THE STRANGERS
(THE STRANGERS)
Bryan Bertino, USA 2008
Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!
Von diesem Film haben sicher die meisten schon einmal gehört – was seit längerer Zeit auch auf mich zutraf. Nun aber, vor einigen Tagen, habe ich ihn endlich auch einmal gesehen. Ein wenig erstaunt war ich im unmittelbaren Vorfeld dieser Begegnung allerdings über das Wohlwollen, mit dem The Strangers gerade vom Feuilleton aufgenommen wurde, denn viel mehr als hartes und finsteres Genrekino hatte ich hier eigentlich nicht erwartet ...
Unsere Protagonisten James und Kristen, es mögen Mittzwanziger sein, wollen nach dem Besuch einer Hochzeitsfeier in das abgelegene Wochenendhaus von James‘ Eltern fahren. Sie tun es auch, aber die Stimmung ist hundsmiserabel: James hat seiner Liebsten einen Ring gekauft und einen Heiratsantrag gemacht, aber sie hat Letzteren abgelehnt, weil sie „noch nicht so weit ist“ (argh!).
Für James ist das offenbar gleichbedeutend mit dem Ende der Beziehung (warum zum Geier?), denn er bietet ihr einen separaten Schlafplatz an und bittet seinen Kumpel Mike per SMS, ihn so früh wie möglich abzuholen – das Auto soll Kristen am nächsten Tag zur Heimfahrt nutzen. Nach einigen unerfreulichen und lästigen Wortwechseln kommen sich die beiden allerdings doch wieder näher, aber mitten im schönsten Näherkommen klopft es laut an der Tür. Als James öffnet, erblickt er eine junge Frau (wir tun das nicht beziehungsweise sehen nur ein paar Haare), die sich nach einer gewissen Tamara erkundigt. James teilt ihr mit, dass es im Haus keine Tamara gibt und hält die Angelegenheit für erledigt.
Mit dem Näherkommen geht es allerdings trotzdem nicht weiter, denn Kristens Zigaretten sind alle und James macht sich, ganz Kavalier, auf den Weg, um Nachschub zu holen. Kristen muss sich derweil nicht langweilen: Die seltsame junge Frau klopft erneut, um sich nach Tamara zu erkundigen. Das tut sie draußen vor der Tür, denn Kristen öffnet nicht und verweist erneut auf die Abwesenheit jedweder Tamaras. Leider Gottes interessiert sich die Klopferin aber gar nicht für irgendwelche Tamaras, sondern ist Mitglied eines Trios, das Böses im Schilde führt – und sich sogar schon Zutritt zum Haus verschafft hat. Das jedenfalls verraten verschiedene Kleinigkeiten (wie Gegenstände, die bewegt wurden) unmissverständlich.
Als James zurückkehrt, will er zunächst nichts von Eindringlingen wissen, muss sich aber bald eines Besseren (beziehungsweise Schlimmeren) belehren lassen: Unbekannte wollen ihm und Kristen an den Kragen und meinen es damit bitter ernst. Unser Protagonistenpärchen gerät nun nach einem erfolglosen Fluchtversuch per Auto (das von den Fremden zu Klump gefahren wird) und einen tragischen Zwischenfall, bei dem James aus Versehen seinen inzwischen eingetroffenen Kumpel Mike erschießt, immer mehr in Bedrängnis, obwohl sich die Eindringlinge nicht wirklich zeigen und ohne Eile vorgehen. Nachdem James von ihnen niedergeschlagen wurde, ist es schließlich an Kristen, die Rolle des Final Girls zu übernehmen und den Angreifern Paroli zu bieten ...
Aber Pustekuchen (nochmals Spoilerwarnung): Hier gibt’s kein Final Girl. Bryan Bertino spielt sein Horror- respektive Terrorszenario bis zum (vermeintlich) bitteren Ende durch. Darauf verweist übrigens schon der Einstieg in den Film, der uns quasi vorausblickend den blutigen und verwüsteten Schauplatz des Geschehens am nächsten Morgen zeigt, als Ort, an dem ein schreckliches Verbrechen verübt wurde (das erscheint furchtbar ungeschickt, aber im Prinzip ist ja ein Kniff oder Twist noch immer möglich und sogar höchst wahrscheinlich). Aber nicht nur diese (vermeintliche) Konsequenz macht The Strangers zu etwas Besonderem, sondern auch die Kälte, mit der Bertinos Arbeit daherkommt – die drei einprägsam maskierten Eindringlinge, ein schwer atmender Mann und seine zwei offenbar noch nicht ganz erwachsenen Helferinnen „Dollface“ und „Pin-up Girl“ handeln ohne erkennbares Motiv und machen James und Kristen nieder, weil sie eben „gerade zu Hause sind“. Sie wollen irgendwen töten und tun dies auch völlig emotionslos.
