Review

Licht und Schatten.

Immens die Zahl der Rezensionen im Netz, die diesen Argento restlos zerpflücken (hier in der OFDB findet der Film immerhin bei einigen Gnade). Als wäre er eine einzige Katastrophe, irgendwas im Boll-Bereich bzw. eine C-Produktion, die vor unfreiwilliger Komik nur so strotzt.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich wurde auch mit den frühen Argentos "sozialisiert" (d.h., ich habe sie Jahre nach ihrem Entstehen in den Spätachtzigern bis Neunzigern alle einige Male gesehen) und es ist mir durchaus nicht entgangen, was in den letzten anderthalb Dekaden bei dem Mann alles knapp bis gründlich daneben gegangen ist, dass sich also seine einst große Kunst abgenutzt hat. - Aber man muss doch in Bezug auf "La terza madre" mal die Kirche im Dorf lassen. Fraglos, bei „Dracula 3D”, wenn man den sieht, dann denkt man schon: Ei der Daus! Fuck! Merkt der Mann noch was?“ - "La terza madre" ist hingegen sehr solide geworden. Obwohl, „solide“ - das klingt nach Langeweile… Doch der Film ist tatsächlich oftmals spannend und hat einige unheilvoll atmosphärische Momente.   
     
Nur leider, ja, tatsächlich, hat man sich auch in einigen Details gründlich vergriffen, und wer beim Schauen immer die vergangenen Großtaten Argentos im Kopf hat und sich davon nicht lösen kann, der wird diesen Film absolut verwerfen. Weil "La terza madre" seinen Vorgängern "Suspiria" und "Inferno", den anderen Filmen der Muttertrilogie, erwartungsgemäß nicht standhalten kann, muss man den Film aber nicht derart abstrafen. 
Denn es ist doch immerhin ein gut fotografierter (extrem harter) Okkulthorrorfilm mit einigen achtbaren schauspielerischen Leistungen und - ich wiederhole mich - atmosphärischen Momenten. "La terza madre" hat es streckenweise durchaus in sich, man bleibt dran und schaut nicht nach der noch zu bewältigenden Laufzeit.    

„The Mother of Tears“ ist optisch ansprechend gemacht. Edel ausgestattete Räumlichkeiten (gerne: Bücherwände), zahlreiche Bilder Roms, einige Kamera-Finessen, ungewöhnliche Perspektiven. Gelbtöne dominieren, was ganz anschaulich versinnbildlicht, wie Mutti Hexe die Atmosphäre und das Leben vergiftet. 

Sicher, ein „Suspiria“ oder „Profondo Rosso“ ist das nicht, Innovationen sucht man vergebens, Argento zitiert sich selbst, aber immerhin sich selbst und nicht andere. Ja, ehemals ergreifende Kamerafahrten sind nun zusammengeschrumpft auf schöne "Andeutungen" derselben, Argento, Jahrgang 1940, kann nicht mehr so lang und ausdauernd (gut, jetzt werde ich vielleicht eklig), doch es ist noch effektiv. Und wer jetzt z.B. zum ersten Mal an einen Argento-Film gerät, der wird doch hoffentlich feststellen: Jawohl, meine Herrn, das hat was Eigenes, es hat Ästhetik, viel Stilvolles wird dezent ins Bild gerückt, was eine wunderliche Fusion mit dem in diesem Film eingeht, was ganz klar billig und Trash ist, aber das mit dem Schnellzugklo, das war spannend und die irre Hexe eben wurde gut zermatscht, schön brutal, sie hat das ja auch redlich verdient.

Zahlreich sind die Selbstzitate und - das dürften Verächter dieses Filmes besonders übel nehmen - Selbsthommagen: die Taxifahrt zum Hexenhaus u.v.m.
Argento bedient den Mythos, nicht so, dass einem vor Rührung die Tränen kommen, aber doch passabel.

Asia, als Archäologiestudentin Sarah Mandy, spielt meist überzeugend (fraglos war sie schon schon besser), der Vater bietet wieder, in einer nicht allzu gewagten Duschszene,  voyeuristische Ansichten seiner Tochter.
Udo Kier als Priester ist völlig verschenkt, er tritt zu schnell ab, wird aus der Handlung brutal rausgeschnitten. 
  
- Die Gewalt ist überhaupt barbarisch in Szene gesetzt, was die Bedrohung durch die "Mater Lachrymarum" und ihre Jünger aber immerhin stark manifestiert.

