Seine Ratte sei gestorben, verkündet der zehnjährige Michael mit traurigem Blick seiner Mutter. Dabei war er es selbst, der das kleine Tier ermordet und anschließend in der Toilette entsorgt hat. Auftakt zu einer Mordserie, an deren Ende die eigene Familie steht.
Auch Dr. Samuel Loomis, welcher den Jungen nach dessen entsetzlicher Tat in der geschlossenen Psychiatrie behandelt, weiß sich in Bezug auf diesen verschlossenen Jungen mit dem Maskenfetisch, der sich Stück für Stück von der Welt abkoppelt, nicht mehr zu helfen. Sicher, ein wenig Kapital ist aus der ganzen Sache noch zu schlagen, indem man den jahrelangen Therapieverlauf in Buchform bringt und damit auf Lesereise geht.
Dann gelingt Michael der Ausbruch…
…und bis hierhin ist Rob Zombies „Halloween“ eine erfrischende Neuinterpretation, nicht der von vielen Fans befürchtete Verrat an der Vorlage. Denn in der entscheidenden Frage bleibt Zombie glücklicherweise vage: Michaels Umfeld ist zwar drastisch gezeichnet, liefert aber keine eindeutige Erklärung für sein Verhalten, das mehr auf schierer Langeweile als den Hänseleien seiner Mitmenschen zu fußen scheint. Und immerhin sind da noch seine ihn liebende Mutter und die kleine Schwester, der er gegenüber so etwas wie Verantwortlichkeitsgefühle zeigt. Die schmierige White-Trash-Sphäre, die dieses kleine, helle Zentrum umfasst, entspricht nur besser dem, was man sich von einem „echten Zombie“ erwartet.
Hätte der Regisseur nun weitergemacht, den durch zu viele unterdurchschnittliche Sequels schwerfällig gewordenen Mythos vom stummen Bleichgesicht ganz ad acta gelegt respektive mit einem saftigen Arschtritt in die Tonne befördert - das Ergebnis wäre wesentlich eigenständiger ausgefallen. Was spräche dagegen, dem nun ohnehin schon ansatzweise ausgeleuchteten Schwarzen Mann auch als Erwachsenen ein paar Dialogzeilen zu verpassen? Michael nicht zum Giganten heranwachsen zu lassen, um mit seiner unverletzlichen Standardphysis zu brechen? Den neu eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu gehen? Doch hier verlässt den für seine Unkonventionalität gefeierten Regiewüterich der Mut; der Schwenk zum Remake, den er ab der Hälfte mit Michaels Rückkehr nach Haddonfield vollzieht, nimmt der Geschichte deutlich jenen Schwung, den die Einleitung so gelungen aufzubauen imstande war. Sicher, wäre dies der erste „Halloween“-Film überhaupt, es wäre in Ordnung. Sicher, die dahinter stehende Überlegung eines nahtlosen Anschlusses an bewährte Muster und damit einhergehende Fanbefriedigung mag bei anderer Betrachtungsweise auch ihren Reiz haben. Aber der Verlust einer großen Chance wiegt letztlich doch schwerer. Zumindest für diejenigen, die Zombie auch weiterhin klaglos gefolgt wären. Für sie heißt es nun: Runter mit dem Puls. Halbherzigkeit regiert, wenn ganze Szenen der Vorlage nachgestellt und auch die der Serie eigene Zurückhaltung in Sachen Splatter zwar Berücksichtigung erfährt, dem rauen Auftakt aber kein entsprechendes Finale mehr hintenan zu stellen vermag. Auch die Verschiebung des Hauptfigur-Fokus erweist sich in dieser Hinsicht als wenig glücklich, denn wo der Ablauf der tödlichen Halloween-Nacht aus der Sicht des missverstandenen Monsters eine reizvolle, im Rahmen der Serie einmalige und zu Zombies Werk passende Interpretation gewesen wäre, trägt die ad-hoc-Konzeption rund um (eine immerhin angenehm moderne) Laurie Strode einfach zu dünn, um wirklich die Spannung aufrecht zu erhalten.
Stichwort Miss Strode:
Als der glühende Verehrer von Carpenters Werk, als der Zombie landläufig gehandelt wird, hätte ihm die Geschwisterkonstellation Michael-Laurie eigentlich nicht passieren dürfen. Denn um das noch einmal klipp und klar zu sagen: Laurie ist nicht Michaels Schwester! Dieser Dreh wurde seinerzeit erst durch Rick Rosenthals Sequel „Halloween 2“ hinzugefügt, um eine inhaltliche Bindung zu schaffen (und von etlichen Fortsetzungen dankbar aufgegriffen), entspricht aber in keiner Weise dem Originalkonzept, das mittels dieser beiden Figuren eine Initiationsgeschichte über repressive Sexualität erzählte. Lauries damaliger Sieg über Michael war ein Sieg über eigene Ängste mit einhergehendem Verlust der Unschuld. Schlusspunkt einer Kindheit, an dem das Verschwinden des mordenden Schreckgespensts dramaturgisch überaus wichtig war. Laurie als Identikationsfigur, Michael als Projektionsfläche für die Ängste des Zielpublikums.
Mit seiner Verwendung des Geschwisterkonzepts verbeugt sich Zombie zwar vor der Serie als Ganzem, festigt aber weiter ein Bild in den Köpfen der Zuschauer, das Carpenters Intention zu verwässern droht. Denn schon das bloße Vorhandensein einer Verwandten Michaels ist eine erhebliche Schwächung des irrationalen Schwarzen Mannes, um den, und das muss kritisch bemerkt werden, es Zombie immerhin auch zu gehen scheint (siehe die beharrlichen Fragen des kleinen Tommy an Laurie), da ihm damit ein nachvollziehbarer (und schon deutlich weniger angsteinflößender) Antrieb zugestanden wird. Der Anschluss an die etablierten Themenkomplexe ist da, aber nicht immer glücklich gelöst. Zombie sucht spürbar den Dialog mit Carpenters Werk, strebt förmlich eine Verschmelzung beider Filme an, wirkt dabei aber ähnlich verstockt wie seine Hauptfigur und verschanzt seine Ehrerbietung hinter einer Maske aus sorgfältig geplanten Einstellungen, sinnig verwendeter Musik und cleveren Besetzungscoups, ohne dem Publikum im Kern ein gleichwertiges Gefühl allumfassend-erdrückender Bedrohung anzubieten. Der Versuch ehrt ihn, aber sein Film ist in erster Linie ein großer Spaß. Und so betrachtet in Ordnung.
Aber für mehr wäre auch mehr nötig gewesen, als an der Oberfläche traditionsbrecherisch zu inszenieren und innerlich doch vor dem Original stramm zu stehen. Zombies Werk lässt dringend zur Eigenständigkeit benötigte letzte Konsequenz missen und liefert im Gesamtbild nur eine cineastische Süßigkeit ab, die es den an seiner Haustür klingelnden Fans zusteckt. Nette Sache. Aber für einen Zombie-Film: der blanke Horror.