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Pam Griers Comeback in Tarantinos „Jackie Brown“

Jackie Brown (Pam Grier) ist eine Stewardess und schmuggelt für den Waffenhändler Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) Geld in die USA. Doch bei einer dieser Fuhren wird sie vom Cop Ray Nicolette (Michael Keaton) hochgenommen. Nun hat steht sie vor der Möglichkeit in den Knast zu wandern oder mit den Bullen einen Deal zu machen und Ordell hochgehen zu lassen. Zusammen mit dem Kautionsagenten Max Cherry (Robert Foster) beschließt sie aber alle Seiten zu hintergehen und das ganze Geld für sich selber zu behalten. Ein riskantes Spiel beginnt.
Die Erwartungen nach Pulp Fiction waren hoch. Tarantino konnte sie aber zum großen Teil erfüllen. Diesmal nahm er sich einer Buchvorlage an und verschachtelte die Geschichte wieder in unterschiedliche Handlungsstränge mit verschiedenen Charakteren. Leider lässt er dabei ein paar hübsche Episoden im Buch aus, während die ausgefuchsten Dialoge streckenweise etwas zu langatmig geraten. Trotzdem bekommt man eine gewohnt „groovige“ Unterhaltung geboten.

Wem in „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ schon die alten 70er Jahre Klassiker gefielen, kommt hier jetzt vollends auf seine Kosten. Tarantino spielt mit dieser Musik wie nie zuvor. So wird zwischen Handlungssträngen mit unterschiedlicher Musik hin- und hergeschnitten, oder die Musik einfach mal gestoppt, wenn jemand erschossen wird um kurz darauf wieder einzusetzen. Längst vergessene Klassiker erleben hier ihre Wiedergeburt. Klasse...

Der Film beginnt mit der Festnahme Jackie Browns, um dann schrittweise die Hauptcharaktere des Films vorzustellen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Waffenhändler Ordell. Dieser muss sein Geld aus Mexiko mit Hilfe von Lieferanten holen. Da aber seine „Mitarbeiter“ in den Knast wandern, sein Sexluder hinter seinem Rücken intrigiert und er nicht weiß wie weit er seinem alten Kumpel Louis Gara trauen kann weiß er genauso wenig wie der Zuschauer wem er trauen kann und wem nicht.
So ergibt sich für den Zuschauer ein hübsches Szenario, in dem jeder jeden hintergeht und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Tarantino schafft es jede Figur sympathisch in Szene zu setzen, doch Jackie Brown bekommt sicherlich die meisten Sympathien ab.
Mit gewohnt einfachen Mitteln inszeniert Tarantino nun den spannenden Krimi. Dabei nutzt er gern altmodische Umschnitte (Bild von rechts oder links hereinschieben) oder ungewöhnliche Kameraeinstellungen (Kaffeetasse von oben). Hinzu kommen die wie üblich sehr ausgefuchsten Dialoge, die in „Jackie Brown“ streckenweise leider etwas zu zäh und lang gerieten. Irgendwann wird es doch ermüdend den Figuren bei Gesprächen über alltägliche Dinge zuzuhören, da sie nicht die Extravaganz wie noch in „Pulp Fiction“ ausstrahlen. Zudem kommt der schwarze Humor, den Travolta und Jackson in „Pulp Fiction“ noch zelebrierten viel zu kurz.
Die aufkommende lange Weile können nur tollen Schauspieler, die ihren Figuren sehr viel Platz einräumen retten. So castete Tarantino mal wieder gegen die Regeln von Hollywood und setzt zu einem Großteil auf Stars, die auf dem absteigenden Ast (Jackie Brown, Robert Foster, Michael Keaton) und mischte sie mit ein paar bekanntere Stars (Samuel L. Jackson, Robert de Niro). Das Konzept geht auf, denn die rehabilitierten Stars beweisen was sie noch in sich haben.
Trotz der überlangen Spielzeit geben sie der ausgefuchsten Story, erst den rechten Kick. Tarantino versteht es die entscheidenden Passagen hintereinander aus den verschiedenen Sichten der Personen zu erzählen ohne den Zuschauer zu langweilen.
Man darf nicht mit den falschen Erwartungen an „Jackie Brown“ gehen, denn dann scheitert man an dem Film. „Jackie Brown“ ist kein zweites „Pulp Fiction“, sondern ein eigenständiger Film der einen ganz anderen Weg eingeht. Es ist ein Krimi der besonderen Art, der gleichzeitig eine Hommage an die 70er Jahre Filme ist.
Die Stärken des Films sind die Unvorhersehbarkeit des Storyverlaufs, groovige 70er Atmosphäre und den Einbau von völlig konfusen von spontanen Situationen (Fick zwischen Ray und Melanie oder Erschießung von Beaumont).

Pam Grier erlebte mit ihre Rolle der „Jackie Brown“ ihren zweiten Frühling. Die unfreiwillige, ewige Verliererin, die alles tut um endlich zu gewinnen wird von ihr überzeugend gespielt. Sie gibt der Person viel Tiefe. So gut hat man sie seit der Zeit des Blaxploitationkinos nicht mehr gesehen. Großartig gespielte Rückkehr in die Riege der ganz Großen.
Doch ist bei weitem nicht der einzige markante Schauspieler in dem Film. Auch Robert Foster erlebte seinen zweiten Frühling, während Samuel L. Jackson seiner Filmographie mit Ordell eine weitere unvergessliche Figur hinzufügt, die wohl nur Jackson selber so immens cool spielen kann. Michael Keaton darf sich als undurchsichtiger Bulle auch mal wieder profilieren, während Bridget Fonda das Sexluder mit viel Körpereinsatz zum Besten gibt. Selbst Robert de Niro, der nur eine Nebenrolle hat wird als heruntergekommener Knasti unvergesslich bleiben. Es scheint, als wäre es allen eine Ehre in einem Tarantinofilm mitzuwirken. Anders ließen sich die Gagen der vielen Stars auch gar nicht finanzieren.

Fazit:
Kein zweiter „Pulp Fiction“, aber ein verdammt toll inszenierter Krimi mit allem was ein Tarantinofilm so braucht: viele unterschiedliche Charaktere, unvergessliche lange Dialoge und eine tolle Atmosphäre. Leider werden die Dialoge ab und zu etwas zu weit getrieben und die Figuren sind nicht so exzentrisch geraten wie in den vorangegangenen Filmen. Trotzdem unbedingt mal ansehen.

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