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Sean Penn verfilmt die wahre Geschichte eines jungen Mannes, der der Zivilisation den Rücken kehrt, um in der rauen Wildnis Alaskas die ultimative Freiheit zu finden. In Rückblenden rollt er dabei sowohl die ganze Geschichte der Odyssee seines Helden auf, als auch die privaten Beweggründe, die ihn erst in die Vorstellung getrieben haben, nur abseits der Menschheit seine wahre Freiheit finden zu können.

Emile Hirsch überzeugt auf ganzer Linie als dieser abenteuerhungrige Mensch, der alle Kontakte zu seiner zerrütteten Vergangenheit abbricht, um per Anhalter nach Alaska zu kommen. In unzähligen Nahaufnahmen zeigt er mimisch und gestisch sein ganzes Geschick, lebt die Figur geradezu und gibt damit dem Film einen ungeheuer intensiven Zug.

Nicht, dass der das noch nötig hätte. Sean Penn inszeniert wie ein alter Meister des Kinos. In grandiosen Bildern zeigt er nicht nur den Mut und die Besonderheit seines Protagonisten auf, sondern es gelingt ihm fabelhaft, auch die Schattenseiten darzustellen, die dessen Entscheidung auf die Leben so vieler Menschen wirft, die ihn lieben und vermissen. Kann der Zuschauer anfangs für seine verlogenen und scheinheiligen Eltern nichts als Verachtung empfinden, kommt er spätestens im erdrückenden Schlussteil des fast zweieinhalbstündigen Films zu der Einsicht, dass auch verklemmte Snobs Emotionen und Bedürfnisse haben, die ihnen kein noch so freigeistiges und edles Ziel nehmen darf. Großartig auch die Unzahl an Nebendarstellern, denen Hirsch auf seiner langen Reise begegnet und die er auf der Suche nach seinem großen Traum immer wieder verlassen muss.

In diesem Film geht es um mehr als einen Jungen, der das Abenteuer und die Zurückgezogenheit sucht. Es geht um elementarste Fragen des Lebens, um die Sucht des Menschen nach Freiheit und die bittere Erkenntis, dass diese nur durch den Schmerz Anderer gewährleistet sein kann; es geht um Liebe und
Freundschaft, Verbundenheit und die Pflichten, die damit einhergehen; es geht um die Sinnlosigkeit und Heuchelei der modernen Gesellschaft mit ihren Sitten, Bräuchen und Gesetzen. Grandios witzig die Szene, in der Hirsch erfährt, dass er zwölf Jahre warten muss, um einen Fluss hinunterpaddeln zu dürfen. Und urplötzlich traurig das Bild des einsamen alten Mannes am Telefon, dem das Kleingeld ausgeht.

Sean Penn hat mit "Into the Wild" einen großen Film aufgestellt, der mehr ist als die Erinnerung an einen Mann, der für seinen Traum zu sterben bereit war. Da stört es auch kaum, dass zwei, drei der Naturbilder hollywoodtypisch zu schön sind um wahr zu sein. Die perfekte Besetzung, die traurige, gewitzte und philosophische Story und die durchweg großartige Country-Musik machen diese kleinen "Schönheitsfehler" mehr als wett und sorgen mitunter für atemlose Stille im Kinosaal.

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