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Der Vorteil an Dario Argentos früheren Filmen (hier sei besonders an die ersten beiden "Mütter" - "Suspiria" und durchaus auch "Inferno" - gedacht) war ja, dass ihr teilweise extrem niedriges Niveau auf der Skala des guten Geschmacks stets durch ihr extrem hohes Niveau im Bezug auf Ästhetik und Kunstcharakter ausgeglichen wurde. Da konnte der Italiener in seinen Filmen noch so sadistisch und sexistisch abgehen - die äußerst anspruchsvoll inszenierte Atmosphäre, die viel zitierte surrealistische Ästhetik sowie die psychologisch hochintelligente Form-, Farb- und Bildsprache seiner Werke entschädigten vollends für die dargestellten Geschmacksunsicherheiten.
Mehr noch: es schien gerade das (übrigens in der Geschichte der Hochkultur häufig verhandelte) vollends bewusste Spiel mit Kunst und Sadismus, mit Ästhetik und Gewalt zu sein, das Argento auch in tageslichttauglichen und theoretisch-analytischen Kreisen so beliebt machte und das auch für die ein oder andere lustvolle Grenzerfahrung bei ethisch korrekten Akademikern gesorgt haben dürfte.

Dass Argento seinen künstlerisch-ästhetischen Anspruch von Film zu Film mehr herunterschraubt, ist eine traurige, mittlerweile aber konsensfähige Einsicht. Dass "La Terza Madre" einen weiteren Tiefpunkt in diesem Niveau-Limbo darstellt, beweist die völlig uninsprierte Inszenierung in TV-Film-Ästhetik, die Abwesenheit jeglicher wie auch immer hergestellter Atmosphäre sowie eine völlig hanebüchene und sinnentleerte Story, neben der sogar "Inferno" nachvollziehbar wirkt.

Und wenn dieser Film nun offensichtlich über keinerlei ästhetisches Level verfügt, welches als "schön" oder "geschmackvoll" oder einfach nur "qualitativ gut" empfunden und mit den dargestellten Grausamkeiten irgendwie wirkungsästhetisch oder kunsttheoretisch verwoben werden kann? Wenn nicht Schönes, nichts Kunstvolles, keine Tiefenstruktur sowie absolut keine Meisterschaft und kein Genie in diesem Werk zu erkennen sind?
Ja, dann ist "La Terza Madre" nichts weiteres als billiger Torture Porn. Dann bleiben nur geschmacklose und primitive Folterszenen, billige und mehr als spekulative Schock- und Ekeleffekte, dann bleibt nichts übrig als die unterste Schublade des Filmemachens. Argento präsentiert dem Zuschauer einen Film voller uncodierter und ungebrochener, blanker Sadismen ohne Sinn und Verstand, und im Vergleich zu seinen früheren Filmen zieht er die Drastik-Schraube sogar noch etwas an. Für klassiche Gore-Hounds mag das vielleicht etwas sein. Kluge Menschen allerdings, die Gewalt auf der Leinwand überhaupt nur dann ertragen, wenn sie noch irgendeine andere, wie auch immer geartete Deutungsebene bereithält als einfach nur "Geil, Gewalt!", sollten sich spätestens nach (besser noch: vor) diesem im schlechtesten Sinne kranken Film von Dario Argento abwenden.

Strunzdumme und absolut sinnfreie Folterfilme findet man im Schmuddelregal der Videothek leider zuhauf. Wer gedacht hat, der italienische Ex-Meister sei ein anderes Kaliber, muss sich nun spätestens getäuscht sehen - mit "La Terza Madre" entlarvt sich Argento als niveaulose Wildsau, die ihre geschmacksunsicheren Fantasien früher einfach nur besser ästhetisch verpacken konnte. Was die Qualität der Vorgänger betrifft, so ist nach der Schau dieses Werks vielleicht sogar ebenfalls eine Neubewertung von "Suspiria" und "Inferno" nötig - die vor allem in wissenschaftlichen Kreisen betriebene Verhandlung Argentos an der Schwelle zur Hochkultur ist (und war) aus geschmacklichen Gründen vielleicht gänzlich unverdient und vielleicht auch nichts weiter als der Versuch einer billigen Legitimierung der eigenen filmischen Extreminteressen und des eigenen Gewaltvoyeurismus. Seinen Niveaukredit hat der Italiener nun jedenfalls endgültig verspielt.

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