Review

Ach die Siebziger... als die Chromteile der Autos noch aus Metall und nicht aus Plastik waren... Schallplatten konnte man damals ohne reinzuhören noch alleine aufgrund der Gestaltung des Covers kaufen... und die Handlung von Horrorfilmen war angenehmerweise meist vollkommen unberechenbar. Anstatt gängigen Konventionen zu folgen, tobten sich kreative Menschen bei der Realisation ihrer bisweilen äußerst bizarren Ideen ungehemmt aus - egal wie durchgeknallt oder schräg das Ergebnis dann auch ausfiel.

"Witches' Mountain" ist ein kurioser und vor allen Dingen auch ein ziemlich obskurer Beitrag, der von einer modernen Perspektive ausgehend eigentlich nur dann die Bezeichnung Horrorfilm verdient, wenn man einen enstprechend weitgefassten Begriff des Genres zugrunde legt. Im Grunde handelt es sich vielmehr um eine altmodische Schauergeschichte, ein Drama, welches mit zahlreichen mysteriösen und okkulten Elementen gespickt ist.

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Ein junges Fotomodell und ein Fotograph machen einen Ausflug in eine entlegene Bergregion (vermutlich irgendwo im Süden Europas), um die sich seltsame Legenden ranken. In der abgeschiedenen Landschaft treffen sie auf wenige, dafür aber ziemlich skurile Einheimische. Nachdem ihnen das Auto abhanden kommt, sind die beiden gezwungen die Nacht in den Bergen zu verbringen. Alsbald machen sie Bekanntschaft mit einer mysteriösen Alten, die recht wunderlichen Gepflogenheiten nachgeht. Unheimliche Dinge geschehen und das Paar gerät bald in den Sog eines alten heidnischen Kultes...

"Witches' Mountain" ist weder übermäßig spannend, noch gibt die Story sonderlich viel her. Dennoch hat mich der Film von Anfang bis zum Ende ziemlich fasziniert. Verantwortlich dafür war die außergewöhnlich involvierende, sehr düstere Atmosphäre, die wiederum in erster Linie den atemberaubend schönen natürlichen Drehorten geschuldet ist. Die karge, fremdartige Bergwelt mit nur hier und da mal einem alten Natursteinhäuschen, dazu eine absolut authentisch wirkende, genuin folkloristische Ausstattung - das alles erzeugt per se bereits eine unglaubliche Stimmung, ja seltsamerweise fast eine Art einer "natürlichen" Bedrohungssituation, wodurch handlungstechnische Defizite der Story sehr bald zweitrangig werden.

Der Film kommt mit einer Minmalbesetzung an Schauspielern aus, die sich jedoch absolut passend und glaubwürdig in das beschriebene Szenario integrieren. Jeder der Bergbewohner ist ein Unikat. Jede Geste, jeder Blick wirkt spontan und ungekünstelt. Man fühlt sich leicht in eine andere Zeit vor zwei, drei hundert Jahren versetzt, in der irgendeinmal einfach die Uhren stehen geblieben sind. Untermalt wird diese Optik von einem inkommensurablen Soundtrack, der bisweilen eine gar infernalische Intensität erreicht und vorwiegend aus verzerrten, gewalttätigen a cappella Chören und donnernden Pauken besteht. Einfach unglaublich strange and beautiful!

Jeder Vergleich mit anderen Filmen hinkt, dennoch erinnerte mich "Witches' Mountain" in seiner Wirkung an die melancholische Tristesse von "Don't Look Now" etwa, hier und da auch an den bizarren "The Shout" von Jerzy Skolimowski, vor allem jedoch immer wieder auch an den völlig einzigartigen "The Wicker Man" (das Original, versteht sich). Assoziationen, die vielleicht nicht jeder unbedingt mit mir teilen muss.

Die Elemente der okkulten Bedrohung für die Protagonisten wurden ebenso stil- wie stimmungsvoll in die zweifelsohne nicht minder ominöse Kulisse der archaischen Bergwelt eingepflanzt. Trotz sichtlich niedrigem Budget hat Regisseur Raúl Artigot sehr viel bewegt. Hervorzuheben sei exemplarisch eine Szene, in der sich während einer Fotosession seltsame Visionen in die Schnappschüsse hinein mischen und zwischen Sträuchern und Felsen plötzlich Gestalten sichtbar werden, die real überhaupt nicht (oder nicht mehr) existieren! Das sind dann Höhepunkte eines selten seltsamen Filmes, die beim Zuschauer durchaus eine Gänsehaut hinterlassen und sich in die Erinnerung eingraben können.

Fazit: "Witches' Mountain" gehört zu einer Kategorie von Filmen, die sich auch dem Aficionado in der Regel nicht aufdrängen, sondern wie verlorene Schätze "ausgegraben" werden müssen. Dabei handelt es sich bei Artigots Film um ein ausgesprochen seltenes Juwel - die Art von Filmerlebnis, für das es sich lohnt, sich auf der steten Suche nach cineastischen highlights zuvor durch unzählige Schrottproduktionen gequält zu haben.

Eine würdige DVD Umsetzung ist das Mindeste, was man "Witches' Mountain" nach über 35 Jahren wünschen kann. (8 / 10 Punkten).

Details
Ähnliche Filme