Abgesehen von typischen „Rape & Revenge“ –Beiträgen war das Thema Selbstjustiz im Film bislang eine recht eindeutig geschlechtsspezifische Sache. Ein knallharter Kerl wie Charles Bronson zieht los und knallt alles nieder, was irgendwann gegen eines der Zehn Gebote verstoßen hat.
Mit einer Frau in dieser Position setzt der Stoff glücklicherweise andere Prioritäten und präsentiert nicht einen blutigen Rache-Thriller, sondern setzt weitestgehend auf Charakter-Studie. Eine solche kann von einer Darstellerin wie Jodie Foster zwar hervorragend verkörpert werden, doch leider fehlt dem Script am Ende doch die Glaubhaftigkeit auf psychologischer Ebene.
Für Radiomoderatorin Erica Bain (Foster) hat sich ihre vertraute Heimatstadt New York verändert, seitdem sie und ihr Verlobter in einer Unterführung von Schlägern überfallen wurden. Ihr Verlobter starb an den schweren Verletzungen, sie überlebte drei Wochen Koma. Doch nun bereitet Erica diese Stadt Angst, so dass sie sich auf illegale Weise eine Waffe besorgt. Prompt setzt sie diese in Notwehr ein, als ein Mann in einem Drugstore seine Frau umbringt und Erica selbst um ihr Leben fürchten muss. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Einsatz, was der ermittelnde Cop Mercer (Terrence Howard), der sich mit Erica ein wenig anfreundet, bereits zu ahnen scheint.
Die Motive um Mord, Rache und vor allem Selbstjustiz stehen hier im Vordergrund und werden ambivalent, jedoch nicht moralisch positioniert durchleuchtet.
Hauptfigur Erica geht zunächst nicht gezielt auf Rachetour, im Gegenteil, anfänglich werden ihr die Bösewichte praktisch vor die Flinte geworfen. Erst später entstehen Situationen, in denen sie die Wahl hätte, zur Waffe zu greifen oder Missstände auf sich beruhen und die Cops den Fall übernehmen zu lassen.
Die Stärke bezieht der Streifen lange Zeit aus seiner diskussionswürdigen Zwiespältigkeit, denn auch Cop Mercer, der seit mehreren Jahren einem Schwerverbrecher nichts nachweisen kann, entfaltet glaubhafte Motive, zwischen Pflicht seines Berufes und Moral als Privatmensch leicht ins Wanken zu geraten.
Auf den Punkt gebracht wird diese innerliche Zerrissenheit und Entfremdung gegenüber sich selbst, als Erica als Radiomoderatorin Meinungen von Anrufern entgegennimmt, die sich zu der Mordreihe an den Bösewichtern (also ihren Morden) äußern. Erica würgt hier jeden ihrer Anrufer ab, da sie nur allzu deutlich spürt, wie stark die Fremde in ihr angesprochen wird, über die sie mittlerweile keine Kontrolle mehr zu haben scheint.
Mercer hingegen ist dieser Tatsache immer deutlicher auf der Spur, doch Erica gegenüber spricht er zu keiner Zeit offen seinen Verdacht aus, sondern äußert lediglich globale Zweifel am Thema Selbstjustiz. Denn im Verlauf stellt er sich die Frage, ob er seit jeher die Kraft hätte, einen Freund, einen vertrauten Menschen hinter Gitter zu bringen, wobei Erica genau spürt, worauf sich diese Äußerung bezieht.
Leider geht dem Stoff im Verlauf, primär zum Ende hin, eine Menge Glaubwürdigkeit verloren, wenn die eigentlichen Mörder ins Spiel kommen und Mercer eine entscheidende Rolle spielt, verkommt die Sache zu einem kitschigen und gleichermaßen unglaubwürdigen Abschluss.
Hier wird zu kompromisslos glatt gebügelt, aber überhaupt nicht reflektiert.
Was insofern schade ist, da Hauptfigur Erica in den meisten Momenten einen authentischen Charakter erscheinen lässt, auch wenn kleine psychologischen Lücken (zwischen erfolglosen Besuch auf dem Polizeirevier und Kauf der Waffe fehlt ein nachvollziehbarer Schritt) immer mal wieder auftreten.
Dafür kann die Off-Stimme ihrer Figur einige Gedanken erläutern, die ihren vielschichtigen Charakter erweitern und eine stärkere Verbindung zu ihr aufbauen lassen.
Ohnehin gewinnt man den Eindruck, dass Jodie Foster über das eigentliche Drehbuch hinaus agiert und ihrer Erica nuancierte Facetten verleiht, die diesen Charakter eben so menschlich nachvollziehbar erscheinen lassen.
Die ruhelose Fremde, die in ihr weiterlebt, nachdem ein Großteil ihres eigentlichen Wesens starb, bringt sie in jeder Einstellung exzellent auf den Punkt und dürfte damit für den einen oder anderen Award vorgemerkt sein.
Beeindruckend agiert jedoch auch Terrence Howard, der mit Zurückhaltung und zugleich viel menschlicher Wärme den Cop Mercer gibt.
Dank dieser beiden starken Darstellerleistungen wird der im Kern eindimensionale Stoff gehörig aufgewertet, denn oberflächlich betrachtet geht es nur um eine Frau, die zunächst in Notfallsituationen und später gezielt zur Waffe greift, wobei der Cop letztlich entscheidet wie weit sie gehen wird.
Daraus ergeben sich weder Temposzenen, noch allzu blutige Momente, sondern eine Frau, die sich mit ihrer inneren Zerrissenheit auseinander setzt, aus der das Drehbuch leider keine zufrieden stellende Quintessenz schaffen kann.
Zugegeben, es erscheint leichter, aus einem reinen Rachethriller, wie dem erst kurz vor diesem gestarteten Beitrag „Death Sentence“ einen unterhaltsamen Streifen zu basteln, der aufgrund hohen Tempos unterhält und dadurch Logiklücken eher kaschiert.
Wenn man sich aber auf eine betont ruhige Erzählweise und der intensiven psychologischen Auseinandersetzung mit der Hauptfigur einlässt, ist man entsprechend anfälliger für Kritik in Sachen Glaubhaftigkeit. Und auch wenn Jodie Foster hier so stark wie schon länger nicht mehr performt, besonders gegen Ende geht dem Script dann doch leider ein wenig die Puste aus, was das insgesamt positive Gesamtbild schon ein wenig dämpft.
7 von 10