Das älteste Motiv der Menschheit wird von Regisseur Neil Jordan (Interview mit einem Vampir) in einem ruhigen Thrillerdrama dargestellt. Mit Charles Bronson in "Death Wish" begann die Ära der Selbstjustiz auf der Mattscheibe. Das Konzept war einfach, brutal und oft sehr reißerisch. in "Die Fremde in dir" bekommen wir quasi das Selbe geboten. Nur nimmt hier eine Frau Rache und Jordan lässt die Gewalt nicht ausarten. Im selben Jahr inszenierte James Wan den Selbsjustizfilm "Death Sentence" mit Kevin Bacon in der Hauptrolle. Hiervon hebt sich "Die Fremde in dir" deutlich ab, ist aber mit seinen knappen zwei Stunden Laufzeit auch etwas zu lang geworden.
Bei einem abendlichen Spaziergang werden die Radiomoderatorin Erica Bain (Jodie Foster) und ihr Freund David (Naveen Andrews) von ein paar Halbstarken überfallen. David wird von ihnen totgeprügelt, Erica überlebt schwer verletzt. Erst drei Wochen später wacht sie aus dem Koma auf. Die Polizei hat die Täter immer noch nicht gefunden und so beschließ Erica selbst nach ihnen zu suchen. Illegal erwirbt sie eine Waffe und begibt sich auf nächtliche Streifzüge durch New York. Es dauert nicht lange bis Erica ihre Waffe benutzen muss. Jetzt ist sie nicht nur eine Mörderin, sondern hat auch Detective Mercer (Terrence Howard) im Nacken. Vor allem fällt es ihr schwer damit aufzuhören.
Nur im ersten Teil der "Death Wish Reihe" hinterfragt Paul Kersey sein Handeln ein wenig, Erica tut das ständig. Sie war schon in den Vorbereitungen für ihre Hochzeit mit David, da kommt dieser Zwischenfall. Die Halbstarken sind gnadenlos und fackeln nicht lange. David wird mit einem Rohr totgeschlagen, man sieht das Geschehen aber durch eine Handykamera und viel geschieht auch im Off. Trotzdem wirkt dieser Akt der Gewalt sehr intensiv. Das Ganze passiert schon in den ersten fünfzehn Minuten, Erica ist nach ihrem langen Koma auch schnell wieder gesund. Anfangs hat sie Probleme aus der Wohnung zu gehen, auch ihrem Job kann sie nur beschränkt nachgehen und die Polizei ist keine Hilfe. Die sind eh schon überlastet mit Gewaltverbrechen, so beschließt Erica selbst Hand anzulegen. Eine Waffe und Munition ist schnell gekauft und in einem kleinen Supermarkt muss sie zum ersten Mal Gebrauch davon machen. Leider hinterfragt Erica ihr Handeln nach jedem Mord viel zu intensiv. Auch fragt man sich, warum sie auf einmal so gut schießen kann.
Doch sie muss nur selten die Waffe zücken. Wer sich fragt woher er die U-Bahn Szene kennt, dem kann ich die Frage beantworten. Eine ähnliche Szene gibt es im ersten "Death Wish". Jordan hat Diese für seinen Film fast genauso übernommen. Trotz der niedrigen Freigabe sind auch hier die Einschüsse ziemlich blutig gehalten. Nur das Finale will nicht so recht passen. Auf Gedeih und Vederb versucht Jordan hier mit einen actionreichen Showdown abzuschließen.
Zwischen den Selbstjustizsequenzen sehen wir, wie Erica versucht ihr Leben zu meistern. Aber auch in das Leben von Detective Mercer erhalten wir seht tiefe Einblicke. Er will einem Drogenschmuggler ans Leder, kann ihm aber nichts anhaben. Während Erica mordet, sind Mercer die Hände gebunden, sehr gerne würde auch er zur Selbstjustiz greifen. "Die Fremde in dir" schlägt hier schon eine andere Tonart ein. Durch die sich realistisch verhaltenden Charaktere wird die Selbstjustiz geschickt abgeschwächt, aber trotzdem ernst behandelt. Störend dabei nur Mercers Kollege Vitale (Nicky Katt), denn seine Sprüche passen nicht zum ernsten Geschehen und wirken besonders beim Leichenfund im Supermarkt sehr geschmacklos. Leider erwischen wir "Die Fremde in dir" öfters in die Geschwätzigkeit abdriften. Wie oben schon erwähnt, ist der Film einfach zu lang und damit zu dialoglastig.
Aber Jodie Foster hat ihr Rolle voll im Griff und agiert sehr glaubwürdig. Ich denke nicht, dass sich ein Mensch in der realen Welt, dem so etwas widerfahren ist, anders verhalten würde. Terrence Howard ist ähnlich gut, aber seine Figur hat zuviel Platz. Auch denkt man bald, zwischen Erica und Mercer bahnt sich eine Romanze an. Gut, dass Jordan es nicht so weit kommen lässt.
Neil Jordan geht mit diesem schwierigen Thema wesentlich ruhiger um als Kollegen. Die Gewalt artet nie aus und die Hauptdarstellerin hinterfragt ihre Taten ständig. Die Darsteller sind ausgezeichnet und ihre Charaktere bekommen genügend Platz. Doch eine lückenlose Inszenierung sieht anders aus, viele Dialoge hätten kürzer ausfallen müssen. So ist "Die Fremde in dir" nicht immer spannend, dafür jedoch recht realistisch gehalten.