Review

Ein Blick in die Historie:

Im Jahre 1970 kommt ein neues Stück am Broadway heraus, der Titel „Sleuth“. Es handelt sich um einen Thriller, in dem sich zwei Personen in drei Akten gegenseitig bekriegen, indem sie den jeweils anderen in ein Spiel um Demütigung und Mord hineinziehen.
Das Stück wird ein Hit und läuft über 1200 Vorstellungen, Autor Anthony Shaffer wird mit einem Tony ausgezeichnet und zwei Jahre später dreht Joseph L.Mankiewicz, gefeierter Regisseur von „Julius Caesar“ und „Cleopatra“ seinen letzten Film: die Kinoversion von „Sleuth“ – mit Laurence Olivier und Michael Caine in der Hauptrolle.
Der Film wird ein Hit und gilt bis heute als eine der gelungensten Theateradaptionen für das Kino, Regie und beide Darsteller wurden oscarnominiert...

…bis 2007 eine Neuinterpretation in unsere Kinos schneit…


Grundlagen:

Warum muß man einen schier perfekten Filmen neu drehen – das könnte eine wesentliche Frage in einer Filmbesprechung sein.
Weil man die Möglichkeit hat, könnte die Antwort lauten.
Doch da es die Vorlage immer noch nicht auf DVD gibt und der Film in den letzten Jahren vom TV-Radar verschwunden ist, sollte man die Neuverfilmung unter individuellen Gesichtspunkten sehen und den direkten Vergleich ein wenig zurückstellen. Soweit das eben möglich ist…

1.Akt: Das Spiel beginnt!

Schriftsteller Andrew Wyke begrüßt den Liebhaber seiner Frau, den Schauspieler Milo Tindle auf seinem hypermodern-unterkühlt eingerichteten Landsitz. Nach einer Kaskade von Provokationen und Beleidigungen, schlägt er ihm einen gefälschten Einbruch samt Versicherungsbetrug vor, der jedoch nur als Vorwand dient, den Kontrahenten zu demütigen und schließlich in eine tödliche Falle zu locken…

Zwei Männer – zwei Antipoden. Der Reiz von Shaffers „Sleuth“ liegt in den Positionen seiner Figuren. Der erfolgreiche und endlos arrogante Schriftsteller, verspielt bis ins Mark und der scheinbar erfolglose Schauspieler bzw. Frisör, ein Emporkömmling, den man auf seinen Platz verweisen muß.
In Kenneth Branaghs neuer Version bleibt diese Grundeinstellung intakt, die Umgebung hat sich allerdings geändert. Diente im Stück ein mit Spielen, Spieluhren, Theaterrequisiten und mechanischen Puppen vollgepfropftes Haus als ideale Spielfläche für den Tanz der Masken, den die Charaktere aufführen, bietet das in kühle Blau- und Rottöne getauchte Haus der Moderne hier keinen Anknüpfpunkt. Die innere Kälte der Figuren findet ihre Entsprechung in ihrer Umgebung – so kann kein Mensch leben und dementsprechend wird die Zerstörung zur Maxime. Das verbale Florett des Originals ist einer kaum gezügelten Deutlichkeit gewichen, vulgäre Exzesse unterbrechen den gespielten Charme. Der Dialog wurde eingedampft, weicht knapper Deutlichkeit und lässt das Spiel noch entfremdender, noch theaterhafter wirken. Zeitweise betrachtet man die Umgebung, noch zusätzlich entmenschlicht durch die Kameraaugen des Sicherheitssystems, mehr, als das Spiel der Figuren, das außerhalb des Bildes fortgesetzt wird.
Michael Caine, im neuen Film in der Rolle des Wyke (1972 spielte er Milo Tindle), setzt sich dabei souverän gegen seinen Kontrahenten durch, lässt es unter der Oberfläche brodeln.
Dennoch: der Dialog, das wichtigste Element des Gefechts, wurde hier seiner Funktion zum größten Teil beraubt und weicht bissigen Zoten. Am Ende: ein Schuß!

2. Akt: Revanche!

Drei Tage später steht ein Polizist vor der Tür von Andrew Wyke und untersucht das Verschwinden von Milo Tindle. Angesichts der im Haus verteilten Spuren aus dem 1.Akt, setzt er den Autor schon bald unter Druck – Wyke ist des Mordes verdächtig. Doch als der vermeindliche Mörder überführt ist, fallen die Masken…

