Man ist ja immer gewillt, einem Film eine zweite Chance zu geben.
So soll es auch bei "Jackie Brown" sein, der bei der Kinoauswertung so bodenlos enttäuscht hat, dass ich eine zweite Sichtung abwarten wollte, bis ich mich kritikfähig fühlte.
Leider, leider: er wird nicht besser.
Der Eindruck bleibt: die 155 Minuten von Tarantinos Werk könnte man aus erzählerischer Perspektive um mindestens eine Dreiviertelstunde schneiden, ohne dass es zu wahrhaftigen Verlusten kommen würde. Natürlich würde das den gut ausgearbeiteten Hauptfiguren schaden, dargestellt von Pam Grier und Robert Forster, die so liebevoll von Tarantino in Szene gesetzt wurden, dass er darüber wohl den Plot vergessen hat.
QT's Charaktere sind immer irgendwie interessant und das will ich auch bei diesem Film nicht schmälern. Es ist keine Hommage an die "schwarze" Serie der 70er, sondern übernimmt nur den Retrolook, die Musik und den allgemeinen Style aus dieser Epoche. Keiner der Mitspieler ist hier schlecht in Form, im Gegenteil, Grier und Foster harmonieren wunderbar, Jackson tut sein Möglichstes wie in jeder Rolle; de Niro ist wunderbar tumb und Bridget Fonda gibt eine prima Bitch ab.
Aber das Drehbuch, ach, dieses Skript...
Es ist nicht ganz sicher, ob der Regisseur in seine Erfolgsmasche der coolen Dialoge aus "Pulp Fiction" und "Reservoir Dogs" so vernarrt war, dass er das Rezept hier gleich noch einmal anwenden musste oder ob er das alles wirklich interessant fand. Denn die Figuren reden und reden und reden und dabei vergeht die Zeit, wenn auch langsam, ohne dass endlich mal etwas Zwingendes passiert.
Dass de Niro hier mitspielt, mag eine große Ehre sein, aber er hat außer rumsitzen, kiffen und unaufmerksam sein praktisch keine Funktion. Jackson muss sich in endlosen selbstverliebten Monologen selbstinszenieren und kommt doch damit nicht von der Stelle. Und Forster und Grier müssen sich ständig sprachlich dezent anmachen, ohne dass ihnen das Drehbuch mit einem interessanten Einfall mal entgegenkommen würde.
Der Clou des Ganzen ist dann auch ein Geldtransport samt Übergabe in von Mittelamerika in die USA, wobei Pam Griers Titelheldin sowohl die sie überwachenden Polizisten und Staatsbeamten (FBI) als auch ihren drogen- und waffendealenden Boss austrickst, um sich in Besitz einer knappen halben Million zu bringen. Visueller Einfallsreichtum ist begrenzt, müsste man sagen, denn außer einer aus drei verschiedenen Perspektiven aufgenommenen Geldübergabe bietet sich da nichts Reizvolles und die Übergabe selbst ist harmlos und unspektakulär, da vorher endlos besprochen wurde, was nun im Bild geschieht.
Wenn denn tatsächlich doch mal eine Waffe abgefeuert wird, dann sind das traurigerweise Weckschüsse für den ganzen Film. Der Mord an der Fonda ist genauso unvermittelt, wie der spätere an de Niro. Aber dennoch bleibt der Film in punkto Spannung rudimentär und bietet nicht mal einen brauchbaren Höhepunkt, sondern läuft irgendwie am Ende aus, um weitestgehend offen zu bleiben.
Vielleicht musste Tarantino endlich einmal auf die Schnauze fallen, denn auch wenn die darstellerischen Leistungen allerorten gelobt wurden, konnte kaum jemand mit dem Film so richtig warm werden.
Und das spätere Nachfolgewerk "Kill Bill" operierte dann auch prompt von der anderen Seite aus: hier erzählen dann die Bilder praktisch die Geschichte, die Dialoge sind zu erübrigen und dienen höchstens der unterstützenden Erklärung.
Definitiv für Leute, die sich selbst gern reden hören, wie der Regisseur auch: 4/10.