Sieht aus wie eine Neujahrskomödie, schmeckt auch so. Hat nicht nur dessen spezifische Behandlung aus Volksbräuchen, Aufführungen und Wettkämpfen, sondern mit dem Löwentanz sogar eines der hauptsächlichen Merkmale der chinesischen Familienfeiertage. Das Erscheinen der tanzenden Löwen soll Glück für das kommende Jahr bringen, zu einem guten Schicksal verhelfen und gehört zu Zeiten besonderer Freude dazu wie bei uns Knecht Ruprecht zu Weihnachten.
Trotz aller Eigenschaften, die den gleichnamigen Dancing Lion für exakt diesen festlichen Anlaß bereichernd prädestinieren ist es aber keine. Der Grund ist simpel bis banal, aber unwiderlegbar: Der späte Starttermin Ende April 2007 nimmt ihn ganz einfach aus der Zeitschiene der 15 Tage heraus; durchaus clever gedacht wich man dem alljährlichen Trubel und der entsprechend vielfältigen Konkurrenz im Februar aus und zielte auf den späten Erfolg.
Doch wie so oft in diesem Jahr ging die Rechnung nicht auf.
Im Gegenteil.
Humor ist gleichwie eine Sache, die von allen am wenigsten unsterblich ist, und mittlerweile scheint das heimische Publikum von Comedy zumindest nach altem Strickmuster schlichtweg übersättigt zu sein; anders lässt sich die strikte Abkehr von jahrelang bewährten Formeln und bestätigten Box Office Grössen nicht erklären. Die traditionellen Lustspiele, sonst die verlässlichste Konstante im krisengeschüttelten Filmbusiness, ziehen in der Publikumsgunst momentan nur zögerlich oder gleich einfach überhaupt nicht mehr. Das Schicksal traf nicht nur Dancing Lion, der bei einem Einspiel von gerade mal 540.000 HKD stehenblieb, sondern auch andere todsicher lancierte Kassenschlager der Marke Mr. Cinema; diese Regel wurde durch eher abstrakte Ausnahmen wie Love Is Not All Around und Simply Actors nur untermauert.
Zumindest im vorliegenden Fall ist der Zuschauerschwund noch nicht einmal wegen der Qualität gerechtfertigt; erstaunlicherweise gelingt den Regisseuren Marco Mak und Francis Ng trotz der eher dickfellig-einfallslosen Prämisse ein soweit unterhaltsames Gaudium, das ganz unüblicherweise mit Balance, Basisstände, Timing, Koordination und Gefühl aufwarten kann.
Ohne jetzt gleich zum Prachtexemplar mit Prunkleistung zu avanchieren - dafür sind Ideen und Durchhaltevermögen zu nachlässig -, aber dieses Ziel war anders als dem schnöden Mammon sicherlich auch nicht angepeilt.
Als die beiden Lieferanten Fai [ Francis Ng ] und Nine [ Lam Tze Chung ] von der Schliessung ihrer Firma überrascht werden, hocken sie buchstäblich auf der Strasse. Der rettende Einfall kommt aus heiterem Himmel: Die Vorführung des Löwentanzes gegen entsprechendes Entgelt. Ihr Onkel Jiang [ Anthony Wong ] als Überlebender und Überlieferer der angebrachten Technik. Fais Schwester Saam Mui [ Teresa Mo ] als die kundige Geschäftsfrau, die sich mit ihrer Tochter Pik [ Yuan Lin ] um Aufträge und weitere Absatzmöglichkeiten wie eine Trainingsschule für Kinder und Fitness- und Abnehmkurse für Erwachsene kümmert. Die Bilanz boomt, doch erhebliche Stolpersteine lassen nicht lange auf sich warten.
Die Struktur in der Patchwork-Familie ist eher undurchschaubar; lässt sich nicht wirklich entschlüsseln, wer nun wie mit wem verwandt ist und warum die ganze Sippe noch aufeinander hockt. Dafür folgt das Drehbuch einer geradlinigen Idee. Durchaus ähnlich mit dem Aufriß von Shaolin Soccer teilt man sich in durch Analogien und Metaphern unterstützte Episoden, die einzeln betrachtet eine jeweils nachvollziehbare Anekdote präsentieren; in der Gesamtbeleuchtung bloss noch mit weitgehend neutralen Facetten angereichert wird und ansonsten den bekannten Aufbau geht. Erst die positiven Fakten, dann das Böse und Übel dieser Welt und schliesslich das Happy End. Exposition, Steigerung, Höhe-/Wendepunkt, retardierendes Moment, alles in einem grossen, vielfarbenen Löwenkostüm. Ebendarum strikt anvisiert tauchen folglich wenig reine Überraschungen auf und lässt sich auch kein Spannungsmoment im eigentlichen Sinne erkennen; dafür besitzt man aber das richtige Tempo mit der Finesse einer entspannten Dramaturgie bar strenger Etikette. Plus eine Schar sattsam prominenter Schauspieler, die gar mal die nötige Spielfreude an den Tag legen. Und exquisit choreographierten Löwentänzen, die das Kino mit mancherlei Schauwerten fluten.
