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Über 25 Jahre hat Dario Argento gebraucht, um nach seinen Meisterwerken „Suspiria“ und „Inferno“ die sogenannte Trilogie der „Drei Mütter“ endlich mit „La Terza Madre“ zu vollenden, doch sowohl für Fans wie für Gebrauchsseher ist das Ergebnis, selbst gemessen an dem gesunkenen Erwartungen nach Argentos letzten, qualitativ zu vernachlässigenden Werken, eine Enttäuschung.

Mit den beiden Vorgängern eroberte Argento neues Terrain im Bereich des Horrors, löste das erzählerische Element der Handlung nach und nach fast völlig auf und verlor sich erfolgreich in einer primärfarb-gesättigten Objektisierung des Horrors, in dem Menschen mehr oder minder auf Chiffres (oder Opfer) reduziert werden, während das meist nicht sichtbar Übernatürliche ihre Zerstörung betreibt.
Die Legende von den drei Müttern dreht sich um mächtige Hexen aus dem Mittelalter, die in drei verschiedenen Häusern in Freiburg, New York und Rom hausen und jeder Film beschäftigt sich mit einem dieser Häuser, seinem Vermächtnis und seinen düsteren Geheimnissen. Die Figuren verlieren sich in den Korridoren dieses Grauens, denn Böse ist objektgebunden, unsichtbar oder nur an den Händen des gesichtslosen Killers erkennbar, der seine Opfer sucht. Das Haus, sein Interieur, seine Farben und sein Schmuck sind die wahren Elemente des Grauens und sie haben Macht über die Lebenden.

Argento schloß die Trilogie damals nicht ab – stattdessen wandte er sich mit „Tenebre“ und „Phenomena“ wieder den (teilweise übernatürlichen) Giallos zu und es war nicht zu erwarten, daß er nach einem Vierteljahrhundert gänzlich zu seinen Wurzeln zurückkehrt – zu wünschen allerdings schon.
Denn sein kreativer, kunstgesteuerter und von der Optik lebender Stil ist in den letzten Jahren zunehmend eingerostet, einen wirklich überzeugenden Film hat er seit 1996 (The Stendal Syndrome) nicht mehr abgeliefert.
Zwar produzierte er mit „Sleepless“ und „The Card Player“ immer noch Giallos, aber die krankten mehr und mehr an Einfallslosigkeit und Mittelmaß, was sicherlich auch daran lag, daß Argento sich in zunehmend graphische Gewaltdarstellungen flüchtete (noch graphischer als zuvor) und seine narrativen Mängel (die immer schon vorhanden waren) durch die fehlende optische Brillianz noch stärk auffielen.

„La Terza Madre“ legt nun deutlich Zeugnis von diesem (leider noch lange nicht beendeten) Prozess der Stagnation ab, auch wenn einiges an dem Film an die Vorgänger erinnert und die beiden ersten Teile auch beide in gewissem Maße in die Handlung eingearbeitet werden.
Darios Tochter Asia übernimmt (einmal mehr) die Hauptrolle einer Museumsangestellten, die sich nach und nach als Tochter einer verstorbenen mächtigen Spiritistin entpuppte, die Opfer der „Suspiria“-Hexe wurde, ehe diese ausgeschaltet wurde. Als eine Urne mit einem mächtigen Talisman entdeckt und geöffnet wird, entweicht eine Art Fluch, der zu einer Flut von Gewalt führt – die Mater Lacrimarum ist zurück und stürzt die ewige Stadt in ein Chaos aus Brutalität und Anarchie. Hexen fallen in der Stadt ein und machen Jagd auf Sarah, ihre Helfer werden brutal ermordet und Fluch und Verderben lauern in jeder Ecke.

Das wäre dennoch Stoff für einen recht guten Horrorfilm geworden, doch „Terza“ wirkt, als hätte man die falschen Zutaten zu einem Kuchen verbacken oder zumindest in falscher Gewichtung.

