(Enthält massive Spoiler)
Für meine Generation stellt „Kids“ einen unvergleichlichen Kultfilm dar, dementsprechend ist unter jungen Leuten bis Mitte 20 der Film so gut wie jedem ein Begriff. Die Meinungen gehen stark auseinander, was bei einem solch aggressiven und polarisierenden Stoff nicht überraschend erscheint.
Larry Clark war vor seiner Karriere als Regisseur ein berühmt-berüchtigter Fotograf, dessen frühe Werke bereits mehrfach Aufsehen erregten. Seinen ersten Fotoband „Tulsa“ veröffentlichte er bereits 1971, der Beginn einer erfolgreichen Karriere. Seine Bilder nehmen stets die Themen seiner späteren Filme vorweg und auch den radikalen Stil. Nichts beschönigend und immer dicht am Geschehen, in „Teenage Lust“ thematisiert er die Sexualität der Jugendlichen und in „The Perfect Childhood“ die junge Skater-Kultur.
Man merkt die künstlerische Herkunft des Regisseurs in jeder Minute, was dem Film aber nur zu gute kommt. Schon die Bilder in der Anfangssequenz erinnern stark an Clarks Fotos und auch auf eine dichte Story legt man in „Kids“ gar keinen Wert. Das einzigartige Drehbuch von Harmony Korine ist wohl mit das authentischste, was jemals zum Thema Generationsportrait vorgelegt wurde. Mit nur 19 Jahren fing Korine dermaßen ungestellte und natürliche Straßen-Dialoge ein, wie man sie einfach nicht schreiben kann.
In sämtlichen Rollen sind Laiendarsteller zu sehen, und jeder vollbringt einerseits eine unglaubliche schauspielerische Leistung, andererseits kommt es einem schwer so vor als würde niemand schauspielern und jeder präsentiert sich mehr oder weniger selbst vor der Kamera. Die hier aufgebaute Authentizität ist aber in erster Linie dem Cast zu verdanken, denn selbst wenn alles authentisch ist, war es sicher kein leichtes dies auch vor der Kamera darzustellen.
Am erfolgreichsten von allen wurde ganz klar Rosario Dawson, die mittlerweile in Filmen wie „Sin City“ oder Clerks II“ zu sehen ist. Der Durchbruch als Schauspielerin ist ihr mehr als gelungen. Leider konnte nicht jeder diesen Erfolg verbuchen, am tragischsten ist sicherlich das Schicksal von Justin Pierce. Nach einigen weiteren Film-Rollen beging er im Alter von nur 25 Jahren Selbstmord, die innere Zerstörung seines Charakters in „Kids“ scheint daher echt zu sein.
Dasselbe gilt für den Profi-Skater Harold Hunter, der sich hier mehr oder weniger selbst spielt und im Jahr 2006 an einer Überdosis Kokain starb.
Chloe Sevigny hat sich mit der Zeit ebenfalls zur gefragten Darstellerin gemausert und trat bereits in Filme auf wie „Dogville“, „Melinda und Melinda“ und demnächst in „Zodiac“. Leo Fitzpatrick arbeitet ebenfalls immer noch als Schauspieler, aber mit wesentlich geringerem Erfolg als seine beiden Kolleginnen, er trat beispielsweise in „Bully“ auf.
Der zweite Hauptfaktor ist eindeutig Clarks genialer Stil. Er lässt all die provokativen Dialoge und Handlungsverläufe ganz einfach unkommentiert passieren, ohne jegliche moralisierenden Klischees und ganz wichtig: Ohne zu werten. Niemals kommt es zu plakativen Schuldzuweisungen oder 08/15-Psychologie. Schließlich handelt es sich hier nicht um „Dangerous Minds“ sondern um ungeschliffenen Underground, ohne irgendwelche Zugeständnisse an Mainstream-Konventionen.
Natürlich könnte Clarks Generationsportrait kaum pessimistischer und düsterer ausfallen, doch auch in dieser Hinsicht wird es nie prätentiös. Das ist eben sein Kommentar zur Lage der damaligen Jugend und im Prinzip nur eine Weiterführung dessen, was er mit seinem fotografischen Werk begann: Ein Kaleidoskop des Elends und ein ungemein negatives Jugendbild. Kein wertendes wohlgemerkt, im Prinzip handelt nach Clark jeder falsch. Die Jugendlichen werden nicht an den Pranger gestellt, weder romantisiert dargestellt noch in heuchlerischen Schutz genommen.
Besonders das Ende treibt die nihilistische Aussage des Films auf die Spitze und spart nicht mit kontroversen Szenen. Etliche sexuelle Szenen und sind zu sehen und allesamt sehr voyeuristisch, ohne jedoch jemals erotisierend zu wirken. Dialog gibt es am Ende der Party im Film keinen mehr und die halbe Vergewaltigung die Casper am Ende an Jenny begeht gehört zu den intensivsten Szenen überhaupt im 90er Jahre-Kino. Casper ist es auch der ein Schlusswort in den Raum wirft, welches lange in en Köpfen des Zuschauers nachhallt und an Bitterkeit wohl nicht mehr zu überbieten ist:
„Jesus – Was ist hier passiert?“
So schlicht und unprätentiös kann ein filmischer Meilenstein ausklingen, ganz sicher gehört „Kids“ zu den absolut härtesten filmischen Erfahrungen, wenn man sich nur auf den Film einlässt. Die Thematisierung der AIDS-Problematik, zugeschnitten auf Jugendliche und ohne den Drall eines moralischen Aufklärungsfilms, gelingt Clark einzigartig gut und ich bin mir sicher das das Sujet seines Films viele Leute erreicht, selbst wenn es unbewusst geschieht. Die meisten Konsumenten sehen viel zu wenig in „Kids“, obwohl es sich um einen der vielschichtigsten und schlicht wichtigsten Kommentare zur modernen Jugend-Kultur gehört, ähnlcih wie der (viel zu unbekannte) „Slacker“ von Richard Linklater.
Das offene Ende, ohne eine sich entfaltende Dramatik, ohne Erklärungen und selbstverständlich ohne Zugeständnisse an den provokativen Stil wirkt perfekt in seiner Sinnlosigkeit und Unversöhnlichkeit. Der Soundtrack unterstreicht die unerreichte Atmosphäre des Films passend und vor allem unaufdringlich. Clark zeigt guten Geschmack bei der Songauswahl, was ihm bei „Ken Park“ noch besser gelingen sollte. Das der Film ein Abbild der Realität darstellt ist unbestreitbar, man bedenke, das Clark nicht behauptet das es überall so aussieht. Ein Großteil der Jugendlichen konnte sich jedoch mit seinem Werk identifizieren und es ist kein Zufall, dass sein Debüt-Werk dermaßen den Zahn der Zeit getroffen hat. Der Regisseur hat ganz klar die Verhaltens- und Denk-Weisen verstanden mit dem die moderne Jugend zu kämpfen hat und bannt sie gnadenlos realistisch auf Zelluloid.
Fazit: Ein modernes Meisterwerk, mehr als ein Film. „Kids“ ist ein kulturelles Phänomen und bohrt genüsslich in den offenen Wunden. Explosive Gesellschaftskritik ohne Intellektualismus und zugleich bittere Tragödie ohne jeglichen Hoffnungsschimmer. Brillant !
10 / 10