Review

Um Himmels willen, Vogel der Nacht, was hat man bloß aus diesem Klassiker gemacht?
Kaum hat man sich durch mehrfaches Begutachten von Rob Zombies Debütkrachern Haus der 1000 Leichen (House of 1000 Corpses, 2002) und der entsprechend "zügelloseren"
Variante in Form einer Fortsetzung, The Devil´s Rejects (2005), hinreißen lassen, kommt nun diese Frechheit eines Versuchs an eigenmächtiger cineastischer Neuinterpretation daher, die mir Rob für die Zukunft zunächst mal unsympathisch erscheinen lassen dürfte - wobei zu betonen wäre, daß nicht das Wagnis des Regisseurs kritisiert wird, einen schon mal dagewesenen (genregemäß anerkannten) Film inszenatorisch und vielleicht
sogar inhaltlich wiederaufzubereiten, sondern eher die Art und
Weise, wie er sich dem ursprünglichen Meisterwerk annähert.
Während Carpenter fast gänzlich darauf verzichtete, seine schon längst zur Killer-Ikone avancierten Michael Myers-Figur mit biographischen Hintergrundinformationen auszustatten, hatte man für ihre neo-moderne Reanimation die durchaus akzeptable
Idee, ehemals Versäumtes nachzuholen. Toll, fabelhaft, denkt
man sich: Myers, der metaphorische Boogeyman aus schlimmsten Träumen und Erwartungen, der zu Fleisch gewordene Begriff des ultimativ Bösen an sich, durchlief also tatsächlich eine tiefreichende, linear-kindliche Entwicklung, fernab jeglicher Andeutungen aus Carpenters bekanntem Original. Und welches Resultat wird dem erwartungsvollen Zuschauer letztendlich präsentiert? Natürlich die zum
x-ten Male durchgekaute Freudsche Triebtheorie-Schablone, die auch heutzutage dem stumpfsinnigsten Publikum gegenüber nicht mehr zu verbergen vermag, mit welcher dramaturgischen Kleingeistigkeit manche Filmemacher punkten möchten.
Wow, ich war so überrascht wie seit langem nicht mehr! Aufgepaßt, Leute: Michael Myers hatte eine echt beschissene Kindheit - ringsum wurde er drangsaliert, sei es seitens
der Familie oder Mitschüler. Um sich emotional abzureagieren, befördert er anfangs noch mausgroße Hamster ins Jenseits, ehe er sein Betätigungsfeld auf Lebewesen seiner Gattung verlegt. Rob Zombies (nur scheinbar) zeitgemäß konstruierter
Michael Myers, ein urwüchsiger, durchaus animalisch wirkender, langhaariger Hüne, geht dabei dermaßen vehement und rigoros vor, daß man zunächst meinen könnte, einen Neuaufguß von Cunninghams Freitag, der 13. (1980) vor sich zu haben. Aber dem ist selbstverständlich nicht so! Man vertrat lediglich wieder mal die Auffassung - und diese Position reflektiert dieser Kuhfladen gutgemeinter Remake-Kunst durch und durch -,
daß die ungenierte Präsentation übermäßig blutiger, gewalttätiger Szenarien unbedingt auch in diesem Fall die Klientel von Horrorliebhabern erreichen dürfte, die schon
vorher neurassige Terrorstreifen im Stil von Hostel (2005) und Hostel 2 (2007; Eli Roth) zuließen - eine künstlerische Auslegung, die schlichtweg falsch ist, Murks!
Horrorfans besitzen zweifellos einen Faible für die Darbietungen des Splatterkinos (Horror-Subgenre mit eigener historischer Entfaltung), doch schätzen sie ebenso (manche sogar ehrfürchtig!) die inszenatorischen Höchstleistungen auf der Ebene der subtilen Erzählweise, ausgefüllt mit atmosphärischer Dichte und, wie Hitchcock es nannte, Suspense!
John Carpenters Vorlage aus dem Jahre 1977 besaß (und besitzt immer noch) genau diese Qualitäten: beim Publikum den kalten, vor allem schleichenden Schauer trotz Augenblicke reinen Terrors zu erzeugen. Hier zeigt(e) sich prinzipiell jenes
Urbestreben des Slasher-Movies, nämlich eigentlich gar nicht erzählen, sondern schockieren zu wollen - in Carpenters Film allerdings noch in einem wohltuenden Verhältnis zwischen Horror- und Thrillermotiven. Erst später changierte das
Slasher-Genre gemäß Mario Bavas Im Blutrausch des Satans (Reazione a catena, 1971) im Glanze tabufreier, bluttriefender
Gewaltbilder. Das Alles ist ("fangemäß") soweit auch völlig okay, aber mal ganz ehrlich: Behandelt Rob Zombie Carpenters fein abgestimmte Rezeptur für zeitgenössisches Horrorkino
wirklich respektvoll? Warum war es unumgänglich, beinahe jede Einstellung mit möglichst gewalttätigen Momenten auszustaffieren? Rob Zombie ignoriert (vielleicht unwillkürlich) ein wesentliches Grundelement des Originals, nämlich
die verschiedene Wahrnehmung beim Zuschauer durch sorgsame Kameraführung und begleitenden stimmungsvollen Score. Weder interpretiert noch variiert Rob Zombie das Halloween-Thema, er imitiert es! [Die völlig ideenarme Vorgeschichte zu Michael Myers´ Kindheit zählt hier für mich nicht, denn die ist so dünn wie´n Fliegendarm und daher ebenso
belanglos.
] Leider hat er dabei nicht verstanden, die von John Carpenter hergestellte Abstraktion des Bösen mit aufzunehmen. Er hat aus Myers immerhin ein Monster gemacht, berührbar konkret - darunter kann ich mir alles vorstellen, insbesondere Menschliches. Hingegen mit dem Begriff des "Schwarzen Mannes" hatte ich bisweilen meine Schwierigkeiten. Er umfaßte bisher nicht mehr als einen Schatten, stellvertretend für die Vorstellung des ganz und gar Diabolischen. Erstaunlicherweise hat Marcus Nispel in meinem Remake-Favorit Michael Bay´s Texas Chainsaw Massacre (The Texas Chainsaw Massacre, 2003) überzeugendere Kompetenzen an den Tag gelegt. Dieser Film, finde ich, ist zum Beispiel eine rundum gelungene Sache - ein Juwel der gegenwärtig grassierenden Remake-Welle!
Statt dessen ist Rob Zombies Halloween-Aufmöbelung wie ein Kaktus in der Sahnetorte - einfach unangenehm!

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