Die Präsentation der Hexen schwankt zwischen unfreiwillig komisch bis tatsächlich bedrohlich. Ein wenig auf 80er-"Like a virgin" getrimmt, überschminkt; das Gehabe der Hexen auf dem Flughafen, wo Passanten weggeschubst werden, erinnert leider an pubertäre Anwandlungen einer Mädchenklasse oder arrogant-kriminelle Jugendliche in einem Jackie Chan-Film, ein eisig-eleganter Auftritt hätte mehr beeindruckt.
Die Darstellerin der Oberhexe, Moran Atias, wirkt mit ihren Silikoneinlagen ebenso arg weltlich und nach Edelporno, aber das Obszöne passt vielleicht auch zu ihrer Rolle als große Verderberin. Ihre darstellerischen Qualitäten sind dabei jedoch wirklich bescheiden, was sich unschön auf das Gesamtbild des Filmes auswirkt, schließlich spielt sie ja, obwohl sie nicht viele Auftitte (freudscher Verschreiber) hat, eine sehr zentrale Figur der Handlung. Ihr zweiter Auftritt,  als sie in schwarzem Ornat ein blutiges Schauspiel mit ihrer Anwesenheit "ehrt", ist immerhin recht beeindruckend von Argento in Szene gesetzt.

Phillipe Leroy als Alchemist (ein wahrer Hexer, da ein „Zaunreiter“, der weiße wie schwarze Magie in Betracht zieht), überhaupt die ganze Szene mit Leroy, dessen Assistenten und Asia: gut!             
Der Geisterauftritt Daria Nicolodis dagegen gemahnt in seiner Betulichkeit nach meinem Empfinden doch sehr an Harry Potter und lässt schmunzeln. Einige externe Rezensionen bemerken süffisant, dass Nicolodi alt geworden ist. Argento inszeniert seine Ex, bekanntlich Asias Mutter, aber auch nicht als feuchte Sexbombe, sondern als tragischen Geist, wir werden alle älter und die meisten dieser höhnischen Rezensenten sahen noch nie eine Sekunde ihres Lebens gut aus, Nicolodi dagegen einige Jahre sehr wohl.      
Valeria Cavalli als Marta Colussi: gut! – Aber auch hier wieder viel zu schnell ein Abgang aus dem blutigen Schauspiel. Was soll das?

Einige CGI-Effekte sind zwar sicherlich leicht zu entlarven, doch meist weit davon entfernt, wirklich schlecht zu sein (brennender Mann). Abgesehen von denen im - ohnehin etwas enttäuschendem - Finale (mit seiner völlig uninspirierten Schlussszene), da wähnt man sich dann doch in den Neunzigern. Die handgemachten Sudeleffekte sind weit gelungener.

Die mitunter pathosschwangere Musik von Claudio Simonetti - Motive aus den Vorgängern werden zitiert - ist sicherlich kein Geniestreich, wie dessen alte Goblin-Kompositionen, aber eindrucksvoll. Im Abspann erklingen die britischen Horror-Metaller Cradle Of Filth mit einer ruhigen, "weihevollen" Nummer. Könnte man denken - tatsächlich stammt der Titel "Mater Lacrimarum" ebenso von Claudio Simonetti, der sehr spezielle Gesang dazu von Dani Filth (Cradle Of Filth).

Licht und Schatten folgen in "La terza madre" dicht auf dicht. Über ein Vierteljahrhundert nach dem zweiten Teil der Trilogie um die drei Hexen, ist es beinahe etwas vermessen zu erwarten, dass der Visionär von einst erneut die Welt des Horrorfilms aus den Angeln hebt. Hat man einige der nicht geglückten Werke Argentos ab 2000 gesehen, geht man ohnehin mit geringer Erwartung an einen Film heran, der dann aber immerhin tadellos unterhält und manchmal gar ein klein wenig den Glanz alter Tage widerspiegeln kann, auch wenn einiges, besonders manche Darstellung der Hexen und einige Spezialeffekte auf 90er-Niveau, viel zu nah am Trash ist.

„Non ho sonno“ („Sleepless“) bleibt der letzte wirklich gelungene Film, "La terza madre" ist immerhin beachtlich.
Habe ich das Äffchen schon erwähnt? Es weiß zu gefallen!

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