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Komisch ist es ja irgendwie schon. Da gehen die blonde Sexbombe China (Michelle Johnson) und ihre schüchterne, jungfräuliche Freundin Sarah (Deborah Foreman) nach der Universität Tag für Tag denselben Weg, aber das wuchtige alter Gemäuer, in dem sich ein Wachsfigurenmuseum befindet, ist ihnen noch nie zuvor aufgefallen. Trotzdem nehmen sie die Einladung des mysteriösen Kabinettbetreibers Lincoln (David Warner) zu einer exklusiven Mitternachtstour an. Zusammen mit Chinas reichem Ex-Freund Mark (Zach Galligan), dem vorlauten Tony (Dana Ashbrook) und zwei weiteren Freunden stehen sie pünktlich vor der Eingangstür und werden von einem mit einem seltsamen Akzent ("Velcome to the Vaxvork!") sprechenden Zwerg (stellt euch bitte Hans aus Tod Brownings Freaks vor) sowie einem schlanken aber riesigen und etwas minderbemittelten Butler (diesmal einfach Lurch aus The Addams Family in Erinnerung rufen) in Empfang genommen. Fasziniert beginnen sie mit dem Rundgang durch die erschreckend lebensecht wirkenden Exponate, die den Besuchern das Fürchten lehren sollen. Denn egal wohin man auch guckt, zu sehen sind ausschließlich Mörder, Monster und Mutanten, die gerade dabei sind, ihr gräßliches Werk zu verrichten. Wenig später registriert Mark mit Verwunderung, daß zwei aus der Gruppe spurlos verschwunden sind. Als sie auch am nächsten Tag nicht auftauchen und die Polizei keine große Hilfe ist, stellt Mark auf eigene Faust Untersuchungen an. Und stößt auf einen teuflischen Plan, dessen Gelingen das Ende der Menschheit bedeuten könnte.

Anthony Hickox' kultiger Debütfilm Waxwork ist eine originelle kleine Wundertüte, und er ist in der Tat "more fun than a barrel of mummies", wie die Tagline launig tönt. Der so smarte wie höllisch unterhaltsame Streifen funktioniert sowohl als Spiel- als auch als Episodenhorrorfilm, wobei die einzelnen, denkbar simpel strukturierten Segmente sehr geschickt in die Rahmenhandlung eingewoben sind. Der Gimmick ist, daß man als Besucher des Wachsfigurenkabinetts in das ausgestellte Tableau hineingezogen wird und man die entsprechende Szene bis zum bitteren Ende durchlebt, sobald man eine Art unsichtbare Dimensionswand durchschreitet. Man bekommt das ganze Grauen am eigenen Leibe zu spüren und wird schließlich - sofern man stirbt - selbst Teil der Ausstellung. Wie der Film selbst sind auch die Exponate eine Mischung aus klassischen Schreckgespenstern (Vampire, Mumien, Werwölfe, das Phantom der Oper) und neuzeitlichem Horror (Zombies, Monsterbaby, Alienkreatur). Hickox greift auf altmodische Gruselschauplätze wie eine ägyptische Grabkammer, einen nebelverhangenen Wald oder ein altes Vampirschloß zurück, schmückt diese auch schon mal mit schauerromantischem Beiwerk wie knarrenden Türen oder wehenden Vorhängen, und bereitet sie gleichzeitig erfrischend modern und überaus blutig auf. Die handvoll erstaunlich saftige Momente des lustvollen Splatters, charmant und mit Gusto in Szene gesetzt, können sich wahrlich sehen lassen. Sei es ein entzweigerissener Mensch, ein platzender Vampirkopf, ein langsam und genüßlich zertretener Schädel oder das unumstrittene Gore-Highlight - eine spritzige Vampirpfählerei in einem weißgekachelten Raum, ausgeführt von einem weißgekleideten Mädel (was für ein wunderbarer Kontrast zum vergossenen roten Lebenssaft!) -, Waxwork sollte auch den Gorehound in jedem von uns zufrieden stellen.

