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Welcher echte Horror-Fan kennt ihn nicht, den guten alten Dario Argento? Seine ganzen kleinen Genremeisterwerke, seine es Gialli wie "Tenebre", "Opera" oder "Deep Red" oder seine übersinnlich angehauchten Filme ala "Phenomena" oder eben die Vorgägner dieses Filmes "Suspiria" und "Horror Infernal"? Sagen wir es mal so, ich bin seit je her, seit ich das erste mal mit dem italienischen Horrorkino der 70er und 80er in Kontakt gekommen bin (was nun auch schon gute 10 Jahre her ist), Dario Argento Fan. Gerade die sechs eben genannten Werke sind absolutes Pflichtprogram für jeden Horrorfilmfan und zeigen alle, warum Dario Argento so gut war (auch wenn "Tenebre" der unscheinbarste der sechs Filme ist).

Aber widmen wir uns vor allem mal "Suspiria" und "Horror Infernal", denn diese beiden Filme waren der Auftakt zu der Geschichte um die "Drei Mütter": Mater Susperiorum (Mutter der Seufzer, Suspria), Mater Tenebrarum (Mutter der Dunkelheit [oder wie hier übersetzt der Schmerzen], Horror Infernal) und der Mater Lacrimarum (Mutter der Tränen, hier in "The Third Mother" oder "Mother of Tears"). Es geht um die drei Hexen, denen der Architekt Varelli drei Häuser gebaut hat, eines in Freiburg (Suspiria), eines in New York (Horror Infernal) und eines in Rom (dieser Film hier). In "Mother of Tears" geht es nun darum, dass in einem Grab in Rom Artefakte gefunden werden. In einem Museum wird kurz darauf eine junge Frau brutal ermordet. Der Museumsdirektor und vor allem Sarah, die gerade noch so entkommen konnte und auch anfangs nicht so recht an das alles glauben möchte, versuchen nun rauszufinden, was es damit auf sich hat. Dabei stößt Sarah, denn den Museumsdirektor Michael verliert der Film schnell aus den Augen, auf die Legende der Mater Lacrimarum und dass sie ein neues Zeitalter der Hexerei heraufbeschwören will. Dass Sarahs Mutter eine weisse Hexe war und auch sie ähnliche Fähigkeiten besitzt, kommt ihr dabei sehr zu Hilfe.

Wer "Suspiria" und "Horror Infernal" kennt sollte bei dieser groben Inhaltsangabe schon erkennen, dass "La Terza Madre" (so der Originaltitel) vom Stil her andere Wege geht als die beiden Originalfilme. Der dritte Film baut darauf, das neue Apskete über die drei Mütter bekannt werden, insbesondere natürlich die Mater Lacrimarum, und darauf, dass die Leute es als modernes Hexenfilmchen sehen, in dem die Hauptcharakterin etliche Schauplätze durchalaufen muss, um über ihre Vergangenheit und auch über die Hexe herauszufinden.  Die ersten beiden verrieten insgesamt etwas weniger über die drei Mütter, gaben sich mysteriöser, kryptischer, was das angeht. Hier haben wir junge Studenten (Jessica Harper als Suzy ist ja sozusagen auch Studentin nur halt im Bereich Tanz) ohne besondere Fähigkeiten, die in die Sache hereingezogen werden und versuchen, herauszufinden, was geschieht. Sie haben keine besonderen Kräfte. Auch spielen die Häuser in den Vorgängern eine VIEL größere Rolle. In beiden Filmen wohnen die Protagonisten in den Hexenhäusern, werden ständig durch die indirekte Präsenz der Hexen, durch das Bedrohliche der Häuser auf Trab gehalten. In "Mother of Tears" kommt das Haus der Mater Lacrimarum nur ganz am Ende vor.

Neben diesen rein formellen gibt es auch stilistisch gravierende Unterschiede. Wer erinnert sich nicht an die kongenialen Scores der beiden Vorgänger? An die Kameraspiele, die teils surreale Farbgebung/Beleuchtung? Quasi das, was Argento wirklich von anderen italienischen Filmemachern dieser Zeit abgehoben hat? All das gibt es bei "Mother of Tears" nicht. Klar, der Score weiss durchaus zu gefallen, in den Gehörgängen festsetzen wird er aber sich nicht. Der Mut Argentos zum Surreal-anmutenden, zur gewagten Bildsprache, ist längst vergangen. "Mother of Tears" wirkt aber nicht, wie andere hier behauptet haben, wie ein "Fernsehkrimi". "The Card Player" wirkte so, "Mother of Tears" nicht. Er wirkt wie ein moderner Horrorfilm ohne "Hochglanz-Pseudo-Dreck-Look". Er ist weit, wirklich weit, von dem entfernt, was viele andere Filme Argentos so herausragend gemacht hat, das steht ausser Frage. Aber nur weil "Mother of Tears", den hohen Ansprüchen nicht gerecht wird ist er ja nicht gleich schlecht.