In Shaffers Stück steht und fällt alles mit einer Maske, DER Maske. Die Decouvrierung des Inspektors als Tindle im letzten Moment ist dort das Zentrum der Überraschung, die Unkenntlichkeit ist das definitive Mittel der Revanche.
Branagh löst sich von den Zwängen dieses Theatercoups. Wieder wird das In-die-Enge-Treiben einer Figur, verschlankt, verknappt, seiner Funktion beraubt. Jude Law in der abstoßenden Maske eines eher an einen verkommenen Verbrecher gemahnenden Inspektors ist vor allem eines: stets gut erkennbar, nicht nur durch seine Synchronstimme.
Die aufrechte Polizeiarbeit weicht erneut einem Schlagabtausch aus Provokationen, allerdings mit umgedrehter Offensive und Defensiv. Überraschungen sind da nur für unbedachte Naturen zu erwarten, stattdessen bleibt nur die Frage, wie weit das Spiel getrieben wird. Branagh rückt Ausschnitte in den Fokus, einen Bart, Augen, eine Tätowierung am Finger und lässt die unterschwellige sexuelle Triebkraft den Rest tun. Wirksam ist dies in der neutral-sterilen Atmosphäre aber selten und auch Jude Law scheitert nach einer unauffälligen Leistung im ersten Akt an unangenehm-triumphalem Overacting.
Hier spürt man wieder die Theaterherkunft, die der Film sonst verwerfen möchte.

3.Akt: Kesseltreiben!

Wer gewinnt das Spiel am Ende? Will Milo die Juwelen? Will Andrew Milo? Oder ist das doch wieder nur ein demütigendes Spiel, um den jeweils anderen aus der Reserve zu locken…

An dieser Stelle in der Handlung ändert sich alles. Komplett, das gesamte Stück.
Fabriziert wurde diese Neufassung von „Sleuth“ immerhin von einem Literaturnobelpreisträger, nämlich Harold Pinter, der dem Geschehen offensichtlich einen neuen Anstrich verpassen wollte. Doch die Modernisierung führt ins Nichts.
Wo Shaffers dritter Akt die Fortführung eines mörderischen Spiels auf die Spitze trieb, indem er ein anderes Mordopfer einführte und die eine Figur auf der Jagd nach versteckten Beweisstücken die andere durch einen Geistesmarathon mit Slapstickelementen durchs Haus jagte, bis alles in einem tödlichen Höhepunkt endete, versucht es Pinter mit einem neuen Ansatz.
Er formt die sexuell geladene Atmosphäre in ein homoerotisches Kesseltreiben um, das von Wyke ausgeht und sich formal um Anerkennung, Folgschaft und Unterwerfung dreht.
Nur geht das höllisch schief. Der eh schon ausgedürrte Dialog tritt auf der Stelle, wo man einem Höhepunkt zustreben müsste, mäandert die Handlung in die Breite. Was das Ganze soll und wohin es führt, bleibt über die volle Strecke unklar, ziellos tuckert das Geschehen einem faden letzten Schuß zu, der nicht einmal vollends motiviert erscheint und nur Fragezeichen hinterlässt.
Seine einzige Wirkung bezieht der dritte Akt dadurch, dass Michael Caine plötzlich offen eine bisexuelle Komponente hervorkehrt, die das Original subtil zu umspielen wusste.
Das Ende ist brüskierend für den Zuschauer, wenn nicht fade.

Epilog: Vorhang!

Es sind die verfolgten Ansätze, die „1 Mord für 2“ wenigstens die erste Hälfte über zu einer leidlich interessanten Sache machen. Die sich angeifernden Nobelmimen provozieren eine Reihe von Lachern, innere Spannung entsteht aber nur im ersten Akt latent, bis die die Ideenarmut der Neubearbeitet offensichtlich wird. Das Spiel, von dem die Figuren hier ständig reden, ist keins mehr, es bleibt bloße Behauptung. Die nüchterne Atmosphäre ist abstoßend, aber noch das Interessanteste an der ganzen Atmosphäre, die aufdringlich und gewollt erscheint. Und die Chemie zwischen den Akteuren stimmt leider nur phasenweise, in dieser um gut 45 Minuten gekürzten Version.

Ein ungewöhnliches Seherlebnis, das einigen Leuten wie eine angenehme Abwechslung vorkommen wird (vornehmlich aufgrund von Unkenntnis des Vorgängers, der eine reine Pracht an Spielfreude, Ausstattung, Licht und Farben war), andere aber verwirrt zurück lassen wird, denn das funkenschlagende Kammerspiel ist so lediglich zu einer dem modernen Theater (bis auf das Ablegen aller Kleidung) angenäherten Fingerübung geworden. Und Kenneth Branagh, der seine Stellung als Regie-Wunderkind wohl endgültig hinter sich hat, fühlt sich sichtlich unwohl in den artifiziellen Sets, die so gar nichts mit den naturalistisch-prachtvollen Shakespeare-Umsetzungen zu tun hat, mit denen er seine größten Erfolge feiert.
Ein kalter Film, der im Arthaus ein paar Augenbrauen heben wird, aber ansonsten maximal erfahren, aber nie genossen werden kann. (4/10)

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