Der 1000 Jahre alte Hintergrund der Matinee-Vorstellung wird wie als Zugabe für den westlichen Zuschauer bereits im Vorspann anhand einer comicartigen Geschichte erzählt. Die Sage von Nian Shou, dem "Jahrestier", der den Bauern ihre Ernte raubt steht hierbei für die schon nicht mehr drohende, sondern bereits bedenklich andauernde Rezession. Die abrupte Arbeitslosigkeit von Heute auf Morgen, die insofern schleifende Geschäftslage samt vertrockneter Wirtschaftsblüte, die "More money, more ability" Floskel und die wenig rosige Zukunftsplanung [ Nine sieht sich schon frohlockend Richtung Sozialhilfe eilen ] dürften auch dem ausserasiatischen Betrachter ein allgemeingültig verständliches Bild bereithalten. Auch deswegen ist der Film trotz seines Leitsterns mit dem Löwentanz als kulturelles Erbe Chinas für Jedermann auch ohne weitere Kenntnisse zugänglich; wenn man einige intertextuelle Insider-Anspielungen übersieht weicht das sonstige Buch mit sieben Siegeln einem stark auf die Visualität ausgerichteten gewitzten Possenspiel. Den Ursprung einer Zeit entlehnt, die vom Glauben an Götter, Drachen und Geister gespeist war und aufgrund des ideologischen Unterfutters [ Streben nach Perfektion, Entwicklung von Psyche und Physis, Zusammenhalt der Familie ] auch so konsequent und konstruktiv wie ein Märchen.
Die buntschuppige Inszenierung, musikalisch umrahmt von Trommeln, Becken, Gong und den Saiteninstrumenten Pipa und Yang Quin, betreibt sowohl ihre ureigene Hommage als die angewandte Scherzzeichnung mit diesem Vermächtnis. Anklänge an die moderne Popkultur und musiktheaterhafte Singeinlagen wechseln sich mit Verweisen auf das Brauchtum, dem Echo aus der Vergangenheit und einer prompten Satire auf die Gegeben- und Gewohnheiten des kantonesischen Alltags ab. Eine lose, theoretisch schon durch Kapiteleinteilungen wie "Sea Lion", "Disco Lion", "Soccer Lion", "Cash Lion" etc. typisierte Nummernrevue, die mit seinem Kunstverständnis von Attraktionen und Sensationen beinahe das Milieu des amerikanischen Vaudeville ins Zentrum rückt.
Sehr böse, sehr scharfe Witze sucht man dabei vergeblich. Sehr gute findet man hier und da. Der Film zeichnet kein fratzenhaftes Zerrbild oder verhält sich rücksichtslos ehrlich bzw. merkwürdig verachtend, sondern ist eher eine leicht spöttische, aber immer versöhnlich kokettierende Botschafts-Ausgelassenheit, die gleichfalls zum Metrum der Löwentänze auf bestimmte Schlagabläufe und Rhythmen geeicht ist.
Vor allem die Kombination der Darsteller und ihr aufeinander abgestimmtes Spiel muss dem jeweiligen Versmaß angepasst sein; gerade die Hauptdarsteller Francis Ng und Anthony Wong leisten dabei die grösste Aufmerksamkeit und überzeugen zumeist durch die rigorose Auswahl von over-the-top gehaltenen Charakterzügen. Interessanterweise sind beide Akteure eigentlich unpassend gesetzt: Wong soll einen 73jährigen präsentieren, pfeift aber auf die offensichtliche Altersdifferenz und zieht besonders seine sonore-quäkende Stimme unablässlich ohne Rücksicht auf Verluste und dafür mit mehr Lacher durch. Ng erscheint über die erste Hälfte der Laufzeit wie ein Mittvierziger, der mühsam versucht, sich wie ein vermeintlich legerer Teenie zu verhalten und dies mit nervenden Niggaz wit attitude Verhalten und radebrechenden Englisch-Einwürfen zum Ausdruck bringt. Lange Zeit steht seine Figur deswegen stark gefährdet auf der Kippe; bis durch ein Gespräch klar wird, dass diese Aussage tatsächlich so im Skript angelegt ist.
Alle anderen Mitspieler fügen sich zumindest ohne weitere Störung in diese Grundschritte; getreu der harmonisch abgestimmten Bewegungen des Löwen agieren sie durch die häufige Blaßgesichtigkeit zwar nicht eigenständig, ordnen sich aber in aller Unauffälligkeit dem hochgradig-extraordinären Paartanz von Wong und Ng unter.
Schade ist nur, dass man die im Prolog aufgeführten Cameos von Ronald Cheng und Sammy Leung wirklich nur auf einen sekundenkurzen Gastaufenthalt beschränkt; gerade die beiden künstlerisch ausdrucksfähigen Harlekins hätten dem zwischenzeitlich schon leicht bleichwangigen Geschehen mit vorübergehend spießigen Anstrich allen möglichen Tingeltangel beifügen können. Stattdessen bekommt man bereits ausgedörrte Nachwuchskomiker [ Lam Tze Chung ], seit jeher unlustige Gnadenmütter [ Teresa Mo ] oder erbarmungslos abschreckende Schmusepopsänger [ Hins Cheung ] geboten, die eher einem reizlosen Tropf und eben so gar nicht dem gemeinen Spaßmacher entsprechen.