Und warum liegt auf der Hand. "Suspiria" ist von 1977, "Horror Infernal" von 1980. Es lagen also 30 bzw. 27 Jahre zwischen den Filmen. Das ist im Filmgeschäft ein Quantensprung. Und mit solchen Quantensprüngen verändert sich vieles. Die Atmosphäre, die damals selbst in den meisten Billigfilmchen aus Italien vorhanden war, kann heutzutage nicht rekreiert werden. Dario Argento hätte heute keinen weiteren "Suspiria" oder "Horror Infernal" mehr drehen können. Man erkennt doch auch schon die Unterschiede zwischen "Sleepless" und "Deep Red". "Sleepless" war ein ordentlicher moderner Giallo, aber gegen die wirklich großen Klassiker, wie eben "Deep Red" oder "Blutige Seide" wirkt er einfach "nur" ganz brauchbar. Genau deshalb versagen auch diverse Remakes von Horrorfilmen aus den 70ern oder 80ern: Weil heute eine andere Zeit ist und diverse Stoffe heute einfach anders aufbereitet werden müssen. Das gilt nicht nur für die 70er/80er, sondern auch für jede andere Epoche. Ganz im Ernst, es wäre nahezu unmöglich heute noch einen Film mit der Atmosphäre der alten "Universal-Horrorfilme" oder der Atmosphäre der Hammer Studios zu drehen.

VIelleicht will Dario Argento gar nicht mehr den selben Kram machen wie vor 30 bzw. 20 Jahren. Vielleicht hat er so manches Gespür verloren. Keiner kann es wirklich sagen, es sei denn er kennt Argento. Was aber feststeht ist, dass er heutzutage keinen stilistisch ähnlich gearteten Film hätte drehen können, denn hätte er es getan, wäre das Ergebnis immer noch anders, als das aus den End-70ern und viele hätten trotzdem gemotzt. Ganz zu schweigen davon, dass kein Film den Erwartungen und dem Kult hätte gerecht werden können.

Soviel ersteinmal zur Verteidigung von Argento und seinem dritten Mutterfilm. Nun gibt es aber trotzdem Sachen, die man hätte besser machen können. Zum ersten sei da die Atmosphäre erwähnt. Denn dass Argento die durchgängig mysteriöse und dichte Atmosphäre aus den anderen Filmen SO nicht hätte rekreieren können, steht für mich fest und sei ihm verziehen. Aber dass er überhaupt erst gegen Ende, als Sarah in das Haus der Mutter kommt, Atmosphäre aufbaut und diese auch recht schnell mit "Orgienszenen" versaut, das ist schon ein schwer zu schluckender Brocken. Natürlich ist die Hatz Sarahs nach Informationen und der Wahrheit durchaus interessant - hochspannend ist trotzdem etwas anderes - aber wirklich düstere Atmosphäre kommt dabei kaum auf. Was auch daran liegt, dass Möchtegernmischungen aus Punk, Goth, richtig schlechtem Visual Kei und miesem Geschmack nicht unbedingt bedrohliches Hexengefolge abgeben, erst recht nicht, wenn sie laut umherlachend durch die Gegend ziehen. Gleiches gilt für das "moderne weisse Hexen Getue", das insgesamt nicht wirklich mysteriös daherkommt, auch wenn es nicht uninteressant (wohl aber altbekannt) ist. Auch der Anstieg der Verbrechensrate und der Selbstmorde und allem in Rom hätte wesentlich apokalyptischer ausfallen MÜSSEN! Was also bleibt ist eine durchaus unterhaltsam erzählte Geschichte, die nie wirklich große Spannungs- oder Atmosphärespitzen erreicht.

Und erhlich gesagt ist das der einzige wirkliche Vorwurf, dem man dem Film machen kann. Okay, das Ende war etwas undramatisch und lasch. Hätte Argento das besser gemacht wäre "Mother of Tears" ein sehr guter moderner Horrorfilm. Denn die prinzipielle Weiterführung der Handlung ist nicht schlecht, es gibt einige recht derbe Goreeffekte und von einigen Dingen, die unfreiwillig komisch wirken (könnte man teilweise auch von manchen Stellen "Suspiria" oder "Horror Infernal" behaupten!)  abgesehen, ist der Film durchaus unterhaltsam. Wer einen dritten Teil im Stil der ersten beiden erwartet hat, der sollte seine Erwartungen mal der Realität anpassen. Denn einen "richtigen" dritten Teil hätte Argento heutzutage nicht mehr drehen können.

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