Für eine Handvoll Knochen
Vor ein paar Jahren sorgte ein verstörender Film namens "Blair Witch Project" für Furore. Die Idee die hinter diesem Filmprojekte steckte - und natürlich das damalige Empfehlungsmarketing welches über das Internet kursierte - bescherte letztendlich dem US-Filmverleih LionsGate einen wahren Geldsegen und erhob die Schöpfer dieser Mystery-Gurke zur letzten Hoffnung Hollywoods. Ein Big-Cinema-Event im Gewand eines Low-Budget-Heulers mit aufpolierter Tonspur. Neu war die Idee natürlich nicht, bediente sich der Film doch der Dramaturgie und Inszenierung eines hierzulande stark verhunzten Kannibalen-Reißers mit dem schönen deutschen Titel "Nackt und zerfleischt".
Regisseur, Autor und Kameramann Jonathan Hensleigh hat die Markt-Nische nun wiederentdeckt. Nachdem sein "Punisher" an den Kinokassen kläglich scheiterte ist nun die Zeit des Low-Budget-Movie gekommen – und das obwohl Produzenten-Ikone Gale Ann Hurd als Geldgeber fungierte. Ein mutiges fast unentdecktes Projekt, welches später in den unteren Videotheken-Regalen sein Dasein fristen wird. Gerechtfertigt? Nein !
Größter Kritikpunkt war nach Aussage vieler Kinogänger die Spannungslosigkeit und Fehlen jeglicher detaillierter Gewaltszenen – das Ausweiden ist und bleibt vorrangig dem Kannibalenfilm der 70er und 80er Jahre vorbehalten. Spannungslos war der Film dennoch nicht – wurde die bedrohliche Stimmung des Dschungels und die immer ausufernden Anfeindungen innerhalb der Gruppe anhand des Doku-Stils stets vorangetrieben – dabei überraschten hier die guten schauspielerischen Leistungen – die Darsteller wirkten natürlich und die Filmerei jeglicher "unsinniger" Gespräche oder Handlungen wurde für die Charakterzeichnung benötig. Natürlich ist Logik etwas anderes – oder warum sollen vier Greenhorns einen Verschollenen suchen, der selbst durch mehrere professionell geführte Suchtrupps nicht gefunden wurde. Auf der anderen Seite – gab es überhaupt logische Kannibalenfilme und wurde nicht immer die gleiche Geschichte wiedergekaut: Kannibalen quälen und töten alles was ihnen in den Weg kommt. Erst Ruggero Deodato setzte mit seinem Filmexperiment – Spielfilmhandlung gekoppelt mit Ich-Perspektive eines Doku Stils – zumindest inszenatorisch Neuland.
Die in Hensleigh Version nicht explizit dargestellten Gewaltausbrüche erwiesen zumindest dem Ursprungsfilm in einigen Szene eine gewisse Reminiszenz ohne jedoch im Sumpf von Vergewaltigung, Tiersnuff oder Entweidungen sich zu suhlen. Oftmals sind Schreie eines verstümmelten schmerzhafter als das Zeigen des Ereignisses. Perfekt arrangiert war die Szene eines der aufgespießten Expeditionsmitglieder – die Kamera darf hier wie bei Deodatos Schlachtplatte das Opfer umkreisen – reiner Voyeurismus der immer noch schmerzhaft und eklig ist. Andere Gewaltausbrüche verschwinden im Dunkeln. Körperteile, Verstümmelungen und Opfer werden kurz angeleuchtet – das immer panischer werdende Atmen hinter der Kamera ist weitaus Angsterzeugender. Der Film endet ziemlich abrupt – mit einem Augenzwinkern. Wir Voyeuristen vermuteten dies aber bereits vorher.
Fazit: Schnell zu goutierender Kannibalen-Happen mit einem Minimum an Fressorgien und einem Maximum an "Blair-Witch" – nur besser. Auch hier sei gesagt: Eine große Kinoleinwand mit perfekten Sound hat diesen B-Film aufgewertet. Schlechte Bewertungen werden bei der DVD-Veröffentlichung bestimmt folgen. Dafür gibt es 6 auf Palmenblätter gedünstete Missionare mit der Garantie auf Geschmacklosigkeit.