Waxwork ist nicht nur hervorragend besetzt, man spürt auch förmlich, daß die Schauspieler in ihren jeweiligen Rollen eine richtige Hetz hatten. Dieser Spaß wiederum überträgt sich eins zu eins auf den Zuschauer. Zach Galligan (Gremlins und Gremlins 2: The New Batch) wird zu Beginn zwar als reicher, unter der Fuchtel seiner Mutter stehender Schnösel mit Liebesproblemen eingeführt, mausert sich aber schnell zum sympathischen Helden. Michelle Johnson (Dr. Giggles) ist als China das selbstbewußte Highschool-Dreamgirl schlechthin, während sich im Innern der scheuen, unscheinbaren und von Deborah Foreman (April Fool's Day) brillant verkörperten Sarah wahre Abgründe auftun. Die Kleine fährt nämlich voll auf den Marquis de Sade ab und bebt schweißgebadet vor orgiastischer Lust, als seine Peitsche über ihre zarte Haut leckt. Ganz großartig und immer wieder gern gesehen sind auch die alten Haudegen David Warner (The Omen) als sinistrer Schurke und Patrick "John Steed" Macnee (The Avengers aka Mit Schirm, Charme und Melone) als im Rollstuhl sitzender Sir Wilfred, der es sich nicht nehmen läßt, beim etwas überladenen Tohuwabohu-Finale (*) kräftig mitzumischen. Die fantastische Cast vervollständigen J. Kenneth Campbell (The Abyss) als Marquis de Sade, Miles O'Keeffe (sowohl Tarzan, the Ape Man als auch Ator l'invincibile) als Graf Dracula, John Rhys-Davies (The Lord of the Rings) als Werwolf, Dana Ashbrook (Twin Peaks) als Marks Freund Tony und der Waxwork-Schöpfer höchstselbst, der 1964 geborene Brite Anthony Hickox, als heißblütiger, den Marquis bewundernder Prinz. Die hübsch deftigen Spezialeffekte bzw. das coole Design der zahlreichen Kreaturen (u. a. von Bob Keen) überzeugen im Großen und Ganzen ebenso wie Gerry Livelys Kameraarbeit, Roger Bellons zwischen Synthesizer und Orchester alternierender Score, die preiswerte aber prächtige Ausstattung, die atmosphärischen Episoden (das an Romeros Night of the Living Dead angelehnte Zombie-Set-Piece ist z. B. stilvoll in schwarzweiß) und die stimmigen Kostüme.

Der Grundton von Waxwork ist ungemein locker; selbst grausigste Sequenzen wurden so charmant und gewitzt inszeniert, daß sie großen Spaß machen und zu keiner Sekunde unangenehm sind. Diese Camp-Attitüde wird durch viele amüsante Sprüche (so knurrt z. B. jemand "Make my day", bevor er einer Vampirfledermaus den Kopf wegbläst), schrägem Slapstick (man denke nur an die Sequenz mit dem gefesselten Typen, dessen bis auf den Knochen abgenagtes Bein so einiges mitmacht) und wunderbar boshaften Aktionen (aufgepaßt, wer an die Pflanze aus dem kleinen Horrorladen verfüttert wird!) noch dick und fett unterstrichen. Und so ganz nebenbei wird gleich noch ein Seitenhieb auf das gesamte Genre verteilt, wenn David Warner auf einen diesbezüglichen Kommentar trocken und resigniert erwidert: "They made a movie about the Phantom of the Opera? They'll make a movie about anything nowadays." Köstlich. Einfach nur köstlich. Die Balance zwischen Horror und Humor ist zwar recht eigenwillig (kein Wunder, bei den teils herrlich kauzigen Figuren), funktioniert aber insgesamt trotz so mancher Timing-Probleme überaus gut. Zudem ist der Streifen überraschend originell, extrem kurzweilig, ungemein charmant und liebevoll garstig, wodurch er sich von seiner Konkurrenz wohltuend abhebt. Waxwork ist eine Art Best-of-Monster-Revue, die kaum einen Wunsch offen läßt. More fun than a barrel of mummies? Definitiv. Der rockt jede Party, garantiert. Auch die von Lesley Gore, die zum Abspann ihr flottes It's My Party (and I'll cry if I want to) aus dem Jahre 1963 auf die Tonspur schmettert. Mit Waxwork II: Lost in Time (Spaceshift) kredenzte uns Hickox 1992 ein amüsant-durchgeknalltes wenn auch reichlich durchwachsenes Sequel, das dem kultigen Original leider in keiner Weise das Wasser reichen kann.

 (*) Bin ich eigentlich der einzige, den das frappant an den Showdown von The Cabin in the Woods erinnert?

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