Nachdem ich mit A History of Violence bereits eine augesprochen gute
Zusammenarbeit zwischen David Cronenberg und Viggo Mortensen
begutachten konnte, war ich natürlich sehr gespannt auf Eastern
Promises. Aber leider kann ich schon vorweg sagen, dass meine
Erwartungen nicht erfüllt worden sind; man kann sagen, dass der neue
Film von Cronenberg auf hohem Niveau enttäuscht.
Die Geschichte handelt von der jungen Londoner Krankenschwester Anna
(Naomi Watts), die den Tod einer jungen Russin bei der Entbindung
erlebt und danach zufällig an ihr Tagebuch gelangt. Sie findet darin
die Visitenkarte eines russischen Restaurants, dessen Besitzer reges
Interesse an dem Tagebuch zeigt. Bald findet sie mittels ihrem
russisch-stämmigen Onkels heraus, dass dieses Tagebuch eben jenen
Restaurantbesitzer, der ein hohes Tier der Londoner Russenmafia ist,
schwer belastet. Sie bittet den Chauffeur des Familienclans, Nikolai
(Viggo Mortensen), um Hilfe. Dieser hegt Gefühle für sie, ist aber
genauso stark an seinem Aufstieg im Machtgefüge der Familie
interessiert.
Die Inhaltsangabe suggeriert, dass es sich bei der Hauptfigur dieses
Films um die Figur der Krankenschwester handelt, aber Cronenberg legt
seinen Schwerpunkt ganz eindeutig auf die des Nikolai. Dieser wird von
Viggo Mortensen geradezu brillant verkörpert, jede Geste, jeder Blick
zeigt intensiv die innere Zerrissenheit des Charakters. Auch den
anderen Clanmitgliedern wird sich recht ausführlich gewidmet. Die
anderen Figuren, auch die der Krankenschwester, bleiben leider sehr
blass. Der Polizist bekommt sogar nur einen ungefähr ein-minütigen
Auftritt und verschwindet dann bis zum Schluss des Films, wo er dann
aber eine äußerst wichtige Position annimmt und zumindest ich erst kurz
rätseln musste, wer das eigentlich noch einmal war. Lediglich der Onkel
von Anna überzeugt als skurriler Nebencharakter.
Cronenberg lässt sich anfangs viel Zeit, was leider auch für ein paar
Hänger in der Mitte sorgt. Am Ende des Films hatte ich auch nicht das
Gefühl gerade mal 100 min im Kino gesessen zu haben, sondern deutlich
länger. Leider hat sich Cronenberg diese 100 min aber nicht optimal
eingeteilt. So werden einige eher unwichtige Szenen äußerst ausführlich
dargestellt und über wichtige Wendungen am Ende werden nur kurz ein
paar Worte verloren und man muss als Zuschauer erst mal kurz
nachdenken, was jetzt überhaupt passiert sein könnte. Nichtsdestotrotz
ist die Schlusspointe tatsächlich überraschend und unerwartet.
Technisch ist der Film schlichtweg genial umgesetzt. Vor allem die
unglaublich stimmige Beleuchtung trägt viel zur äußerst dichten
Atmosphäre bei. Gewalt gibt es zwar nicht viel, aber wenn, dann geht es
richtig heftig zur Sache; aber immer mit Messern, Schusswaffen gibt es
in diesem Film nicht.
Cronenberg wollte mit diesem Film die Macht- und Gewaltverhältnisse im
Mafiamilieu ausloten. Das ist ihm auch sehr gut gelungen aber
seltsamerweise ist die Auflösung der Geschichte sehr diffus, fast
nebensächlich. Alles in allem ein sehr atmosphärischer Mafiafilm mit
kleinen Schwächen.
7/10