Review

"Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste,
Yo-ho-ho und 'ne Buddel voll Rum!"

Von allen Büchern, die ich zu Jugendzeiten verschlungen habe, war „Die Schatzinsel" eines der faszinierendsten Abenteuer, weil es direkt zum Träumen verleitete und mit dem Wunsch verbunden war, sich selbst auf die Suche nach jener geheimnisvollen Insel zu begeben, wo der sagenhafte Schatz des Piraten Flint vergraben sein sollte. Und so nahm Robert Louis Stevenson mit diesem Buch auch in meinem Regal einen Ehrenplatz ein neben etlichen Jules-Verne-Büchern und den Abenteuern von Tom Sawyer.

„Die Schatzinsel" ist eine Vorlage, die man als Liebhaber des Buches eigentlich als Film originalgetreu ohne weiteren Schnickschnack dargeboten haben will. So kennt und liebt man den Stoff und ärgert sich über jegliche Neuinterpretation, wie es ja in anderen Fällen immer wieder mal zu begutachten gibt. So gesehen ist die hier gezeigte Umsetzung aus dem Jahre 1972 - immerhin als internationale Koproduktion - schon mal von der Grundlage her als nicht völlig verunglückt zu bezeichnen, doch leider krankt der Film an einigem in der Ausführung. Über den Inhalt will ich nun wirklich keine Worte mehr verlieren, gehört dieser ja fast zur Allgemeinbildung.

Düster geht's zu in der Schenke „Admiral Benbow", dem Zufluchtsort eines alten Seebären mit der Schatzkarte in seiner Truhe, und die Einführung der mysteriösen Gestalten, die ihm nachstellen, ist ein gelungener Auftakt. Sowohl der geheimnisvolle Bewohner als auch seine Besucher „Schwarzer Hund" und der hinterhältige Blinde Pew sind genau die finsteren Gestalten, die man als Piraten erwarten sollte: Heruntergekommene Wracks, nicht mehr alle Körperteile unversehrt, ständig dem Rum zugetan und Flüche ausstoßend, auf dass die wenigen Gäste im Wirtshaus entweder das Weite suchen oder gebannt der Piratengeschichten lauschen.

Doch der recht sauber inszenierte Einstieg täuscht. Nicht nur, dass bereits der erste Protagonist in Gestalt des Schiffsjungen Jim Hawkins den Zuschauer leicht irritieren muss. Nun, in Stevensons Einleitung steht zwar nicht, wie alt unser Held ist, dennoch hätte ich mir unter dieser Person keinen Dreikäsehoch vorgestellt, der man eher ins Kinderferienlager als auf eine Abenteuerreise schickt. Dazu leider eben auch Pech für diesen Streifen, dass er sich nicht nur mit dem Buch, sondern auch mit anderen Verfilmungen messen lassen muss. Und so kommt mir auch der Mehrteiler aus dem Jahr 1966 in den Sinn, wo Hawkins als heranwachsender Jugendlicher, fast Erwachsenwirkender, wesentlich glaubwürdiger herüberkommt. Schon wenn man bedenkt, was auf der Insel alles von ihm abverlangt wird, einschließlich Schiffsklau und der Erschießung eines Gauners, kann man hier nur ungläubig mit dem Kopf schütteln.

Etwas besser weg kommt da zwar Long John Silver, der legendäre einbeinige Schiffskoch, doch wäre hier auch noch Luft nach oben gewesen. Durch Orson Welles immerhin mit einem bekannten Namen besetzt, erinnert der Rädelsführer der Piraten optisch eher an Bud Spencer, wobei man Komik hier nicht gebrauchen kann, denn auch seine Stimme erinnert sehr an Buddy und wirkt damit viel zu gemütlich und kaum bedrohlich. Auch hier ist in der oben genannten Verfilmung Silver wesentlich beeindruckender, nicht nur sein Aussehen als unheimlicher Kahlkopf war dafür verantwortlich, auch seine Art und Weise, mit ausdrucksstarken Worten und Gesten die Szenerie zu beherrschen und Leute zu manipulieren. Gerade die fragile Beziehung zu Jim Hawkins fällt dort bedeutender aus, als hier nur teilweise angerissen oder völlig unter den Tisch fallend. Stevenson hat nämlich schon mit der Figur Silver seine legendäre „Dr. Jekyll und Mr. Hyde" -Thematik in Ansätzen vorgeführt: Mal eine blutige Bestie, sogar vor kaltblütigem Mord nicht zurückschreckend, dann wieder der freundliche unverbindlich plaudernde Koch, der sich für seine Pläne gerade zu genial verstellen kann, und in seiner Nettigkeit Jim erzählt, wie gern er ihn im Grunde doch hat. Er bleibt im Prinzip bis zu seinem Verschwinden auf der Heimreise ein menschliches Rätsel, auch wie seine wahren Gefühle für Jim ausgesehen haben, kann nicht völlig geklärt werden.

Die weiteren Personen hingegen sind getreu ihrer Vorlage recht ordentlich getroffen, und so kann man Gottlob die Perückenträgerfraktion gut auseinander halten: Der scharfsinnige und schlaue Doktor Livesey als inoffizieller Anführer des Unternehmens, der etwas trottelige Friedensrichter Trelawney, der mit seiner Geschwätzigkeit von Anfang an eine echte Belastung für alle ist und der stets pflichtgetreue Kapitän Smollett. Der Rest, sprich die Schiffscrew, ist kaum der Rede wert, und so manch einer von ihnen wird auch die Heimreise nicht antreten.

Schade, dass man trotz manch Liebe zum Detail - wie auch die schön herausgeputzte „Hispaniola" - auf weitere Schauwerte verzichten muss. Das Inselflair kommt kaum zur Geltung, da man leider keine weit schweifenden Panoramablicke über die Insel genießen darf, auch sieht man kaum mal malerische Palmenhaine oder sonstige Flora. Das Blockhaus, wo sich dann noch recht blutige Szenen abspielen, liegt höchstwahrscheinlich auf einer verdorrten Wiese statt im Wald und verstärkt noch den trostlosen Eindruck.

Der einzige Freak, der den Zuschauer noch aus der Lethargie reißen könnte, wäre ja noch der Insulaner Ben Gunn, doch der seit Jahren auf dem Eiland festsitzende Ex-Pirat gibt auch nur ein verblödetes Robinson-Crusoe-Abziehbild her, ohne richtig beeindrucken zu können. Wenigstens geht es im letzten Drittel dann einigermaßen flott und geradlinig dem Ende - dem Schatzfund - entgegen und bei einem abschließenden Resümee stellt man sich dann die Frage, woran man sein Missfallen allgemein festmachen sollte.

Nun, eine originalgetreue Adaption allein macht noch keinen guten Film, auch nicht für eifrige Verfechter der Buchvorlage. Es fehlt hier einfach das gewisse Etwas, ein Tick mehr Leidenschaft bei den Schauspielern und die nicht immer stimmige visuelle Umsetzung. Wenn dann ausgerechnet die beiden Hauptdarsteller wenig glänzen können, ist die Enttäuschung natürlich vorprogrammiert. So bleibt es bei einer mittelmäßigen TV-Verfilmung. Doch ich habe immerhin Lust bekommen, mir die Version aus dem Jahr 1966 nach Jahrzehnten wieder mal anzutun. Von der weiß ich zwar nicht mehr viel, aber Jim Hawkins und Glatzkopf Long John nebst Papagei sehe ich immer noch vor meinem geistigen Auge. Warte mal gespannt auf eine Wiederholung...

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