Das ist wirklich harter Stoff und zutiefst beängstigend – ungefähr fünfzig Mal beängstigender, als wären hier irgendwelche Geister am Werk (Zeit für meinen Standardspruch „Menschen sind die grausigsten Monster“ und den Verweis auf Eden Lake). Hierbei bietet es sich natürlich an, Parallelen zu Michael Hanekes Funny Games zu ziehen, aber Hanekes Arbeit möchte dezidiert dem anspruchsvollen Kino zugeordnet werden (was sie freilich nicht erträglicher macht), während sich Bertino nur für das Horrorgenre und dessen Muster beziehungsweise deren Verfeinerung und handwerkliche Perfektionierung interessiert. Auch gut – solange etwas dabei herauskommt. Und hier kommt etwas dabei heraus: Über weite Strecken ist Bertinos Inszenierung schlichtweg erstklassig und gibt sich als ausgewogene Mischung aus ruhigen, aber bedrohlichen und unheimlichen Szenen einerseits und brachialem Terror andererseits, wobei Letzterer vortrefflich von der Tonspur unterstützt wird, die ohnehin über die gesamte Laufzeit hinweg sehr aktiv an der Erzeugung von Schreck und Entsetzen mitwirkt. Als bestes Beispiel sei der Sprung in einer laufenden Schallplatte genannt, in dessen Folge ein unentwegt wiederholtes Stück sehr lauter Musik auch die allerletzten Nerven des Betrachters zu zerfetzen droht. Das mag zwar keine neue Idee sein, ist aber außerordentlich effektiv.
Damit nähern wir uns allerdings auch schon dem großen Problem, das die betrachtete Arbeit zumindest in meinen Augen hat. The Strangers kann als Demonstration eines wirkungsvollen Umgangs mit den Motiven und Spielregeln des Genres voll überzeugen, als Film, der den Betrachter über seine Handlung mitnimmt, jedoch nicht. Jenseits seiner Horror- und Terrorszenen hat der Streifen kaum etwas zu bieten, und leider laufen sich diese, eine an die andere gereiht, irgendwann tot. „Irgendwann“ heißt hier nach etwa der Hälfte der Laufzeit (die ohnehin effektiv keine 80 Minuten beträgt) – von da an sieht man nur noch die heulende Kristen durchs Dunkel schleichen und kriechen, wobei sie überwiegend von Geräuschen terrorisiert wird, während sich die Eindringlinge nur gelegentlich kurz im Hintergrund zeigen. Sorry, aber früher oder später nervt das. Man möchte einfach, dass die Handlung fortschreitet und nicht nur darauf warten, dass man wieder durch irgendetwas erschreckt wird.
Zum Glück hält sich Bertino mit wirklich drastischen Jump Scares zurück, aber die Angst vor ihnen sitzt einem doch immer im Nacken. Das ist freilich nicht die Sorte Angst, der man hier begegnen möchte. Weit eher als um die eigenen Nerven sollte man sich um James und Kristen sorgen – aber in Sachen Personal, zumindest was unser Heldenpärchen betrifft, versagt The Strangers komplett. Das Einzige, was ihnen vom Skript mitgegeben wird, sind ein paar Zentner Beziehungsfrust, den man als Zuschauer erst einmal viele unerwünschte Szenen lang mit ausbaden muss. Und hernach werden sie auch schon vom Kampf gegen die Eindringlinge in Anspruch genommen – und bleiben leer bis zum bitteren Ende. Diese Eindringlinge, und wenn ich’s nie wieder sage, sind sogar die potenziell wesentlich interessanteren Figuren – wie der schwer atmende Mann und die ihre zwei, drei Sätze seltsam ruhig und tonlos sprechende Dollface. Sei’s drum. Fest steht derweil, dass ich The Strangers von jenem oben angesprochenen „Irgendwann“ an ziemlich gleichgültig verfolgt habe – so viel Bertino auch richtig macht. Einen unsäglichen Missgriff leistet er sich in allerletzter Sekunde aber doch noch (aufgefrischte Spoilerwarnung bis zum Absatzende) und verabschiedet sich mit dem selten dämlichen Schlussbild der nun wohl doch nicht toten und urplötzlich in die Kamera schreienden Kristen. Das macht selbstredend einen großen Teil dessen, was hier mühsam und erfolgreich aufgebaut wurde, wieder zunichte und hätte mich ganz sicher zutiefst verärgert – wenn mir das ganze Treiben eben nicht schon allzu schnuppe gewesen wäre. (Auch hier gilt: Natürlich habe ich der Protagonistin nicht den Tod gewünscht, aber wenn Regie, Skript und Produzenten jemanden am Ende nicht tot sehen wollen, dann sollen sie ihn oder sie bitteschön nicht vorher „sterben“ lassen.)
