Duell der Bonds - ein heißer Kampf im kalten Krieg
Bond vs. Bond. Der 12. Bond-Film „Octopussy" stand früh unter einem bis dato völlig unbekannten Druck, einem praktisch zeitgleich produzierten Konkurrenz-Bond. Cubby Broccolis Intimfeind Kevin McClory (1) hatte seine Drohung wahr gemacht und die laut Gerichtsbeschluss einzige Möglichkeit umgesetzt Bond unabhängig von EON-Productions auf die Leinwand zu bringen: ein Remake von „Feuerball". Der eigentliche Coup dabei war aber die Besetzung der Hauptrolle. Kein Geringerer als Ur-Bond Sean Connery kehrte in die ungeliebte Paraderolle zurück, was der Situation zusätzliche Brisanz verlieh, schließlich war man seinerzeit im Streit geschieden. Selbstredend stürzten sich die Medien auf dieses Sensations-Potential und schlachteten den vermeintlichen Konflikt genüsslich aus. Dass die beiden privat befreundeten Protagonisten Roger Moore und Sean Connery dabei zu erbitterten Kontrahenten stilisiert wurden, verstand sich praktisch von selbst.
Bei Produzent Broccoli und EON war man sich der Gefahren durchaus bewusst, schließlich war die Situation Neuland und konnte letztlich beiden Filmen schaden. Aber wer unter dem Motto „Everything or Nothing" firmiert, den spornen solche Widrigkeiten eher noch an. Die sowohl kühl kalkulierende wie auch selbstbewusste Strategie sah deshalb zwei Ziele vor: früher als die Konkurrenz in die Lichtspielhäuser zu kommen und den bestmöglichen Bond-Film zu produzieren, der nur irgend möglich schien.
Zumindest ersteres gelang. „Octopussy" feierte am 6. Juni 1983 seine Welturaufführung und damit ganze 4 Monate früher als „Sag niemals nie". Er hatte auch in der endgültigen Box-Office-Abrechnung die Nase vorn, ob dies nun am früheren Kinostart, oder an der höheren Qualität lag, ist natürlich reine Spekulation.
Bereits an der gleichermaßen schwungvollen, atemberaubenden und selbstironisch-witzigen Pre-Title-Sequence wird aber schon mal deutlich, dass man sich diesmal einiges vorgenommen hatte. Bonds Infiltration einer fiktiven südamerikanischen Militärbasis mitsamt anschließender Flucht mit Hilfe eines aus einem Pferdeanhänger startenden Mini-Jets ist nicht nur perfekter Unterhaltungskintopp, sondern wie kaum ein anderer Vorspann der Serie auch ein auf den Punkt inszenierter Mini-Bondfilm, der alle essentiellen Elemente der Serie verdichtet: Spionage, Enttarnung, Flucht, eine schöne Frau, Gadgets und die Zerstörung des gegnerischen Hauptquartiers mit einem lauten, spektakulären Knall. Zur Krönung trifft dann auch noch der flapsige Spruch am Ende voll ins Schwarze.
Nach diesem furiosen Auftakt durfte sich der Zuschauer beim dem von Bond-Veteran Maurice Binder gewohnt einfallsreich und künstlerisch extravagant inszenierten - er arbeitete diesmal mit Lasertechnik - Titelvorspann entspannen. Rita Coolidge intonierte dazu den zwar nicht spektakulären, aber sehr eingängigen und romantischen Titelsong „All time high". Texter Jim Rice hatte extra die Auflage erhalten, den eigentlichen Filmtitel „Octopussy" nicht zu verwenden, da er für zu anstößig gehalten werden könnte.
Die eigentliche Handlung setzt erst jetzt ein und ist eine von Richard Maibaum und Michael G. Wilson geschickt und fein gewobene Fabel auf den seinerzeit aktuellen Aggregatzustand des Kalten Krieges. Sie greift sowohl die zu Beginn der 1980er Jahre wieder gestiegene Angst vor einem Atomkrieg im allgemeinen sowie die Angst des Westens vor einer sowjetischen Aggression im speziellen auf (u.a. NATO-Doppelbeschluss; Friedensbewegung). Wobei man wie auch schon bei früheren, vergleichbaren Plots sehr ausgewogen erzählt und die gefährlichen Allmachtsfantasien einem verrückten russischen General (Orlov) zuschreibt, von dem sich das sowjetische Politbüro schon zu Beginn des Films deutlich distanziert.
