Als ich Die große Chance in einem Bundle erwarb, habe ich dem Film zunächst nicht viel Bedeutung beigemessen. Es mag daran gelegen haben, daß er im Prinzip den ersten Musikfilm mit Freddy Quinn darstellt, welcher hier dennoch nur eine Nebenrolle bekleidet. Ich erwartete also eine durchschnittliche Musikrevue, vielleicht mit ein paar Heimatmotiven, da es ja um heidelberger Studenten gehen sollte. Ohne Frage reizen mich auch diese Filme oftmals, da ich in meinen 80er Jahren, vollkommen unwissend um ein generelles, für mich also natürliches 50er-Jahre-Revival, mit den Lieblingsfilmen meiner Eltern aufgewachsen bin. Ein Bezug zum so vertrauten Ensemble besteht also außerdem, weshalb die Qualität nicht immer der einzige Ausschlag für mich ist.
Jedoch schlägt Die große Chance in eine Kerbe, die man durchaus hervorheben kann. Die juvenilen Delinquenten fallen ohne Frage in eine doch eher idyllische Harmlosigkeit. Ihr Jazz-Club spielt keine überaus wilden Melodien. Es ist ein Kompromiß aus schmissigen Kompositionen mit massenkompatiblem Schlager, wie so oft posiert von Darstellern, deren die Musik illustrierende Interpretation in den Bewegungen weder in der Notation geschweige denn in Takt und Anschlag mit den Klängen übereinstimmen. Deutlicher als anderswo aber wird ein zeitgenössisches Abbild gezeichnet, welches nebst der subversiven Vernunftsbotschaften doch auch die Gefühlswelt des durchschnittlichen Jugendlichen beleuchtet und in ihren Hürden doch auch Probleme verankert, die wir heute allgemein als überwunden oder obsolet ansehen.
Interessanterweise ist die erste Gestalt, gegenüber der in Die große Chance eine Antipathie aufgezeigt wird, der Herr Kaplan. Die Jugendlichen zeigen eine vielleicht sogar natürliche Ablehnung gegenüber einem Mann, der offensichtlich den Zugang zu ihnen sucht, ihnen abends einen Film über eine Nordpol-Expedition zeigen möchte, die doch so spannend sei wie ein Western. Jene konsumiere er doch auch ab und zu, fügt er bei, als die Kleinen Bedenken kundtun. Später, als er die Älteren im Jazz-Club mit seinen Kenntnissen über Tonfolgen aussticht, wird ihm gar Rattenfängerei vorgeworfen. Es sind allerdings die Jugendlichen (bzw. jungen Erwachsenen), die, möglicherweise aus Unwissenheit, vielleicht aus Erfahrung, verbittert wirken. Das Thema des Films jedoch ist lange gesetzt. Die große Chance ist eine Geschichte über die Begegnung, Offenheit und den Abbau von Vorurteilen.
Als der Kaplan schließlich doch mit den Jugendlichen einige Spirituals einstudiert, platzt einem Vater der Kragen und er spricht aus, was ihm in einer vorherigen Szene schon auf den Lippen gelegen hatte. Die Jazz-Musik eines (verlorenen) Sohnes war schon genug, so daß er dem jüngeren Bruder die Teilnahme an den Veranstaltungen verbot. Nun aber übte ausgerechnet der Kaplan “Neger-Musik” mit seinen Schäfchen ein! Zuviel für diese kleinbürgerliche Seele. So macht sich der Vater auf, um per Unterschriftensammlung eine Versetzung dieser Bedrohung von Sitte, Recht und Ordnung zu erwirken und sich somit abermals auf seine autoritäre Art gegen seine Kinder zu stellen.
Diese heute so schwerwiegende Episode ist jedoch nicht die einzige, welche sich um Oberflächlichkeiten dreht. Mit Die große Chance kehrt diese Thema bis in die Details immer wieder. Ob es nun der Konflikt zwischen Tankstellenbesitzer und Student über das Gute im Menschen ist, das Kind, welches die modernen Gedanken der Großmutter erfährt, oder der Junge, der seinen Flirt für die Freundin seines Kameraden hält, und bevor er erfahren kann, daß diese Geschwister sind, bereits das Weite gesucht hat. Gerade in der Liebe haben die Ansichten der wohlhabenden Eltern über die Beziehung zwischen Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten folgeschweren Einfluß.
Mädchen, die arbeitende Männer mögen. Sorglose Studenten, die nebenher noch Zeit und Gelegenheit zur Arbeit, für die Liebe und für ihre Liebe zur Musik haben und dann diese so scheinbar kleinen Widrigkeiten, die man sich schon fast wieder wünscht. So wie der Konflikt, ob man nun mit dem vielfachen Gehalt des Vaters durch die USA tourt, oder doch seine berufliche Karriere fortsetzt. So wie der Konflikt, beim Verlobten in Heidelberg zu bleiben, oder eine Karriere als Sängerin in Hamburg anzunehmen. Realismus ist in Die große Chance dann doch nicht zu suchen.
Dennoch wird im Film zwischen Musikaufführungen und einer in sich schon recht stabilen Welt etwas beschrieben, was auch heute noch von Bedeutung ist. Die Auflösung liegt im zweiten Eindruck, weshalb es für Die große Chance auch ungemein wichtig ist, daß die Vernunft der Figuren nicht zu sehr im Verborgenen zu suchen ist. So bedarf es einfach einer Abnahme der eigenen Scheuklappen, ein genaueres Hinsehen, aber auch anderen die Möglichkeit zu bieten, die bereits gebildete Meinung noch einmal zu hinterfragen. Da geht das wendehälserische Verhalten der Bürger nach der cheauvinistisch motivierten Unterschriftenaktion als Sinnbild für in Deutschland geschichtlich behaftetes Mitläufertum sogar unter, wenn am Ende alle zueinander gefunden haben. Ein nahezu kluger Schachzug, um die betroffenen Zuschauer in Watte zu hüllen.
Tatsächlich sprüht Die große Chance desweiteren vor Idealen. Väter, Mütter, Söhne und Töchter, geht aufeinander zu, interessiert euch füreinander und entdeckt, was für großartige Menschen ihr seid und daß ihr einander vertrauen könnt. Man hat es sich sicher einfach gemacht, indem man die menschlichen Abgründe so seicht gezeichnet hat, daß die Begegnung wenig kompromißintensiv ausfällt. Der Heile-Welt-Film als Positivbeispiel für Zuschauer, die von den Bildern ergriffen vielleicht ein Bisschen von diesem Vorbild in ihr eigenes Leben übernehmen. So ist das Werk nicht nur Kitsch, sondern auch Politik und Predigt. Die große Chance ist eigentlich nicht der berufliche oder musikalische Erfolg, sondern das Miteinander. Kaum kann man sich dieser einfachen Grundsätze entziehen. Manchmal ist Moral einfach schön.