Es ist eine tragische Geschichte, wie sie wohl zuhauf auf der Welt vorkommt. Der junge Christopher McCandless aus gutem Hause inklusive einem vorzeigbaren Schulabschluß wird von der weiten Welt gerufen und von dem städtischen Leben angeekelt. Seine sich ständig streitenden Eltern, die zwar nur das Beste für ihre Kinder wollen, aber ihre eigene Beziehung nicht unter Kontrolle haben, tun ihr übriges zu dieser durchaus nachvollziehbaren Entwicklung. Die Folge ist eine unbändige Abenteuerlust. Direkt nach es dem Abschluß zieht es den jungen McCandless "Into the Wild", also in die Wildnis. McCandless lebt ein Leben, das wesentlich intensiver ist, als das des durchschnittlichen Stadtmenschen. Nur mit einem Minimum an Geld ausgestattet kostet er die Natur in vollen Zügen aus und sieht in dieser Zeit die wunderschöne Seiten der Natur, aber auch die unrwüchsigen.
Sein größtes Abenteuer sollte die Bereisung des ursprünglichen Alaskas sein. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände stirbt McCandless dort ganz elendig. Wie gesagt, solche Dinge passieren nicht zu selten, doch Journalist Jon Krakauer war fasziniert von Alexander Supertramp, wie sich McCandless unterwegs nannte und schrieb einen aufsehenerregenden Artikel, basierend auf den Aufzeichnungen, die McCandless hinterließ. Eine amerikaweite Berichterstattung war die Folge, die McCandless zum tragischen Helden stilisierte. Allerdings rief sie auch viele Anfeindungen auf den Plan, die die Blauäugigkeit des Jungen stark kritisierten.
Krakauer machte aus seinem Artikel ein vielbeachtetes Buch, das nicht nur die Begebenheiten auf Supertramps Reisen nacherzählte, sondern auch die Motive des Jungen begreiflich machen wollte. Dieses hat sich nun Sean Penn vorgeknöpft, um einen Kinofilm daraus zu machen. Zu diesem Anlaß entschlackt er das dokumentarische Buch, das keiner stringenten Handlung folgte, sondern mit McCandless Leichenfund begann, um danach anhand von Postkarten und Aufzeichnungen die Odyssee und seine Motive zu beschreiben. Penn straffte das Buch ein wenig (so war McCandless zwischenzeitlich zu Hause, bevor er sich auf ein neuerliches Abenteuer aufmachte). Zudem nutzt er die Schwester von McCandless, um aus dem Off die Handlung zu kommentieren. Abgesehen von diesen wohl notwendigen Änderungen nimmt sich "Into the Wild" viel Zeit, um das Buch bildgewaltig und werkgetreu umzusetzen.
Eine schwierige Wahl war die Besetzung des Christopher McCandless. Mit Emile Hirsch hat Penn eine perfekte Besetzung gefunden. Er spielt den beinahe naiven Freiheitsdrang des Protagonisten überaus glaubwürdig. Zudem ist er kein bekanntes Gesicht, dass dieser Rolle wohl einiges an Glaubwürdigkeit geraubt hätte. Hirschs Leistung ist beachtlich, denn er muß den Film in einem Maße tragen, das größer ist, als bei anderen Filmen. "Into the Wild" ist ein Film über McCandless. Alle anderen Akteure sind nur Randfiguren. Doch auch die Besetzung dieser Randfiguren ist überaus passend. Hervorzuheben sind Vince Vaughn, der einen einfachen Charakter spielt, der dem Jungen nicht nur Arbeit gegeben hat, sondern auch einen Narren gefressen hat. Das gleiche gilt für Catherine Keener, die eine mittelalte Hippiebraut spielt, die McCandless einen Stück seines Weges begleitet. Sie alle liefern eine starke Leistung ab, die die Performance von Emile Hirsch gelungen abrunden.
Hirsch ist eine wichtige Zutat dieser Geschichte, die andere, mindestens genauso wichtige sind die beeindruckenden Naturaufnahmen, die den Zuschauer ein Verständnis dafür geben, wofür sich McCandless so oft in Gefahr gegeben hat. "Into the Wild" liefert dabei wirklich nachhaltige Bilder aus den gesamten USA. So sieht man wunderschöne Wüstenlandschaften, wie rauhe und schneebedeckte Panoramen. Dies macht aus der Natur einen gleichberechtigten Haptdarsteller neben Hirsch. Will man diesen Vergleich zulassen, bleibt nur zu sagen, dass auch hier das Casting perfekt war. Auch wenn die Handlung hier und da etwas langsam voranschreitet, wird man immer wieder mit diesen wundervoll fotografierten Bildern belohnt.
Unterlegt werden diese eindrucksvollen Szenen mit dem wunderbaren, leicht skizzenhaften Soundtrack des Pearl Jam - Frontmanns Eddie Vedder, der genau die richtigen Töne trifft, das Naturabenteuer zu untermalen, ohne die Bilder dabei ausstechen zu wollen. In Verbindung mit der einzigartigen Stimme des begnadeten Eddie Vedder erzielen die Bilder eine noch stärkere Wirkung!
Beschäftigt man sich mit dem Phänomen McCandless (das Buch sei jedem ans Herz gelegt, macht es doch die Motive des Jungen noch verständlicher und nachvollziehbarer), dann begibt man sich auf eine Odyssee, die trotz aller Traurigkeit wegen ihres tragischen Ausgangs voller Lebensfreude trotzt. Genau dies war nämlich eine der wichtigsten Triebfedern von McCandless. Man kann Penn nicht viel vorwerfen, denn er hat eine beinahe perfekte Verfilmung dieses schwierigen Stoffes hingelegt. Ein kleiner und höchst subjektiver Kritikpunkt sei an dieser Stelle dennoch genannt. McCandless hat viele Fotos gemacht auf seiner Reise, darunter viele Selbstportraits. Sein letztes Foto zeigte einen stark abgemagerten McCandless, der sich von seinen Liebsten verabschieden wollte, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. In der Taschenbuchausgabe, die ich gelesen habe, ist dieses Bild auf dem Backcover abgedruckt. Beim Lesen der tragischen Geschichte ertappte ich mich immer wieder dabei, auf das Bild zu schauen. Ein Bild, das vor dem Ort entstand, an dem McCandless schließlich sterben sollte, nämlich einem stillgelegten Bus. Bei jedem Betrachten des Bildes lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken, weil McCandless auch in solch einer geschwächten Lage sein Lächeln nicht verloren hat, genauso wie seinen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Leben. Im Film taucht dieses Bild ganz am Ende zwar auch auf, doch nur ganz kurz und nebenbei, während diese offensichtliche Divergenz zwischen dem Lächeln und der ausweglosen Situation ein zentraler Apekt für mich als Leser war. Eine etwas ausführlichere Beleuchtung dieses Aspektes, hätte mir sehr viel bedeutet.
Und dieser und weitere kleine Gründe sind es, die dem Film die volle Wertung "kosten". Aber dies sind natürlich auch sehr subjektive Beweggründe, ein toller und vor allem bewegender Film ist "Into the Wild" allemal!
Fazit:
9 / 10