Orlovs (Steven Berkoff) Plan einen, mit Hilfe gefälschter zaristischer Kunstobjekte (konkret Fabergé-Eier) finanzierten, militärischen Präventivschlag gegen Westeuropa zu führen ist clever erdacht und sorgt im Alleingang für das spannende Grundgerüst der Handlung. Zumal darin auch noch der in Indien residierende afghanische Prinz Kamal Khan (Louis Jordan) sowie die geheimnisvolle Schmuggel-Königin Octopussy (Maud Adams) mitsamt ihrem international auftretenden Wanderzirkus verwickelt scheinen. Es kostet Bon einige Mühen dieses Beziehungsgeflecht zu entwirren und geeignete Gegenmaßnahmen zur Vereitelung des ebenso perfiden wie folgenschweren Plans einzuleiten. Gerade mit dem Wissen um die tagespolitischen Ereignisse und gesellschaftlichen Stimmungen sorgt dieses Szenario für vergleichsweise mulmigen Thrill, auch wenn der James Bond-typische leichte Unterton dabei dann wieder etwas abschwächend wirkt.
Ohnehin gönnt man dem Zuschauer eine eskapistische Pause mit Bonds Indien-Reise. Just mit seiner Ankunft in Udaipur ändern sich schlagartig Ton und Stimmung des Films. Während zuvor in London und Berlin gedeckte Farben und Grautöne dominieren wird es nun knallbunt. Diese farbenfrohe Optik überträgt sich auch auf Inszenierung und Erzählhaltung. In einer an klassische Abenteuerfilme der 1950er-Jahre erinnernde Vervre wird Bond in eine Verfolgungsjagd durch die Straßen der Stadt gehetzt bei der er u.a. die Arbeitswerkzeuge eines Fakirs und eines Feuerschluckers zweckentfremdet nur um dann am Ende in einer örtlichen Dependence von Q-Branch zu landen, die mit allerlei orientalischen Gadgets vollgestopft ist. Hier bewegt man sich eindeutig wieder auf den Fanatsie-Pfaden von „Moonraker", die man mit dem Vorgänger „In tödlicher Mission" ja bewusst hinter sich lassen wollte.
Bonds Besuch in Octopussys Insel-Palast (2) auf dem Pichola-See - bevölkert ausschließlich von jungen Schönheiten - taucht dann endgültig in eine exotische Abenteuer-Atmosphäre ein, die weit mehr an Rudyard Kipling als an Ian Fleming erinnert. Höhepunkt dabei ist schließlich eine von Kamal inizierte Großwildjagd auf den entflohenen Bond, bei der sich der gehetzte nicht nur seinen auf Elefanten thronenden Verfolgern erwehren, sondern auch mit klassischen Dschungel-Getier wie Blutegeln, giftigen Spinnen, einer Schlange und einem Tiger fertig werden muss.
Der Film strotzt hier vor Ideenreichtum und Fantasie, leistet sich aber auch den ein oder anderen deplatziert klamaukigen Kalauer, indem er Bond in ein als Krokodil getarntes Mini-Boot zwängt, ihn den angreifenden Tiger mit „Du gehörst in den Tank" verscheuchen und schließlich mitsamt Tarzanschrei an einer Liane durch den Dschungel schwingen lässt.
Mit der Rückkehr nach Europa ändert sich dann die Tonlage wieder ebenso abrupt. Nun gilt es die Atombombenexplosion auf einem westdeutschen Militärstützpunkt der US-Air-Force zu vereiteln. Hier ist kein Platz mehr für exaltierte Späße und buntes Treiben. Beinahe schlagartig wird es auch wieder deutlich spannender, nicht nur weil Bond nun sämtliche Fäden von Orlovs Plan entwirrt, sondern vor allem auch weil die Uhr unerbittlich tickt. Bis zur Entschärfung in allerletzter Sekunde bekommt er es noch mit zwei messerwerfenden Killer-Zwillingsbrüdern, Kamals Leinwächter-Hühnen Gobinda („Sandokan"-Star Kabir Bedi) sowie der westdeutschen und amerikanischen Militär-Polizei zu tun. Für die Stuntleute und die Actionexperten um Bob Simmons bedeutete v.a. der spektakuläre Kampf zwischen Bond und den Zwillingen auf den Dächern eines fahrenden Zuges Schwerstarbeit (3).
Das große Finale findet schließlich wieder in Indien statt, als Bond zusammen mit Octopussys Amazonen-Armee Kamals Palast stürmt und ihn schließlich in luftiger Höhe an Bord seiner Privatmaschine stellt. Hier überwiegt wieder der Abenteuercharakter und die für viele Moore-Bonds so typische, augenzwinkernde larger-than-life-Attitüde. Es sind nicht nur die akrobatischen Zirkustricks mit denen Octopussys Mädchen Kamals Schergen praktisch spielerisch ausknocken, sondern auch Szenen wie Bonds Ankunft am Ort des Geschehens, einherschwebend mit Q in einem riesigen Union-Jack-Heißluftballon, die mehr dem launigen Spektakel als dem actionreichen Thrill huldigen.
