Sean Penn ist bekannt für die besondere Wahl seiner Rollen. Exzentrische Figuren, Männer, die in der Gesellschaft wie ein Fremdkörper wirken und dennoch ihren eigenwilligen Weg weitergehen, wie in I am Sam (2001) oder All the King's Men (2007). Auch seine bisherige Regiearbeit kratzte immer wieder an der spiegelglatten Oberflächliche der amerikanischen Gesellschaft (Indian Runner 1991, The Pledge 2001). Darum verwundert es kaum, dass er für sein viertes Werk ein Thema ausgewählt hat, das um das Schicksal eines jungen Mannes kreist, der sich selbst finden will, indem er sich in der Wildnis verliert.
„Into the Wild" basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Jon Kracauer, der die letzten zwei Jahre im Leben des Aussteigers Christopher McCandless schildert. Kurz nach seinem Collegeabschluss, im Alter von 22 Jahren, zerschneidet er seinen Ausweis und Kreditkarte, spendet sein gesamtes Erspartes (24 000 Dollar) an eine wohltätige Organisation und verschwindet ohne einen Cent in der Tasche aus seinem wohlsituierten Elternhaus. Sein großes Ziel ist Alaska. Seine einzigen Begleiter sind die Romane von Tolstoi und London. Über Kalifornien, den Grand Canyon, Mexiko und Washington State führt es ihn in die eisige Wildnis. Auf seinem Weg begegnen ihm skurrile Menschen, die sich ebenso auf der Suche befinden oder ihre Suche bereits abgeschlossen haben. Die letzten Monate verbringt er in einem verlassenen VW-Bus aus den 40er Jahren in der Einöde Alaskas und ernährt sich von dem, was die Natur ihm gibt. Seine unzureichenden Kenntnisse, sowie die mangelnde Ausrüstung in solch einer Extremsituation, werden ihm später zum tödlichen Verhängnis.
Beginnend bei Christophers Eintreffen in Alaska entspinnen sich zwei Handlungsstränge, wobei die eine in Alaska spielend sich zeitlich nach vorn entwickelt und die zweite retrospektiv durch Rückblenden die Vergangenheit seines Elternhauses und den Beginn seiner zweijährigen Reise schildert. Dazwischen werden immer wieder Tagebuchnotizen und Zitate seiner Lieblingsautoren gestreut, die entweder visuell oder auditiv erscheinen. Besonders auffällig ist die Unterteilung des Plots in fünf Kapitel, die den Lebensweg eines Menschen beschreiben, beginnend bei der Geburt, über das Erwachsenwerden bis hin zum Erlangen der Weisheit eines gealterten Menschen.
Der Film scheint symptomatisch für ein Zeitalter der Spaßgesellschaft zu sein, in der der Mensch sich immer mehr verliert und sein wahres Ich nur dort zu finden scheint, wo die Gesellschaft ausfranzt und ihre Struktur immer weiter verliert. Wir setzen uns in Fahrzeuge, die uns immer weiter und schneller von dem wegbringen sollen, was uns die Luft zum Atmen nimmt. Dabei erkennen wir nicht, dass ein Entkommen sinnlos ist, denn die Welt hat sich der Mensch schon so sehr erschlossen, dass sich selbst im entferntesten Winkel noch eine Fußspur entdecken lässt. Möglicherweise symbolisieren die Flugzeuge, die immer wieder im Firmament über Christopher in der Wildnis auftauchen genau das. Er ging soweit und ist dennoch nicht allein. Dem technischen Fortschritt kann man nicht entkommen, außer vielleicht im Tod.
Fazit: Der Film hat drei große Gewinner. Erstens den exzellent agierenden Hauptdarsteller Emile Hirsch, der den zutiefst zerrissenen Christopher McCandless eindrucksvoll spielt. Der Zuschauer schwankt zwischen den Extremen. Zwischen Sympathie für die mutigen und ideellen Entscheidungen eines jungen Menschen und Fassungslosigkeit über die naive und ignorante Durchführung dieser Entscheidungen. Der zweite große Gewinner ist zweifelsohne die atemberaubende Kulisse. Die Landschaften, durch die der Außenseiter sich treiben lässt, sind hervorragend eingefangen und offenbaren eine Weite und Einsamkeit, die das Fernweh entfachen lassen. Schließlich schafft es Sean Penn diese großen Pluspunkte in eine einfühlsame und dennoch rigorose Geschichte zu verpacken.