Review

»I’ve already won, because I tried.«

Tag für Tag trainiert der Lehrer und Familienvater Steve Wiebe an einer Arcade-Maschine in einer Garage. Sein Ziel: den Weltrekord für den Spieleklassiker »Donkey Kong« aufstellen. Als er als erster Mensch überhaupt einen Highscore von über einer Million Punkte erreicht, will die Organisation Twin Galaxies seinen Rekord allerdings nicht anerkennen. Er wird dazu aufgefordert, den Rekord live im legendären Spielecenter Funspot zu wiederholen. Wiebe erklärt sich einverstanden. Doch er weiss nicht, dass der Noch-Donkey-Kong-Champion Billy Mitchell alles dafür zu tun bereit ist, ihn vom Gewinnen abzuhalten …

Manchmal stossen Dokumentarfilmer auf eine Goldgrube. So ist es Seth Gordon geschehen, als er den bescheidenen Steve Wiebe auf seinem steinigen Weg zum Weltrekord begleitete. Alle nur möglichen Knüppel werden Wiebe zwischen die Beine geworfen: seine Video-Aufzeichnung wird hinterfragt, er wird dazu gezwungen, unter Druck vor Publikum zu spielen, während sein Konkurrent Billy Mitchell mit Samthandschuhen angefasst wird. Und hinter alledem steckt Billy Mitchell selbst, der erste professionelle Videospieler überhaupt, eine lebende Legende. Kaum zu glauben, dass es so einen Menschen wie Billy überhaupt gibt. Er kommt daher wie ein klassischer Bösewicht: selbstverliebt, mächtig, grössenwahnsinnig. Aber ja, Billy Mitchell existiert tatsächlich. Und im Grunde ist er eine tragische Figur. Er kann denn Gedanken nicht ertragen, vom Thron gestossen zu werden – und setzt alles daran, in seiner Traumwelt zu verweilen.

Und da Mitchell die Kamera liebt, scheut er sich nicht, seine »Weisheiten« und Taschenspielertricks mit der ganzen Welt zu teilen. Seth Gordon muss sich gar nicht darum bemühen, Mitchell in einem schlechten Licht darzustellen. Das erledigt Mitchell in seiner grenzenlosen Überheblichkeit selbst. So wird die Doku The King of Kong: A Fistful of Quarters (2007) zu einer mustergültigen Geschichte à la David gegen Goliath, Underdog gegen Champ. Steve Wiebe ist so ein liebenswürdiger Typ, man kann sich nur auf seine Seite schlagen: ein toller Familienvater, ein fleissiger und bescheidener Arbeiter, dessen Bemühungen ins Leere laufen. Auch die Ungerechtigkeit, die die Organisation Twin Galaxies an den Tag legt, ist haarsträubend. Walter Day, der oberste Videospiel-Schiedsrichter, wirkt wie ein Spielball Mitchells wider Willen. Day gibt sich wie ein milder Opa, partizipiert aber – vielleicht gezwungenermassen? – am Mobbing Wiebes.

Der Film suggeriert, dass Billy Mitchells angeblichen Weltrekorde nicht ganz sauber sind. Jedenfalls werden sie von Twin Galaxies viel zu lasch kontrolliert. Mittlerweile wissen wir, dass Mitchell seine Weltrekorde tatsächlich gefälscht hat. Im Lichte dieser Enthüllungen wirken Mitchells Taten noch zwielichtiger. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass Seth Gordon Mitchells Charakter nicht allzu stark verdreht haben kann; darauf weisen auch andere Video-Interviews mit ihm hin.

So wunderbar und pointiert die Rivalität der beiden so ungleichen Spieler herausgearbeitet wird, The King of Kong beschränkt sich nicht nur darauf. Die Doku ist auch ein erhellender Einblick in die Subkultur der Hardcore-Arcade-Spieler; in ihre menschlichen Fehden und Peinlichkeiten; und in den Filz, der sich über Jahre hinweg in der Community angesammelt hat. Eine der beeindruckendsten Szenen dreht sich um Brian Kuh, den damals noch zweitbesten Donkey-Kong-Spieler. Während Wiebe in Funspot um den Weltrekord kämpft, telefoniert Kuh wie ein böser Handlanger ständig mit Billy Mitchell, dem König. Im Interview sagt Kuh ständig: »Er könnte es schaffen, aber er könnte unter dem Druck zusammenbrechen.« Es ist schmerzlich offensichtlich, dass sich Kuh nichts sehnlicher wünscht, als dass Wiebe scheitert. Als Kuh dann alle Spieler in Funspot anspricht, der Donkey-Kong-Weltrekord werde vielleicht bald geknackt, um die Aufmerksamkeit und somit den Druck auf Wiebe weiter zu erhöhen, hat er sich komplett selbst demontiert. Kuhs Blick der Enttäuschung, nachdem Wiebe dann doch den Rekord geknackt hat, ist befreiend und verstörend zugleich.

Ein weiteres Highlight ist der weise Satz eines kleinen Mädchens: »Manche Leute ruinieren ihr Leben, um ins Guiness-Buch der Rekorde zu gelangen.« Das sagt Steve Wiebes Tochter, während die Familie zu einem weiteren Twin-Galaxies-Event reist. Rührend auch die Unterstützung, die Wiebes Frau Nicole ihrem Ehemann spendet. Dies, obwohl sie die Obsession Wiebes kaum nachvollziehen kann. Sie ist die Identifikationsfigur für alle Zuschauer, die der Arcade-Faszination mit Stirnrunzeln begegnen. Aber zum Schluss ist auch sie – gemeinsam mit den Zuschauern – erzürnt über die Machenschaften Billy Mitchells. Das Scheitern Wiebes geht krass an die Nieren.

Stilistisch ist The King of Kong unauffällig. Gordon arbeitet mit Interviews, mit dem Abfilmen von wichtigen Szenen und – vor allem zu Beginn – mit erklärenden Montagen, die dringend nötig sind. Man kann sich fragen, ob einige der Szenen mit Billy Mitchell gestellt sind – aber dies wirft kein besseres Licht auf den »König«. Dass vor dem grossen Finale »Eye of the Tiger« gespielt wird, ist arg plump. Viele Szenen kommen ungelenk und peinlich daher, aber das liegt in der Natur der Sache.

Ich bin überzeugt: Auch Nicht-Gamer werden mit The King of Kong ihre helle Freude haben. Ein spannender und unfairer Wettkampf in einem Milieu, das man sonst kaum sieht. Eine Bereicherung.

8/10

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