"Mylady, eine Frau von eurer Schönheit braucht solchen Zierrat nicht."
Während der Kreuzzüge befindet sich Robin von Locksley (Kevin Costner) 5 Jahre in Gefangenschaft der Mauren. Nach dieser Zeit kann er mit dem zum Tode verurteilten Azeem (Morgan Freeman) aus den Kerkern fliehen, wo er jedoch seine Kriegsgefährten zurück lassen muss.
Zurück in seiner Heimat England muss Robin feststellen, dass der machtgierige Sheriff von Nottingham (Alan Rickman) während der Abwesenheit König Richards die Herrschaft über England übernommen und die Ländereien seiner Familie gewaltsam in Besitz genommen hat. Das erste Aufeinandertreffen mit dem Vetter des Sheriffs, Sir Guy von Gisborne (Michael Wincott), verläuft unerfreulich, worauf Robin direkt als Gesetzloser gebrandmarkt wird. Während einem Besuch bei Lady Marian (Mary Elizabeth Mastrantonio), wo er ihr vom Tode ihres Bruders während der gemeinsamen Gefangenschaft berichtet, erscheint Sir Guy mit einer Eskorte. Robin und Azeem flüchten in den naheliegenden Sherwood Forest, wo sie auf weitere von ihren Ländern vertriebene Gesetzlose stoßen. Gemeinsam mit ihnen verstecken sie sich in den Wäldern und überfallen unzählige Geldtransporte des Sheriffs, was diesen immer mehr erzürnt.
So wie viele Geschichten um die Legende des Robin Hood bedient sich auch "Robin Hood - König der Diebe" dem großen Spielraum an Interpretationsmöglichkeiten des Mythos. Kevin Reynolds ("Waterworld") Version enthält den beliebten Kern des Diebes, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt, nimmt es historisch aber nicht ganz so genau. Trotzdem ist der abenteuerliche Film ein wahrhaft gelungenes Stück Popcornkino, das mit seiner Mischung aus augenzwinkerndem Humor, dramatischen Kämpfen und einer glaubhaften Romanze vollends punkten kann.
Der Einstieg erweist sich im Gegensatz zum Rest des Films als ungewohnt düster. Die Kerker in Jerusalem sind gefüllt mit verwahrlosten Gefangenen und werden mit deren Schreien untermalt. Brutale Folterung wird angedeutet jedoch nicht explizit gezeigt. Die Stimmung könnte dennoch kaum bedrückender sein.
Dies ändert sich mit zunehmender Laufzeit, denn "Robin Hood - König der Diebe" enthält eine ordentlich Portion Selbstironie. Der augenzwinkernde Humor passt hervorragend zum Setting, lässt den Spaß und den Reiz des Abenteuers geradezu aufflammen, auch wenn dadurch manch ernste Passage schnell in Vergessenheit gerät.
Visuell bietet "Robin Hood - König der Diebe" imposante Kulissen mit historischen Originalbauwerken und einem detaillierten mittelalterlichen England. Durch akribisch verschmutzte Darsteller und opulente Kostümierung erlangt der Film eine glaubwürdige Authentizität. Auch die Kämpfe überzeugen durch eine gut vermittelte Waffenkunde der Protagonisten, brüchige Schwertern oder von der Kamera verfolgte Pfeile.
Neben zündendem Witz und abwechslungsreichen Kämpfen ist die obligatorische Romanze zwischen Robin und Marian ebenso enthalten. Böse Zungen könnten von einer schmalzigen Liebesgeschichte sprechen. Die romantischen Elemente nehmen aber nie übermäßige Proportionen an, schwingen stattdessen durch die Handlung in einem gemäßigten Rahmen mit. Hierbei bietet der orchestrale, sonst durch Trompeten dominierte Soundtrack ruhige, abgewandelte Versionen von Bryan Adams Hit (Everything I Do) I Do It for You.
Der Focus der Handlung liegt auf den populärsten Elementen des Mythos und somit einer klassischen Gut- / Böse-Zuordnung. Die Gesetzlosen zeichnen sich durch heroische Taten, wie dem plündern des Adel, um den Armen und Hungernden zu helfen. Dabei enteignen sie nach und nach den auftrebenden Sheriff, der nur daran interessiert ist sich selbst auf den Thron zu setzen und die Bevölkerung zu knechten. Die Erzählweise dabei ist einerseits leichtherzig, nimmt sich aber auch Zeit für die persönlichen Dramen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Nicht alle handlungsrelevanten Charaktere bekommen die Zeit sich vollends zu entfalten, den Hauptfiguren wird jedoch genügend Tiefe verliehen, um sie lebendig wirken zu lassen.
Die Umsetzung dieser Charaktere ist durch eine durchweg spielfreudige Besetzung äußerst gelungen. Kevin Costner ("Bodyguard") versetzt der visuellen Erscheinung seines Robin Hood eine noble Note, wie auch den sichtbaren Wandel zwischen anfänglicher Unsicherheit und späterer Entschlossenheit. Morgan Freeman ("Die Verurteilten") spielt das ruhige Gegengewicht seinen üblich hohen Ansprüchen gerecht. Der eigentliche Star von "Robin Hood - König der Diebe" ist aber Alan Rickman ("Harry Potter"-Reihe), der die Boshaftigkeit des Sheriffs so genüsslich vorführt, dass selbst sein eigens definierter Vorzeigebösewicht aus "Stirb langsam" beinahe in Vergessenheit gerät.
Neben weniger sichtbaren aber ebenso edlen Auftritten von Mary Elizabeth Mastrantonio ("Abyss"), Christian Slater ("Windtalkers"), Michael Wincott ("The Crow") sowie Geraldine McEwan ("Miss Marple"-Reihe) bieten die bulligen Erscheinungen von Nicholas Brimble und Michael McShane einen Little John und Bruder Tuck wie man sie im Kopf hat. Überaschungsgast Sean Connery ("Der Name der Rose", "The Rock"), der für gewöhnlich nur in Hauptrollen zu sehen ist, gibt sich gen Ende wahrhaft königlich die Ehre.
Neben der Kinofassung gibt es eine Langfassung die komplett neu synchronisiert wurde. Da manche Synchronsprecher ausgetauscht wurden, wirkt die Langfassung bei Kenntnis des Originals emotionsloser, gibt allerdings interessante Details über die Figur des Sheriffs von Nottingham preis und zeichnet sie besser.
"Robin Hood - König der Diebe" ist eine äußerst moderne Verfilmung des weltbekannten Klassikers um die Legende des großzügigen Diebes und großes Unterhaltungskino. Der Film punktet mit viel Humor, ansprechenden Kulissen, authentischen Kostümen, abwechslungsreichen Kampfszenen und herausragenden Schauspielern, die selbst in den Nebenrollen perfekt besetzt sind und ihre Figuren glaubwürdig präsentieren. Kritik auf hohem Niveau lassen nur diverse Anschlusslücken sowie etwas zu schnell vergessene, ernsthafte Sequenzen zu.
9 / 10