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Für Radiomoderatorin Erica (Jodie Foster) läuft alles gut: In ihrem Job hat sie Erfolg, sie ist mit einem Arzt verlobt und will bald heiraten. Da wird das Pärchen eines Nachts auf dem Heimweg überfallen. Erica überlebt schwer verletzt, aber ihr Verlobter wird totgeschlagen. Von nun an ist nichts mehr, wie es war - Erica besorgt sich eine Schusswaffe, ohne die sie nicht mehr auf die Straße geht. Zunächst gerät sie zufällig in Situationen, in denen sie sie gebraucht - doch schon bald sucht sie bewusst die Gefahr.

Jodie Foster überzeugt in der Rolle als traumatisierte Frau, die zwischen Verzweiflung und Zorn hin und her gerissen wird, voll und ganz. Auch wenn ihr Mienenspiel mitunter etwas eindimensional bleibt, verleiht sie ihrer Figur so viel Verletzlichkeit, dass man sich mit ihr identifizieren muss, und so viel Brutalität, dass man vor ihr zurückschreckt. Diese Widersprüchlichkeit der Figur macht den interessantesten Part des Films aus, da sich der Zuschauer angesichts der moralischen Ambiguität Ericas vor der ziemlich schwierigen Aufgabe sieht, ihre Gefühle nachzuvollziehen, ihre Handlungen aber dennoch abzulehnen.

Dass diese Einstellung so schwierig ist, liegt aber auch am Film selbst. Einerseits ist die Inszenierung besonders anfangs deutlich zu schnell. Über Ericas Trauma direkt nach der unfassbaren Tat erfährt man kaum etwas - gerade diese emotional extreme Zeit wird recht flüchtig überbrückt und führt dazu, dass sie sich eine Waffe kauft. Ab diesem Punkt kippt ihre Psychologie zur gefühllosen, kalten Peinigerin. Denn Erica ist keineswegs auf Rache aus (das kommt erst zum Ende des Films und macht dessen moralischen Standpunkt äußerst schwer einzuordnen), sondern nur auf Verteidigung und schließlich bloße Reproduktion der ihr zugefügten Gewalt. Psychologisch sehr interessant und streckenweise überaus intensiv - insbesondere die Szene, in der Erica in ihrer Radioshow Gäste über die von ihr begangene Mordserie diskutieren lässt, ist atemberaubend und düster inszeniert - schwächelt die Story lediglich bei der eigenen moralischen Situierung.

Besonders das Ende dürfte polarisieren. Dabei ist nicht unbedingt problematisch, was da erzählt wird, sondern nur wie. Zu keinem Zeitpunkt schafft es Regisseur Neil Jordan, den Film deutlich von Ericas Handlungen zu distanzieren. Wollte er die willkürliche Todesstrafe anprangern, die sie ausführt, hätte er die Gangster-Figuren wesentlich komplexer anlegen müssen, vielleicht einmal einen der "Bösen" mit Mutter oder Kind zeigen. So bleiben die Verbrecher bloße Schemen, die sich einzig durch Brutalität und Morallosigkeit charakterisieren und die damit implizieren, dass sie ihr Ende durchaus verdient hätten. In einem Film, der Selbstjustiz, den Kreislauf der Gewalt und daraus resultierende Traumata thematisiert, ist das definitiv zu plump.

Neben dieser problematischen Situation der zentralen Aussage hat "Die Fremde in dir" auch mit einigen formalen Schwächen zu kämpfen: Die erste Hälfte bleibt insgesamt recht zäh und kann nicht wirklich fesseln - spannend wird es erst, wenn Ericas Feldzug beginnt. Auch einige der Figuren bleiben schlicht zu klischeehaft. Dagegen überzeugen insbesondere die Hauptdarsteller durch starkes, einfühlsames Spiel und die Kamera fängt die Geschichte in ruhigen, niveauvollen Einstellungen ein. Und bei aller moralischen Komplexität bietet die Story ein großes Potenzial und dürfte lange Diskussionen geradezu erzwingen - und genau das sollten gute Filme ja erreichen.

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