Revolte
am Campus – Wieder verrät ein Film seine Ideale.
Spoilerverseuchter Angriff auf einen weiteren US-Teenie-Film mit
vorgeblich „klassenkämpferischen“ Ton, der eigentlich seine
Revolution verrät.
Ich
versuche hier, den merkwürdigen Zwiespalt zu erfassen, der mir in
vielen US-/Mainstream-Filmen auffällt. Positive, möglicherweise
gesellschaftsverbessernde, „klassenkämpferische“ Tendenzen
werden zuerst ausgestellt und hochgelobt, am Ende aber konterkariert,
unterlaufen, abgewürgt und ins Gegenteil verkehrt. Gerade im
„Teenie“-Genre, also in Filmen, die sich an ein heranwachsenden
Publikum wenden, mangelt es nicht an Konflikten: Jung gegen Alt,
kreative Schülerschaft gegen starres System, Reich gegen Arm,
gesellschaftliche Erwartungshaltungen gegen Individualismus sind
ständig präsente Topoi in diesem Genre und provozieren oft genug
revolutionsartigen Widerstand. Doch am Ende steht plötzlich das
System gestärkt da ("The Man" nennt es Dewey Finn in
SCHOOL OF ROCK).
Also:
Basierend auf "Snow White" = Schneewittchen, dem Märchen,
das auch einen Kampf zwischen Jugend und vergreisender Bosheit
schildert, gerät hier „Sydney White“, die burschikose und
brünette Tochter eines verwitweten Handwerkers, auf ein US-College,
wie man es aus unzähligen US-Filmen kennt. Sie, typischer Tomboy,
kommt direkt von der Baustelle, ihr Milieu und Freunde sind die
Handwerker dort. Eigentlich ist sie zwar entsprechend burschikos
sozialisiert, jedoch lebt sie schon in Veränderung. Entsprechend
erhält sie von ihren Handwerkernfreunden nicht den erwarteten
Multifunktionshammer, sondern einen Laptop - in schneeweißer
Packung. Ihre Freunde wissen um ihren Abschied von der Kindheit, eher
als sie selbst.
Denn
sie schickt sich an, in die Fußspuren ihrer Mutter treten, die einst
an eben diesem College Präsidentin der (Frauen-)Verbindung "Kappa
Phi Nu" war. Dieser herbeifantasierte „letzte Wille“ der
Mutter lässt Sydney scheinbar endlos lang brauchen, bis sie lernt,
was die (deutschen) ZuschauerInnen schon nach ca. 5 Sekunden wissen:
Diese verehrte Verbindung KPN ist ein Pfuhl bösartiger,
oberflächlicher, fürchterlicher, und ausschließlich blonder
Klischee-"Frauen", die in kritikloser Anbetung ihrer
Chefin, der „Nummer 1“ (auf der College-eigenen „Hot or
Not“-Liste) stillschweigen. (*)
Die
KPN-Girls lassen sich bereitwillig von einer narzisstischen
„Mutter“/“Königin“ tyrannisieren, die sie alle zu
gleichförmigen Barbie-Klonen umfunktioniert. Während im Innern des
Baus alle gründlich gleichgeschaltet funktionieren, werden die
zwangsläufig entstehenden Aggressionen nach Außen gerichtet. Oder
auf neue Bewerberinnen – zu denen nun auch Sydney White gehört.
Wie in der Rekrutenausbildung in Stanley Kubricks „Full Metal
Jacket“ werden die Bewerberinnen gedrillt, mit dem
Vergrößerungsglas auf Wimpernlänge, Zahnfarbe, Porengröße,
Frisur und Figur gecheckt. Dann stehen Foltermethoden wie nächtlicher
Schlafentzug, Kloputzen im eigenen und im Männer(!)verbindungsheim
(**) und Wasserfolter auf dem Plan (Wasserfolter übrigens nicht wie
im Anti-Terror-Krieg der USA, sondern durch Nassspritzen – Grund
für die Strafe: Unkenntnis der Verbindungsgeschichte!
Verhältnismäßigkeit sieht anders aus.).
Der
Film schafft hier den Spagat, diese Methoden einerseits als
verwerflich anzuprangern, gleichzeitig sorgen sie für den Spaß beim
Zuschauen. Und sie werden als jahrealte Tradition präsentiert, von
niemandem kritisiert, von allen Opfern ohne Gegenwehr akzeptiert,
auch von Sydney. Bis sie schließlich, trotz aller Strapazen, nicht
in diese edle Verbindung aufgenommen wird. Erst nachdem KPN ihre
Seite des Tauschgeschäfts nicht einhält, nach Sydneys "Vertreibung"
aus dem illustren System, kommt es für sie zu Einsicht und Konflikt
mit diesem System. Es ist die Nichterfüllung des Vertrags, das
Nicht-Zustandekommen eines erhofften Geschäfts, das zum Aufstand
führt, nicht die Methoden oder die Existenz des Systems (Sydney
hatte bislang die herrschende Gewalt und ihre eigene Entmenschlichung
akzeptiert, im erhofften Austausch gegen die Aufnahme in die
Gesellschaft/Gruppe).
Übrigens:
die Auswüchse des Systems lastet der Film allein der Tyrannin an.
Der Missstand sei die Schuld einer Einzelperson, nicht des Systems.
