Review

Tatsächlich traut sich noch jemand zu, weit außerhalb der Blütezeit des Kannibalenfilms einen solchen zu drehen. Allerdings ist dieser amerikanische Nacheiferer weit entfernt von den rauen italienischen Beiträgen, die zuweilen noch nicht einmal vor echten Tierschlachtungen halt machten.
Diese bleiben hier glücklicherweise vollständig aus, doch von kannibalistischer Härte ist weit und breit wenig zu sehen.

Gedreht wurde das Ganze ausschließlich mit Handkameras, von denen zwei jeweils von den vier Protagonisten mitgeführt werden. Die Paare Mandi und Colby, sowie Mikey und Bijou befinden sich auf den Fidschis und hören von einem Helikopter-Piloten, dass er den seit 1961 vermissten Rockefeller-Erben Michael gesichtet hätte. Sogleich machen sich die vier Twens auf, um in den Naturgebieten Neuguineas nach dem Verschollenen zu suchen, doch sie rechnen nicht mit übel gelaunten Kannibalen, die ihnen alsbald nach dem Leben trachten.

Die Mixtur aus „Blair Witch Projekt“ und „Cannibal Holocaust“ funktioniert hier nur bedingt, denn man benötigt eine Weile, um sich an die wackeligen Bilder zu gewöhnen, die in den wenigen Temposzenen recht anstrengend zu verfolgen sind. Andererseits befindet man sich recht dicht an den Figuren, was nicht nur die allgemeine Authentizität erhöht, sondern in einigen Momenten eine ansprechende Abenteuer-Atmosphäre schafft.
Auch das Fehlen des Scores (das Buschtrommeln der Kannibalen mal außen vor) verstärkt diesen Eindruck, es fällt nicht schwer, sich in die Situation der vier hineinzudenken.

Bis die Kannibalen in Erscheinung treten, vergeht allerdings eine geraume Zeit, die man nicht unbedingt dafür verwendet, sorgfältige Charakterzeichnungen zu liefern.
Zwar treten im Verlauf immer stärkere Konflikte innerhalb der Gruppe auf, wobei einem zwei Figuren aufgrund ihres unangemessenen Verhaltens zusehends unsympathischer werden, doch man verschwendet zuviel Zeit mit unnötigen Interviewpassagen, Beziehungsgelaber und banalen Dialogen am Lagerfeuer.
Lediglich der kurze Übergriff einiger Dorfbewohner in Port Moresby und Probleme an der Landesgrenze lassen phasenweise etwas Spannung aufkommen.

Interessanter wird es erst, als sich ein Paar von den anderen abseilt und auf einem Floß treibend an beiden Ufern von bewaffneten Kannibalen beobachtet wird, die zu Recht sauer sind, weil einer etwas von ihrer Grabstätte entwendete.
So gestaltet sich der Verlauf in den letzten 20 Minuten zunehmend bedrückender, spätestens mit dem Fund eines aufgespießten Opfers, Leichenteilen vorher getroffener Missionare und den entfernten Schreien eines Opfers.
An dieser Stelle soll natürlich nicht verraten werden, ob überhaupt jemand aus der Gruppe überlebt, nur dass man sich bezüglich des anno 1961 auch in Wirklichkeit verschwundenen Rockefellers noch einen kleinen Schlussgag ausgedacht hat.

Was die Handkameras ebenfalls nicht liefern ist explizit festgehaltene Brutalität, denn da positioniert sie das Drehbuch immer so, dass keiner der Protagonisten etwas von den eigentlichen Taten mitfilmt. Insofern findet man lediglich abgetrennte Füße, ein paar Innereien und ein Opfer ohne Gliedmaßen. Fressszenen sind hingegen überhaupt nicht enthalten.

Genrefreunde kommen also nur teilweise auf ihre Kosten, mit viel Wohlwollen geht der Stoff aber als phasenweise stimmungsvolles Dschungel-Abenteuer durch, dass leider erst gegen Ende an Fahrt zunimmt.
Knapp
6 von 10

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