Ob dieser Spagat mit einem anderen Bond-Darsteller funktioniert hätte, darf ernsthaft bezweifelt werden. James Brolin hatte bereits Probeaufnahmen gemacht, musste aber letztlich einem erneuten Engagement Roger Moores weichen, der bis zum letzten Augenblick mit Cubby Broccoli verhandelt hatte. Gerade vor dem Hintergrund der Konkurrenzproduktion mit Sean Connery war ein etablierter und in der Rolle überaus beliebter Hauptdarsteller geradezu essentiell aus Produzentensicht. Letztlich zahlten sich die harten Verhandlungen für beide Seiten aus, Moore strich ein fürstliches Gehalt ein und Broccoli verwies den Rivalen recht deutlich auf die Plätze.
Entscheidend dafür war aber noch ein weiterer Faktor. Unabhängig von Moore konnte er auch noch auf wesentliche Elemente und Veteranen der Serie bauen, die McClory verwehrt blieben. Neben dem James Bond-Thema und John Barrys unverkennbarer Filmmusik, waren dies unter anderem die Pre-Title-Sequenz, das MI6-Triumvirat M, Q und Moneypenny (4), Maurice Binders Titelvorspann sowie die ikonische Gunbarrel-Sequenz zu Beginn des Films. All diese „Trademarks" verkündeten dieselbe Botschaft: Hier handelt es sich um den „echten" Bondfilm. Schließlich wirkte Regisseur John Glen bereist an seinem vierten Bondfilm mit, gleiches galt für zahlreiche Mitglieder des Stabes. Die serielle Kontinuität sowie die wohlige Vertrautheit mit lieb gewonnen Ingredienzien war somit auf vielen Ebenen gegeben und war zusammen mit dem Vorteil des früheren Starttermins eine praktische unschlagbare Kombination.
Fazit:
Der 12. Bond-Film ist eine durchaus gewagte Mischung aus spannendem Kalter-Krieg-Thriller und knallbuntem Eskapismus-Abenteuer. „Octopussy" ist daher ein Zwitterprodukt aus den beiden unmittelbaren Vorgängern, die ihre jeweilige Linie rigoroser durchziehen. Dennoch macht es als typisches Bond-Spektakel sehr viel Spaß, gerade weil man in den unterschiedlichen Tonlagen gleichermaßen mit Elan und Konsequenz zu Werke ging. Das Tempo ist durchgängig hoch, es gibt immer etwas zu sehen und zu bestaunen, die durchdachte Handlung wird stückweise enthüllt und aktuelle politische Themen werden geschickt verwoben. Die ein oder andere Albernheit schießt definitiv über das Ziel hinaus, aber dieses „Problem" hatten fast alle Bondfilme seit „Man lebt nur zweimal". Zumal Roger Moore in seinem 6. Auftritt als 007 gewohnt lässig und selbstsicher agiert und solche Unebenheiten mit seiner unnachahmlich selbstironischen Gentleman-Aura souverän wegzwinkert. Angespanntheit merkt man dem Endprodukt in keinem Bereich an. Die Konkurrenz der Connery-Rückkehr „Sag niemals nie" hat demnach offenbar mehr beflügelt denn gehemmt. Vielleicht nicht der von Broccoli anvisierte bestmögliche Bondfilm, aber sicher einer der besten aus der Roger Moore-Ära. Nicht die schlechteste Referenz - auch nicht für einen Siegertypen wie James Bond.
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Anmerkungen:
(1) Kevin McClory arbeitete mit Ian Fleming an einer Reihe von Entwürfen für eine geplante Verfilmung derBond-Romane. Ohne Erlaubnis arbeitete Fleming das Skript zu dem Roman „Thunderball" um, wobei er McClorys Mitarbeit nicht erwähnte. Bei der folgenden Klage 1963 entschied das Gericht, dass Fleming McClory eine Entschädigung und die Gerichtskosten bezahlen musste. Zukünftige Ausgaben des Romans mussten die Mitarbeit McClorys erwähnen. Seitdem hatte er zudem das Recht einer Wiederverfilmung des „feuerball"-Stoffes.
(2) Dort wurde auch passenderweise Fritz Langs Indien-Abenteuer-Zweiteiler „Das indische Grabmahl" / „Der Tiger von Eschnapur" (1958/59) gedreht.
(3) Bis zu 6 Stuntdoubles allein für Roger Moore waren dort auf einer 5 Meilen langen Privatstrecke im englischen Cambridheshire im Einsatz.
(4) Nach dem Tod Bernard Lees musste allerdings ein neuer M-Darsteller gefunden werden. Roger Moore verschaffte seinem Freund Robert Brown die zwar kleine, aber dennoch sehr wichtige Rolle.