Review

Die Reaktionen auf Tarantinos dritten Film zeigten, daß viele von denen, die sich Fans von Pulp Fiction schimpften, dessen Essenz keineswegs erfasst haben. Klar, war ja auch zu erwarten bei zwei saucoolen Gangstern, von denen einer immer einen Bibelspruch loslässt, bevor er die Leute abknallt. Oder bei Philosophiestunden über Pommes mit Majo in Europa. Oder bei Mister Vergewaltiger Zed mit seinem Schoßhündchen "Hinkebein".

Jackie Brown hält sich in diesen Dingen dezent zurück. Zwar ist auch hier alles cool, aber eben auf eine viel hintergründigere Art. Tarantinos 97er Streifen ist erwachsener und reifer als das Gangsterepos, das ihm zum Durchbruch verhalf.

Der Titel ist hier Programm. Alles dreht sich um die unscheinbare Stewardess Jackie Brown (gespielt von der Blaxploitation-Ikone Pam Grier, die das Comeback des Jahres feierte wie 1994 John Travolta). Alle anderen Charaktere sind systematisch um sie herum angeordnet wie das Spinnennetz um die in der Mitte hockende Schwarze Witwe.
Wir haben wiedermal die typische Tarantino-Story, nämlich den Gangster-Alltag, in den Jackie zunächst als Opfer verwickelt wird. Es geht um Abschätzungen, Einschätzungen, Manipulationen. Wie verhält man sich zu welcher Person am besten, um optimal aus der Situation herauszugehen - wenn möglich, ohne dabei getötet zu werden?

Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) ist verantwortlich für die ganzen Spielchen. Er will bei seinem Gangstertreiben eben nicht von Schwachstellen in die Pfanne gehauen werden.
So wird das Schicksal des von Quasselstrippe Chris Tucker gespielten Charakters zum Mahnmal für Jackie. Hier wird demonstriert, was auch Jackie bald passieren könnte. Als dann Ordell kurz darauf bei Jackie eintrifft, um sie auszuquetschen, er das Licht ausschaltet, das vollkommene Fehlen von eingespielter Musik die Ruhe vor dem Sturm noch verstärkt, als dann durch eine Splitscreen gezeigt wird, daß Jackie die Waffe des Kautionshalters Max Cherry gestohlen hat und es im vollkommenen Dunkeln plötzlich *klick* macht, da wird erstmals richtig deutlich, daß sich Jackie nicht in die Rolle des Opferlamms fügen will.

Von hier an ist sie am Drücker. Man wird sie im Folgenden in Dialogen mit drei Parteien sehen, die sie alle auf ihre Weise benutzt, um selbst heil aus der Sache zu kommen: mit Ordell (inklusive Bridget Fonda als geiles Sexpüppchen und Robert deNiro in einer wunderbar kauzigen, wenn auch etwas nutzlosen Rolle) plant sie den großen Coup. Der Polizei rund um Michael Keaton (der mit derselben Rolle einen kurzen Auftritt in "Out of Sight" hat, während Samuel Jackson dort ebenfalls eine Rolle hat, aber nicht als Ordell Robbie... verwirrend, oder?) erzählt sie von diesem Coup und manipuliert ihn. Und Max Cherry wird zu einer Art Privatdetektiv für Jackie.

Der eigentliche Coup, eine Geldübergabe in einem Kaufhaus, ist dann auch der unumstrittene Höhepunkt des Filmes. Er wird durch die dreifache Kameraperspektive fast zu einem dreidimensionalen Event - jeweils hintereinander erzählt aus der Sichtweise von Jackie, von Max sowie von deNiros und Fondas Charakter.
Und wer hätte es gedacht - die Übergabe läuft weder zur Zufriedenheit der Polizei noch zu Ordells. Jackie hat sie alle ausgetrickst. Ordell wird misstrauisch und sauer. Er macht Fehler, die Jackie dann zu einem finalen Schusswechsel in Max` Kautionsbüro ausnutzen will.

Soweit zur Struktur und zur Story des Filmes. Kommen wir zu den kleinen, aus dem Leben gegriffenen Momenten, die Tarantino-typisch nichts mit der eigentlichen Story zu tun haben. Hier finden wir nicht sehr viele davon. Es gibt sie schon, z.B. bei der Frage, ob die Einkaufstüte mit dem Geld nun pink ist oder weiß mit pinkem Aufdruck. Die meisten Dialoge konzentrieren sich aber auf die Fortführung der Story.

Der Soundtrack passt wieder optimal ins Geschehen. Wenn Musik eingespielt wird, fühlt man sich wie in die 70er zurückversetzt. Besonders, als die Kamera am Anfang (Flughafen) wie am Ende (Auto) beinahe minutenlang auf Jackies Gesicht hält, wird die Musik in den Vordergrund versetzt.

Ansonsten werden die überwiegend aus Dialogen bestehenden Szenen immer mal wieder durch extrem spontane, nicht zu erwartende Einlagen unterbrochen (Melanies Frage "willst du ficken?" oder der Tod zweier Personen).

Es bleibt dabei: Jackie Brown ist im direkten Vergleich mit Pulp Fiction nicht minder genial. Wenn man so will, verkörpert er das, was Pulp Fiction so genial machte, noch purer, weil für die oberflächlichen PF-Gucker beim Nachfolger einfach der Anreiz fehlt. Man mag die Actionarmut bemängeln ebenso wie die Tatsache, daß ein Großteil des Filmes aus reinen Dialogen besteht. Allerdings zwingen uns unsere Sehgewohnheiten, immer überall nach Action zu suchen. Dass Tarantino mal wieder gegen den Strom schwimmt, kann ich nur begrüßen. So wird Jackie Brown zu einem zeitlosen (wenn auch auf eine bestimmte Zeit gemünzten) Meisterwerk, das man ruhig öfters als ein Mal anschauen sollte. Mein Eindruck war jedenfalls, dass er mit jedem Ansehen besser wurde.
Tarantino hat sich einmal mehr als brillanter Marionettenspieler erwiesen und einer seiner Marionetten die Kontrolle über die anderen gegeben: Jackie Brown.
10/10

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