(Verharmlosung auch hier. Wie bei vielen realen Verbrechen,
Völkermorden und Kriegen schieben es Medien, Nachwelt und
Überlebende bevorzugt den Führern in die Schuhe –
Personalisierungen sind sehr beliebt. Die beteiligten Volksmengen
stellen sich gern als eigentlich unschuldig Verführte dar. ) Der
Film unterstellt, die Tyrannin regiere nicht durch Absprache mit
anderen oder das Einverständnis der Regierten, sondern durch Angst
und das traditionelle Funktionieren eines vertrauten Systems.
Erst
als die Alleinherrscherin ihre Popularität in der Außenwelt
einbüßt, wenden sich auch die Regierten rasch von ihr ab, obwohl
sie ihr wenige Minuten zuvor noch applaudiert haben. Nicht ihre
Methoden oder ihr Charakter, sondern erst ihr Statusverlust
provozieren den Aufstand. Wie Sydney selbst – die sich alsbald
auch schon die Beine rasiert hat – gehorcht man gern, so lange
alles gut läuft. Wieder richtet der Film seine Revolution gegen eine
Nebensache: die fehlbare Einzelperson. Mit deren Entmachtung sei
alles gelöst.
Neben
dem Duell der zwei Einzelpersonen gibt es die sieben Nerds (sieben
Zwerge), natürlich auch dramaturgisch als komische Sidekicks. Obwohl
Opfer des herrschenden Systems, Ausgestoßene, denen Sydney im Film
mit ihrem Aufstand helfen zu wollen scheint, werden sie statt dessen
auch als Leute dargestellt, mit denen man als Übermensch (Sydney)
lieber nichts zu tun haben will. Auch Amanda Bynes als Sydney muss
regelmäßig befremdet auf die Leute reagieren (Augen aufreißen und
rollen ist Bynes' bevorzugtes Ausdrucksmittel), ein vernünftiges
Gespräch sieht man sie nicht mit ihnen führen, die „Nerds“ sind
in ihrer Gegenwart entweder passiv oder laufen nervös gegen Wände.
(Wie auch Sydney selbst nervös wird, gleich wieder als dummes
Weibchen hemmungslos plappert, wenn der - stets coole - „Prinz“
auftritt.) Trotz der Freiheitsproklamationen des Films werden alte
Rollenmuster und Statusunterschiede gnadenlos wiedergekäut und
bestärkt, die Sympathieträgerin und das Drehbuch wollen mit diesen
"Verlierern" eigentlich nichts zu tun haben.
Entsprechend
werden den Nerd-„Charakteren“ (sie Charaktere zu nennen wäre
eine Übertreibung!) keine besonderen Fähigkeiten zugeschrieben (die
Nachahmung der ständigen Superhelden-Blockbuster hätte sich hier
angeboten, schließlich scheut „Sydney White“ sonst auch kein
Klischee. Seit Jahren verstopfen sie die Kinos, am besten hätten
sich zum Abkupfern empfohlen „X-Men“, „Avengers“ oder
„Fantastic Four“). Die Nerds aber werden durch Apathie und
Schlaffheit gekennzeichnet, bis Sydney sie durch „Steht
auf!“-Appelle in wenig spezifizierter Form zum Leben erweckt –
sie sind Menschen im Dornröschen-Schlaf, bis Führerperson Sydney
sie, in übertragenem Sinne, „wach küsst“. (Jetzt wurde sie
selbst zum Drill Sergeant aus FULL METAL JACKET. Was ihr bei KPN
verwehrt blieb, erreicht sie hier: Für den Film ist das "Erfolg".)
(***)
Aber
wir bleiben im Märchen „Schneewittchen“, in dem eigentlich vor
allem Sydney, die Prinzessin, von ihrem Traumprinzen wach geküsst
wird - als sie in der Bibliothek eingeschlafen ist. Auch hier bleibt
die Tradition ungebrochen.
Wenigstens
einer der Nerds scheint am Ende „erfolgreich“ (im Sinne der
eigentlich systemerhaltenden Botschaft des Films): Er konnte eine
chemische Formel für 10 Millionen an einen “Konzern“ verkaufen
und erscheint daher vor seinen ehemaligen Mitbewohnern in dickem
Auto, teuren Klamotten, am Smartphone Börsengeschäfte abwickelnd.
So sieht für den Film "Erfolg" aus. Daran bemisst er
gelungenen Aufstand.
Und
so dient wieder einmal einem Teenie-Film "Die Revolution"
als Mittel, um "Das System" zu stärken.
(*)
Solche Listen, in denen an höheren Bildungsinstitutionen bewertet
wird, ob Frauen „heiß oder nicht“ sind, sind übrigens im
US-Film keine Seltenheit. In der Realität dann wohl auch nicht.
(**)
Zur Funktion von Studentinnen als Dienstmädchen für ihre männlichen
Mitschüler an amerikanischen High Schools und Colleges: siehe die
Reportage "Our Guys – The Glen Ridge Rape and the secret life
of the perfect suburb" von Bernard Lefkowitz.
(***)
Übrigens, natürlich übertreibe ich bei der Kritik, wie die Nerds
gezeichnet werden: Einige der sieben Jungs sind durchaus hochbegabte
Naturwissenschaftler, spielen Schach, bloggen oder kreieren
Computerspiele, doch in der Handlung trägt nichts davon zur
Revolution bei. --- Oje, ich übertreibe wieder: Es hilft der
Revolution, dass die Anführerin der "Goths" dem
rätselhaften Blogger verfallen ist. Wozu jedoch - völlig
unglaubwürdig - gehört, dass sie nie auf die Idee kam, ihn online
zu kontaktieren...