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Ohne die genauen Gründen zu kennen nimmt es schon ein wenig Wunder, wieso sich die japanische Filmindustrie bereits etablierte und auch für das internationale Publikum interessante, vor allem aber den gesamten ostasiatischen Raum erreichende Vorlagen direkt vor der Nase wegnehmen, oder das Zepter weitgehend ab und die Verfilmung begünstigter Mangas in die Hände kantonesischer Talente legen lässt. Sowohl Takehiko Inoues „Slam Dunk“ als auch Shuichi Shigenos „Initial D“ wanderten aus dem naheliegenden Einflussbereich hinaus in die Investition und konstruktive Verantwortung, aber auch den gedeihlichen Profit ausländischer Gesellschaften; das gleiche Schicksal traf in eminenten Attributen als aktuellste Produktion „Shamo“, basierend auf den Zeichnungen von Akio Tanaka, die sich wiederum auf die beispielgebende Geschichte von Izo Hashimoto gründen.

Ebenso verwunderlich wie die Nichtbeachtung oder Außerachtlassung potentiellen Nährbodens stellt sich der Aufschub der live action Variante dar; erste druckbare Kritiken des dort zumindest vorgeblich schon fertiggestellten Werkes waren vor weit über einem Jahr nach dem Cannes Film Market zu verzeichnen, während sich der offizielle Kinostart ebenso wie die anschließende DVD Veröffentlichung zum Unmut der vor allem durch die Wahl des beauftragten Regisseurs angeheizten Klientel immer weiter hinaus verschob.

Auf den ersten Blick folgerichtig wurde nämlich der richtige Mann als Grundstock für die als wenig zimperlich geltende Prämisse verpflichtet. Soi Cheang Pou-Soi hatte sich zwar seit den frühen Neunzigern als Actor, Script Supervisor und Assistant Director im HK Filmbusiness betätigt, kurz vor dem Millennium die eigenständige Regiekarriere besonders im Bereich des Horrorgenres begonnen und auch dort auf sich aufmerksam gemacht, sich aber erst mit dem die Konventionen verneinenden Dog Bite Dog [ 2006 ], dann allerdings umso mehr einen Ruf erworben. Diesen Durchbruch in der Anteilnahme und Nachfrage des Publikums wird er mit dem hiesigen Nachfolger vielleicht nicht gleich gänzlich wiederholen können, dazu ist der Überraschungsangriff samt Abschreckungseffekt auch weitgehend weg und wird durch eine gesteigerte Erwartungshaltung eher noch zunichte gemacht, aber er bekräftigt immerhin die Empfehlung und schürt weiterhin die optimistischen Aussichten auf den bereits vor dem Abschluss stehenden Assassins [ 2008 ]; der ihn mit der Besetzung Louis Koo und Richie Ren zudem auch noch mehr in die Öffentlichkeit rücken wird. Berechtigten Anlass zum letztmaligen Austoben vor einem sicherlich näher dem Mainstream angelegten Prestigeobjekt, finanziert von Media Asia und produziert von Johnny To, verschafft ihm Shamo dann allemal, trotzdem wird er auch hier schon von der inneren Zensur und dem etwaig moralischen Empfinden, was man denn zeigen kann und was nicht, gemäßigt:

Als der sechzehnjährige gutbürgerliche Ryo Narushima [ Shawn Yue ] eines Tages ohne Vorwarnung seine Eltern ermordet, wird er laut juvenile law zu zwei Jahren Haft bestraft und bekommt aufgrund der Schwere und Unverständnis der Tat ein Brandmal der angewidert aufgebrachten Gesellschaft verliehen. Auch im Gefängnis kann er weder auf die Gnade seiner Mitinsassen noch die des Principals Saeki [ Ryo Ishibashi ] rechnen, erst der wegen eines Attentat auf den Premierministers eingesperrte Kenji Kurokawa [ Francis Ng ] bewahrt ihn vor den ewigen Attacken, Demütigungen und Vergewaltigungen und bringt ihm zusätzlich noch Karate im nächtlichen Training bei. Der so mit einer neuen Gabe wiedergeborene "Kampfhahn" wendet die erlernten Techniken auch später im Berufsleben als Gigolo zur Verteidigung und ganz allgemein dem Ausleben seiner Aggression an, möchte allerdings zurück ins strahlende Rampenlicht und deswegen den amtierenden Champion der "Lethal Fights" Veranstaltung, Naoto Sugawara [ Masato ] herausfordern. Zuvor gerät er allerdings mit seinem einzigen Freund Kouhei Fujiyoshi [ Chau Ka Sing ] in den schwelenden Konflikt der den Wettkampf Austragenden Kensuke Mochizuki [ Bruce Leung ] und Ryuichi Yamazaki [ Dylan Kuo ] und an die Prostituierte Megumi [ Annie Liu ], die mit Ryo zusammen seine in die Drogenszene abgerutschte Schwester Natsumi [ Pei Pei Wei-Ying ] suchen will.

