie der sechsjährige Killer aus dem Nichts einer gutbürgerlichen Familie, sondern ist ein zehnjähriger und leicht speckiger Abkömmling übelsten White-Trashs. Die Mama strippt, der Stiefpapi ist ein saufender Maulheld und die Schwester lässt es sich rundweg besorgen. Dazu hat Zombie zur näheren Charakterisierung offenbar einiges über Serienmörder gelesen, denn Michael quält und schlachtet reichlich Tiere, die übliche Vorstufe zum Psychopathenmord.

Alsbald ist es dann auch soweit, erst muß ein Mitschüler dran glauben, dann die Familie bis auf die treusorgende Mutti und natürlich das Baby, aus dem dann Laurie Strode wird. Vom Kill geht’s in die Klappse, wo man den Behandlungsprozess ein wenig aus der Nähe betrachten kann, auch wenn Malcolm McDowell mit langen Hippiehaaren ganz schön beschissen aussieht und auch sonst den Stoff derbst übertreibt.

Bis dahin hat, trotz einigen Blutes, Zombie noch unser Interesse – Höhepunkt ist sicher der Mord an einer Schwester in der Psychiatrie, in der Sirenen die Schreierei aller Anwesenden überdecken.
Dann aber, nach einer knappen Dreiviertelstunde geht die Talfahrt los. Myers, inzwischen zum 2-Meter-Giganten herangewachsen, bricht aus, meuchelt gleich ein halbes Dutzend Wachleute und einen bärigen Trucker (Ken Foree aus „Dawn of the Dead“) und macht sich auf nach Haddonfield.

Von da an fühlte sich Zombie offenbar dem Vorbild Carpenters verpflichtet, inszeniert er doch nun die Schlussstunde von dessen „Halloween“ mit leichten Veränderungen teilweise Einstellung für Einstellung nach, proppt das aber in gerade mal gut die Hälfte der Zeit.
Zombie beschränkt sich aufs Wesentliche: die drei Mädchen, der Sheriff, die Bedrohung vor der Schule, der Junge, das Babysitten und der damit verbundene Beischlaf.
Dazwischen versucht Loomis verzweifelt, den Sheriff zu überzeugen – insofern alles wie gehabt. Dabei merzt das Skript so manche Schwäche des Originals aus, die lange Autofahrt fällt weg, der Einbruch auch, die körperlichen Kräfte Myers werden erklärt.

Aber neben dem angezogenen Tempo kann Zombie nicht widerstehen. Er wollte drei Fronten gleichzeitig beliefern: die Old-Schooler, die neue junge Horrorfront und alle Thrillerfans auf der Suche nach Substanz. Aber irgendwie scheitert er dabei dreimal.
Offenbar ist es nötig, das Interesse dann doch mit reihenweise recht deftigen Morden am Leben zu erhalten, ergo müssen noch Polizisten, Lauries Adoptiveltern usw. dran glauben – was Zombie wieder einmal sein Markenzeichen erlaubt: monströse Leute quälen und töten andere Leute. Die Männer sind sofort weg vom Fenster, bei den Frauen steht Zombie auf ein bisschen Zappelei, Schreierei und Tränen, die ganz persönliche Prise Torture-Horror für zwischendurch. Das ist inzwischen nicht nur abgedroschen und beim dritten Mal quälend langweilig, es gehört auch nicht hierher, Gewaltexzesse genüsslich auszuwalzen.

Und alsbald beginnen die Fragezeichen zu blühen: was will Myers denn nun von Laurie, wird Loomis im Film gefragt und hat keine Antwort. Daraus bezieht der Film ebenfalls ein gewisses Interesse.
Doch für Antworten reicht es leider nicht. Aus unerfindlichen Gründen weiß Myers offenbar, wen er zu suchen hat, ebenso unerklärlich verschont er schließlich eins seiner Opfer, obwohl schwer verletzt. Bei der Konfrontation mit Laurie fällt er letztendlich auf die Knie – eine Bitte um Verzeihung?

Aber das ist letztendlich auch egal, denn die Gute sticht ihn nieder und der Showdown des Originals nimmt seinen Lauf bis zum berühmten „Schwarzen Mann“ – und prompt ist Myers wieder da und wirft das ganze Konstrukt über den Haufen, die komplette Vermenschlichung Myers weicht der scheibaren Unzerstörbarkeit, die hier erst recht in Frage gestellt werden kann, dem Übernatürlichen, für das es keinen Hinweis gab.
Ein endloser Zweier-Showdown im abbruchreifen Myers-Haus kostet dann auch noch den letzten Nerv und die hysterische Schlussszene beantwortet sowohl Fragen, wie sie auch so manche aufwirft.
Zum Beispiel die, wohin Zombie mit diesem Film wollte.

Irgendwo in der Mitte muß ihm die Absicht dahinter abhanden gekommen sein, feiert er dann doch lieber eine klassische Schlachteparty und kommt den Gorefreaks der Postmoderne entgegen und widerspricht sich selbst. Die guten ersten 30 Minuten bleiben davon mal unberührt, danach erhebt sich ein Fragezeichen über Sinn und Zweck, warum dieser Film gemacht wurde. Vielleicht, weil der Regisseur einfach die Möglichkeit dazu hatte.

Aber mag er u.U. Carpenters Film auch verstanden haben, damit anfangen kann er nichts.
Zombie ist ein passabler Entertainer, jemand der aus Materialien etwas anfangen kann – aber es fehlt am genialen Funken und der kreative Bereich, den Zombie beackert, ist verdammt schmal.

Insofern ist „Halloween“ kein wirklich schlechter Film. Man kann eine Menge entdecken und hier und da muß man auch ein Lob verteilen. Danach wird aus dem Film jedoch eine ungenießbare Melange aus Carpenterzitaten und modernem Teeniehorrorkino, das maximal durch seine Rücksichtslosigkeit punkten kann.
Und das, Mr.Zombie, ist für junge Horrorfans, die Horror mit Blut und Gewalt gleichsetzen, vielleicht genug – für die Geschichtsbücher reichts bei weitem nicht. Leider, irgendwie! (4/10)

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