Mit „Planet Terror“ ist das Grindhouse-Double-Feature komplett – einen Monat nach Quentin Tarantinos „Death Proof“ ist auch die zweite Hälfte der Verbeugung vor dem B-, Trash- und Sleazekino der 70er bei uns in den Großkinos gelandet – auch wenn man bei der Trennung der Filme kaum von Komplettierung sprechen kann.
Noch dazu, wo im Original die Doppelvorstellung mit „Planet Terror“ gestartet wurde und die deutschen Zuschauer zumindest im Kino der Filme in der verkehrten Reihenfolge ansichtig werden.
Aber jeder Film steht für sich selbst und wo Tarantino seine eigenen Vorlieben und Eigenschaften in seine Autoverfolgungs-Killer-Jagd einbrachte und den Film zu einem nicht reizlosen, aber am Sinn der Produktion eher vorbei zielenden Zwitter machte, konzentriert sich Robert Rodriguez wesentlich mehr aufs eigentlich Sujet.
Sein munteres Erinnerungsstück widmet sich einer Mischung aus Apokalypsen- und Zombiefilm, als auf einer einsamen Militärbasis eine gefährliche, mutagene Substanz entweicht und das die Bewohner der umliegenden Gegend (und der ganzen Welt natürlich) zum größten Teil zu aufquellenden, eiterverspritzenden und gehirnfressenden Zombies macht. Selbstverfreilich wird eine Gruppe unterschiedlichster Leute (die aus nicht näher genannten Gründen immun ist) mit dieser Situation konfrontiert und muß sich den Weg freikämpfen/das Leben retten/die Zombies zermatschen.
Rodriguez verbeugt sich hier gaaaanz weit vor John Carpenter, obwohl dieser ein ähnliches Thema nie in Erwägung gezogen hat und auch von allzu exzessiven Effekten (selbst sein effektgeballtes „The Thing“ ist zahm im Verhältnis zu heutigen Produktionen) stets die Finger ließ. Musik, Einstellungen und Rhythmus erinnern sehr stark an den Altmeister, ein paar Storykonstellationen gemahnen an „Escape from New York“ und an „Assault on Precinct 13“.
Das fiese Giftgas und das vor sich hin blubbernde Gewürm kommen dann eher aus der Science-Fiction-Ecke und zwar aus der dunklen, die selten sauber gemacht wird und haben noch am ehesten eine Verbindung zu den ursprünglichen Inhalten, denn so klein und b-filmisch Carpenter war, er war nie ein Kandidat für Grindhouse-Vorstellungen, so dirty ging es bei ihm nie zu.
Womit wir zum eigentlichen Kritikpunkt kommen, wenn wir denn so wollen: Trash ist auch das hier nicht. Genauso wie bei Tarantino spürt man auch hier das Wollen, das Nacheifern und damit verbunden natürlich das Übertreffen der Vorlagen.
Aber die Trashfilme der 70er beruhten eben auf ungehobelter Frische, minimalen Budgets, unbeholfener Improvisation oder schlichtem Unvermögen – all das, inclusive des scheinbar malträtierten Filmmaterials, wird hier bewusst eingebaut.
Roh und direkt sind weder Tarantino (der hier einen besonders ekligen Gastauftritt hat) noch Rodriguez mehr, eher abgeklärt und sich ihrer Möglichkeiten, mit dem ausgelagerten Arsenal der Filmgeschichte und ihrer Motive spielen zu können, sehr bewusst.
Rodriguez hat, besser als Tarantino, die Mechanismen, die er nachstellt verinnerlicht. Wenige Schauplätze (der Film spielt fast ausschließlich auf der Militärbasis, einem Krankenhaus, einem Restaurant und kurzen Szenen in einem Revier und ein paar Wohnhäusern), kleine Gruppen von Leuten oder Einzelschicksale; bemühte Schattierungen hinter denen sich überdeutlich Gut/Böse-Zeichnungen verbergen, eine stete Steigerung des Schreckens, eine gewisse Dreckigkeit des Geschehens (sogar das Krankenhaus wirkt herunter gekommen), schwüle Erotik und sinnlose Gewalt um ihrer selbst willen.
Die Vorlagen übertrifft er mit seinen Bildern dabei um ein Weites, was aber auch an dem hier verwendeten exzessiven Budget lag, das erst klein war (12 Mio.) und später auf das Doppelte anstieg.
Vor allem die Matsch- und Glibbereffekte sind geradezu inflationär im Einsatz und kommen dementsprechend geschmacklos rüber – richtig eklig sind (und da zitiert Rodriguez irgendwie die Blutabnahme bei „The Thing“, wo der Schmerz fühlbar wird) aber nur die Originalfotos von Genitalien, die unter Sexualkrankheiten zu leiden hatten – hier holt einen die Realität zwischen lauter Untoten ein.
Rodriguez bleibt so nur das Mittel der Häufung und da macht er so manches Fass auf, sofern sich das Publikum auf das zitierfähige Material ohne Vorbehalte oder Forderungen einlassen kann.
Das kann man nun als postmodern, abgedroschen, neumodisch oder fade ansehen, man kann aber auch eine Menge Spaß damit haben, mit welcher Vehemenz der Regisseur seinen Cast durch den Film und seine Kulissen drischt.
Die Atmosphäre ist jedenfalls extrem stimmig, Rose McGowan schafft schon im Go-Go-Tanz des Vorspanns genau die schwüle Erotik, die Tarantino in „Death Proof“ nie so recht schaffte und die Idee, den Filmriss samt anschließender fehlender Rolle genau an die Stelle der (natürlich zwingend nötigen) Sexszene zu setzen, macht einfach Spaß – der Film wird hier einfach zu heiß…
Auch sonst ziehen aus purem Fun Edel-B-Mimen wie Jeff Fahey, Michael Biehn oder Josh Brolin ordentlich vom Leder, Bruce Willis gönnt sich zwei eiserne Gastauftritte und Freddy Rodriguez (Six Feet Under) macht ordentlich Sympathiepunkte als kampferprobter El Wray.
„Planet Terror“ wird so zum blutdurchtränkten Rausch, zeitweise selbstironisch, aber nicht grausam im eigentlichen Sinne, ein Trip für das moderne Publikum, das die eigenen Ansprüche nicht hinterfragt, aber die Exzessivität einfach begrüßt.
Aber weil das „Grindhouse“ hierzulande vermutlich nie so recht so aufgenommen werden wird, wie es in den USA angedacht war, funktioniert „Planet Terror“ vermutlich auch so als wilder Splatterexzess, bei dem man wieder einem Teil des Publikums einen Waschzettel bezüglich der schlechten Filmqualität in die Hand drücken muß, der dem Rest aber einen Sauspaß macht, weil er Tempo, One-Liner und jede Menge Gore hat.
Mundpropaganda erledigt den Rest – für mich bleibts ein Fest. (9/10)