Dreht sich die Erzählung auf dem Papier noch ausführlich und explizit detailgetreu in rauen Margen um den minderjährig Inhaftierten, der als Abschaum der Gesellschaft geächtet den Weg der Leiden in und außerhalb eines Kampfringes beschreitet, so beschreibt das Drehbuch von Hashimoto Izo und Szeto Kam-Yuen zwar genau dieselbe Konstruktion mit den entsprechenden Figuren und auch den Ansätzen und Vorahnungen der graphischen Bilder voll Missstimmung und Unebenmaß, unterlässt aber öfters den entscheidenden Schritt in den Exzess hinein. Gerade der violente sexuelle Bereich wird hierbei immer etwas abgeschärft, bzw. ausgeblendet oder auch vorn vornherein mit festgelegten Grenzen unterlassen. Anders als im zusammenraffenden Trailer und den folgerichtigen money shots in verknappender Aneinanderreihung noch vermutet wird auch der gesamte Gewaltlevel und die Charakterisierung des Anti-Helden sicherlich nicht annähernd auf die Spitze des Möglichen getrieben und ist das Ganze mehr nihilistische oder auch postapokalyptische Action als ein Sturm in Blut und Knochenbruch erlöster Abbilder. Was der Inszenierung andere Varianten atmosphärischer Bearbeitung abverlangt, um mit der abgemilderten Grundidee und näheren Bestimmung ihres Gebrauchs sowie der Besetzung auch die entgegengesetzten Arten des Hässlichen und zugleich Verstörung und Distanz formulieren zu können.

Vom Plot, nur mit veränderten, da komplett negierten und mit der Erregung unangenehmer statt angenehmer Empfindungen arbeitenden Vorzeichen her ist dieser soziopathische Rapport an Vehemenz, Zwang und Willkür die durchaus übliche Abfolge des Auf- und Abstiegs des einsamen Kämpfers durch die Reihen zahlreicher Gegner und ebensolcher Gefahren. Nicht ohnehin bedient man sich der Lehrer - Schüler - Struktur ebenso wie man Protagonist und Antagonist, wobei hier die Rollen natürlich den Gewohnheiten gegenüber umgekehrt sind, von vornherein aufeinander setzt und sie miteinander konkurrieren und aufwiegeln, aber erst ganz am Ende zum entscheidenden Schlagabtausch antreten lässt. Das angespannt rotierende Diktat dieser Anfangskenntnisse vom Genre mitsamt der verwendeten Impulsbegriffe und ursprünglich von den Formen gebrauchte Dramaturgie in Professionalität der Zunft erinnert sogar ein wenig an die sicherlich weitaus ehrenhafte traditionsreiche Einrichtung Fatal Contact [und diverse weitere tournament features wie Ultimate Fight, Extreme Challenge, Xanda oder Star Runner]. Cheangs mit Missfallen und Ekel angereicherte, aber gleichfalls mit zahlreich frisierten Martial Arts Einlagen versehene Version ist wie der bös mißratene Bruder, der als nicht erziehbar abqualifizierte giftige Bluthund ohne Anstand und Würde dazu. Ein töricht überspanntes Frustventil mit verquerer Selbstregulation.

Einen Mangel an Schönheit, der sinnlichen Kraft, der Wucht gewisser straffgezogener Montagen und der Vollkommenheit hochherrschaftlicher Lichtsetzung plus disziplinarischer, aber trotzdem nassforscher Fightchoreographie mag man der von Art Port Inc. und Same Way Production Limited in Auftrag gegebenen, nervös orangefarben flackernden Anfertigung trotzdem oder gerade deswegen nicht absprechen. Vielmehr ist dies kontrapunktisch konstruierte Exploitation in einer auf Hochglanz polierten Zugmaschine. Die Erhabenheit im Ausdruck sucht sich nicht krampfhaft eine abscheuliche, sondern die Formvollendete Wohlgestalt mit aufopfernder Vorstellungskraft und plastisch modellierter Visualität zur Ergötzung, und verrät sich erst in den Gattungen sittlicher Dinge. Der idealistische, aber dennoch dezent eingesetzte Beleuchtungsstil wenig durchgezeichneter Schattenflächen mit kostbaren Hell - Dunkel - Konfrontationen entspricht einem verfeinerten Geschmack mit gewünschter Präsenz, die Figuren innerhalb dieser rechtschaffenen Einsichten widersprechen dieser medienästhetischen Resonanz nicht nur im metaphorischen Sinn.

Der Unterschied zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Natur und die Koexistenz vom Gleichnishaften und Abstrakten und Introversion vs Extraversion verleiht dem Werk die bestimmende pulsierende Diskrepanz plus der Resistenz gegenüber jeglicher transparenten Integrität und letztlich die bedeutsame, wenn auch gänzlich unempathische Polarität. Der marginalisierte Leitwolf Ryo mordet aus den banalsten Gründen, wobei schon ausreicht, dass er sich im Unrecht befindlich von der ihn umgebenden Moral angegriffen fühlt, ohne Eigenverantwortung zu übernehmen oder Schuldgefühle zu verspüren sich brachial prügelnd innerhalb der eh von Korruption durchzogenen Welt bewegt; eine vielschichtige Zeichnung oder Motivbesichtigung abseits des No Retreat, No Surrender schindenden Extrem-Athleten, der den eigenen Schmerz ebenso benötigt wie er Anderen die Pein antun muss fällt auch komplett weg. Selbst der Beweggrund für die Tötung der Eltern wird in dieser leicht eindimensional erscheinenden, auch dyspathisch gleichgültigen Nacherzählung des Alltäglichen von Leid und Qual einer ins Tote erstarrten, kristallin futuristischen Existenz am Rande der sozialen Schicht schlichtweg fallen gelassen.

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