Optisch macht The Strangers einen soliden Eindruck: Der Streifen kommt mit klaren und sauberen Breitwandbildern daher, die allerdings durch die gegebenen Schauplätze stark limitiert sind (das Innere des Wochenendhauses und kurzzeitig der nächtliche Vorgarten – Tageslicht gibt es nur zu Beginn und am Ende für insgesamt kaum drei Minuten). Die Effektspezialisten hatten sich überwiegend mit Kunstblut zu beschäftigen, und ihre Arbeit ist absolut tadellos. Man begegnet dieser Arbeit übrigens relativ oft, wobei die Gewalttaten jedoch nicht um ihrer selbst willen ausgestellt werden. Über die 18er-Freigabe des Films könnte man also diskutieren, wenn man nichts Besseres zu tun hat.
Apropos „besser“: Bessere Darsteller wären auch wieder einmal, ähm ... besser gewesen. Zumindest ich für meinen Teil bin mit Scott Speedman als James und Liv Tyler als Kristen, die den Film weitgehend allein tragen müssen, nicht glücklich geworden. Ich will den beiden gern bescheinigen, dass sie bemüht sind, aber beim völlig farblosen Scott Speedman scheitert’s schon an der Ausstrahlung, und Liv Tyler ist in meinen Augen einfach keine gute Darstellerin (worin ich mich erst vor wenigen Tagen durch eine Wiederbegegnung mit Peter Jacksons Lord of the Rings bestätigt sah). Umso schlimmer ist es daher, dass sie hier noch deutlich mehr zu tun hat als ihr Kollege Speedman. Alle anderen haben indes deutlich weniger zu tun: Glenn Howerton wird als Mike nach verschwindend geringer Screentime erschossen und Kip Weeks muss als „Man in Mask“ nur bedrohlich durchs Haus schleichen. Bei Gemma Ward als „Dollface“ und Laura Margolis als „Pin-up Girl“ reicht’s bis auf wenige Ausnahmen sogar, dass sie nur bedrohlich herumstehen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass man dies wie auch das Schleichen hätte viel, viel schlechter tun können – die drei Letztgenannten haben mich auf ihre Weise tatsächlich beeindruckt. Auch der Score hat mich beeindruckt, wenn auch nicht durchgehend. Er stammt von Tom Hajdu und Andy Milburn, die unter dem Namen „Tomandandy“ bekannt sind und beispielsweise die Musik zu Paul W. S. Andersons Resident Evil-Filmen oder Alexandre Ajas The Hills Have Eyes komponiert haben. The Strangers profitiert auf jeden Fall von ihrer Arbeit, die sich maßgeblich durch düstere, bisweilen in bloße Geräusche übergehende Klänge artikuliert.
Zeit für ein Fazit: In den richtigen Händen reichen auch ein Mann mit Sack über dem Kopf und zwei große Mädels mit Puppenmasken, die kaum mehr tun, als da zu sein, um Angst und Schrecken zu verbreiten – Bryan Bertino macht es in The Strangers vor. Leider hat er über diese Beweisführung hinaus nicht mehr allzu viel zu bieten – sein Film zeigt erhebliche Defizite in Sachen Inhalt und Personal, und die lassen sich auf die Dauer nicht durch die Präsentation inszenatorischer Begabung kompensieren. Als Genrefreund sollte man sich diesen immerhin erfrischend garstigen Home-Invasion-Thriller indes auf jeden Fall einmal ansehen. Selbst wenn die ganz große Begeisterung ausbleibt und Bertino in letzter Sekunde noch kneift, lernt man doch wenigstens drei ikonische Antagonistenfiguren kennen, die hier natürlich noch nicht ihren letzten Auftritt haben. Sie würde ich mir gern ein weiteres Mal anschauen, wiewohl ich auch der Zeit nicht nachtrauen will, die ich mit dem vorliegenden Film verbracht habe. Der Fleiß, den das Feuilleton in ihn investiert hat, erscheint mir allerdings nach wie vor unbegründet.
(08/23)
6 von 10 Punkten.