Als Erstes fällt natürlich auf, daß die Objektisierung des Horrors im Wesentlichen aufgegeben wurde. Der Film soll eine lineare und nachvollziehbare Handlung verfolgen und das konnte Argento noch nie besonders gut. Das fällt auch hier auf, wenn sich der Plot als eine Mischung aus „Das Omen“ und ähnlicher Okkultschocker präsentiert. Das Böse, die Besessenen, die Dämonen lauern überall und jeder, der Asia hilft, stirbt einen blutigen Tod, niemand wird verschont.
Das wäre noch erträglich, wenn die Story mal irgendwo hin führen würde, aber das ist nicht der Fall. Nach der Einführungsviertelstunde hoppelt Sarah von einem Fluchtpunkt zum nächsten, ohne wirkliche Erkenntnisse dazu zu gewinnen. Ständig sind die Polizei oder die Hexen hinter ihr her, Leute werden gemeuchelt, aber konstruktiv ist das nie, so daß man schon fast aufatmet, wenn der Regisseur mal zu Informationen oder Zitaten aus den ersten beiden Filmen greift. Erst für die letzten 20 Minuten wird wieder auf das Bewährte der Trilogie gesetzt, dem Eindringen in das dritte Haus der Mütter und den Katakomben von Rom, aber richtiggehend überzeugen kann das auch nicht mehr, ein hektischer Höhepunkt wie aus einem Barbarenfilm zerstört jeden Anflug von Unheimlichkeit.

Wie überhaupt Gruselstimmung wirklich selten aufkommt. Die Bedrohung der Hexen ist dabei wohl das lächerlichste Element, da alle daherkommen wie eine Mischung aus Punkschlampen und Fellinijüngern auf Extasy, ein kreischend-augenrollendes Konglomerat von U-Bahn-Schubsern und Buhfrauen, geradezu unpassend affig.
Dazu kommt wieder einmal die Tendenz, mangelnde Innovation durch brachiale Gewalt zu kompensieren und so geschmacklos war Argento noch nie. Da werden Leute mit ihren Eingeweiden erwürgt, Augen ausgestochen und als Gipfel eine Frau durch einen Speer von unten durch die Vagina gepfählt (in der deutschen Fassung samt und sonders geschnitten), das ist nicht mehr eine Ästhetik der Gewalt, sondern wirkt wie ein Mensch, der sich nicht mehr in der Gewalt hat. Daß man die Killer ständig komplett sehen kann, ist auch ein Bruch mit Argentos Markenzeichen und setzt den Film stetig herab.

Folglich kann Tochter Asia praktisch ständig nur heulend durch die Straßen laufen und nach ihrer Mami schreien – und die erscheint auch ständig als eine Art Erscheinung (passenderweise dargestellt von Daria Nicolodi, ihrer Mutter und Argentos Ex), was die Sache auch nicht ernsthafter macht.
Es gibt zwar ein nettes Cameo von Udo Kier, aber der kann auch nichts mehr retten.

Als letzten Punkt hat der Regisseur offenbar die Freuden nackter Frauenbrüste entdeckt, denn hier gibt es Möpse galore – in vielen Szenen wird textilienfrei agiert, was zwar nicht schlecht aussieht, aber gerade der titelgebenden Figur jede Aura des Grauens nimmt. Die dritte Mutter tritt auf wie eine nackte, fiese Amazone mit Conan-Make-Up, die mächtig böse Befehle schreit und nach all dem Gefasel um spirituelle oder magische Kräfte auf so banale Art und Weise Ex geht, daß das finale Gelächter der letzten Szene wie ein Amusement über diesen albernen Schrott wirkt.

Gut, hier und da lugt noch ein wenig Talent für Set Decoration, Schauplätze und Stil hervor, aber es gibt keine tollen Sperenzchen mit der Kamera, keine Fahrten oder Täterperspektiven, „La Terza Madre“ ist erschreckend vordergründig und banal.
Alles in allem wirkt der Film ein wenig wie Hitchcocks „Frenzy“, das Spätwerk, bei dem der Meisterregisseur ebenfalls seine Obsessionen wohl alterbedingt nicht mehr im Griff hatte, was für das nächste Projekt „Giallo“ Böses ahnen läßt. In einer Trilogiebox wirkt dieser Film jedenfalls wie der langweilige kleine Bruder, der kein Talent hat, weil alles bei seinen Geschwister gelandet ist. Merkt auf, Regisseure: dreht eure Meisterwerke, solange ihr noch könnt. (3/10)

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