Die Abgründe hinter der biederen Fassade der gemeinen Bürgerlichkeit – das war bisher eigentlich ein Thema, dem sich bis zuletzt hauptsächlich Claude Chabrol angenommen hat. Durchsetzt man diese Untiefen mit etwas bitterem, aus der Situation geborenem Humor und etwas Hitchcock-Suspense, so bekommt man in Verbindung mit einem betont beherrschten, namhaften Cast „Married Life“ dabei heraus.
Schauspielerkino – das ist noch am ehesten der Begriff für die Vorgehensweise dieses Komplettprojekts von Ira Sachs, der hier als Regisseur, Autor und Hauptproduzent fungiert. In Zeiten, wo der äußere Effekt über alles geht, arbeitet Sachs sich hier in die charakterliche Tiefe vor und fördert darstellerische Leistung der besseren Qualität.
Dazu braucht es nicht mehr als einen relativ simplen Plot – eine Menage a cinq – bei der ein romantisch gepolter, auf Liebe gepolter Ehemann seine Erfüllung in einer jüngeren Witwe findet und keinen anderen Ausweg sieht, als seine angestammte Ehefrau mittels Gift aus dem Weg zu räumen, die ihre Ehe in erster Linie über ihre Körperlichkeit und die Gewöhnung definiert. Dabei kommt ihm jedoch sein bester Freund in die Quere, der unter dem Deckmäntelchen des Ehebruchs dahingehend agiert und agitiert, daß die attraktive junge Frau am Ende ihm zukommt, während der Ehemann sich eingestehen muß, daß seine Frau bei weitem nicht so genügsam mit ihm zusammengelebt hat, wie er das bisher angenommen oder für sich ausgeschlossen hat.
Viel mehr benötigt es nicht für einen ebenso ernsten, wie tragischen, wie indirekt augenzwinkernden Film, der genau das auf den Kopf stellt, was man für gewöhnlich von einem 1949 spielenden Melodram erwarten würde.
Hier sucht der Verzweifelte Romantik, nicht puren Sex, wie es gewöhnlich der Fall ist; das Ersparen von emotionalen Leiden soll mittels Giftmord getilgt werden; der Freund redet sich und dem Publikum per Offkommentar unglaubwürdig ein, daß die geführte Ehe allein die Affäre zum Fehlverhalten stempelt, während er sich mit dieser Halbmoral selbst ein Entschuldigungszeugnis für das eigene Verlangen ausstellt; am Ende ist gar nicht die komplette Zerstörung des maroden Beziehungskonflikts die Folge, sondern ein zynischer Neuanfang aller Beteiligten, denen gar keine Wahl bleibt, als den status quo aufrecht zu erhalten, wenn sie nicht auffliegen wollen – Grund genug für ein erzwungenes Glück.
Was Sache ist, ist dann auch schon sehr bald klar – hier wird eigentlich recht wenig Überraschendes zutage gefördert, doch der Teufel liegt auch hier, wie auch im „film noir“ im Detail, auch wenn die Bezüge zu diesem Subgenre hier eher mit den Melodramen Douglas Sirks gemischt werden.
Dabei läuft der Film allerdings im letzten Viertel nicht zur Hochform auf, sondern verflacht auf eine bösartige Konsequenz hin. Bis dahin allerdings weiß der Zuschauer oft nicht, ob er lachen oder weinen soll – wenn gerade das vermeintlich berechenbare Biest, das den solventen Ehemann vermutlich ausnutzt, sich als der einzige reine Engel der Chose erweist.
Auf der Negativa-Seite kann man anführen, daß Sachs der Verlockung der Tragik ein wenig zu schnell verfällt, zu zäh, gedehnt, getragen kommt manche tiefschürfende Szene rüber, endlose Sekunden (eines eh nicht langen Films) fallen hier in Brunnen des Wartens auf eine Antwort. Dafür wird der Plot an sich relativ flüssig abgespult, alles steuert auf den Giftmord zu, dessen Ablauf natürlich durch verschiedene Widrigkeiten immer wieder behindert wird, Suspense in seiner reinsten Form, während einem die jeweils egoistischen Ausgangspunkte der Figuren stets in ihren Handlungen ein Schmunzeln abnötigen.
Schauspielerisch ist das Ergebnis jedoch leicht durchwachsen, Patricia Clarkson und Rachel McAdams machen ihre Sache sehr gut (wobei McAdams über weite Strecken ein undurchschaubares Chiffre bleibt), während Cooper seine tragische Figur fast zu Tode dehnt und der leider viel zu steife Pierce Brosnan dagegen auch nicht die rechten Punkte machen kann.
Dennoch ist in einer Zeit, in der sich sonst nur Woody Allen noch an solchen Geschichten versucht, die einen eher konsterniert als gesättigt zurücklassen, der hehre Versuch einer Belebung des Schauspielermelodrams schon lobenswert, denn hier wird geschickt und dezent mit den Erwartungen des Publikums gespielt, um sie dann zu übertölpeln.
Wer also mal große Gefühle nicht von der Stange haben will und sich gern die alten Schmachtfetzen reinpfeift, die noch in der Hauptsache in s/w gehalten waren, ohne daß es gleich sirupsüß, aber doch zentnerschwer wird, der sollte hier einen Pärchenbesuch in Betracht ziehen.
Das wäre mal was für ein „Seniors Night“-Feature – die Jüngeren dürften mehrheitlich unruhig mit der Popcorntüte rascheln. (7/10)