Quentin Tarantino verfilmt Elmore Leonard mit einer Riege an Hollywood-Top-Stars: Herauskommt ein hocheleganter Gangsterstreifen, der richtig viel Spaß macht – und in vieler Hinsicht ein regelrechter Gegenentwurf zu seinen ersten beiden legendären Filmen ist.
Die grundlegenden Unterschiede fangen schon beim Offensichtlichsten an: „Jackie Brown“ ist vielleicht bis heute Tarantinos gewaltfreiestes Werk; bis auf ein paar Blutspritzer bleibt es hier selbst im eskalierenden Finale erstaunlich unblutig. Es gibt viel weniger Oberflächenaction, auch ein überschaubareres Figurenarsenal als in „Pulp Fiction“, und der Humor bleibt hintergründiger und dezenter. Am meisten überrascht vielleicht die wohl zärtlichste (nicht eingelöste) Liebesgeschichte in einem Tarantino-Werk überhaupt – hier wird viel über Blicke, Gesten, sanfte Berührungen verdeutlicht, etwas, was man vom Meister der skurrilen Dialoge und schroffen Gewalt eher nicht kennt.
Vieles davon dürfte auf die Romanvorlage zurückzuführen sein – auch das übrigens ein Unikum in seinem Schaffen – dennoch nimmt sich das Drehbuch dermaßen viele Freiheiten, dass man definitiv von einem eigenständigen Tarantino-Werk sprechen darf. Das machen schon die endlosen Zitate und Anspielungen auf Film, Musik und Kunst deutlich, diesmal mit besonderem Schwerpunkt auf den Blaxploitation-Klassikern der 70er. Aber nicht nur: Wenn Pam Grier in der Eröffnungsszene in einer endlosen Einstellung ein Flughafenterminal durchquert, erinnern Kameraführung und Bildauswahl nicht von ungefähr an „Die Reifeprüfung“. Und so geht es auch wieder gewohnt weiter: Der fantastische Soul- und R-n-B-Score, die Kostüme, die Besetzung, die Namensgebung – für Cineasten erschließt sich hier eine ganze Welt an Anspielungen und Hinweisen, die es zu entschlüsseln gilt.
Das alles kommt jedoch wesentlich eleganter und ruhiger daher als noch in den beiden ersten Filmen. Die Erzählung bleibt langsam und beinahe elegisch, nimmt sich für alle zentralen Figuren viel Zeit, beleuchtet ein Stück weit ihre Lebensentwürfe, Hoffnungen und Ängste und lässt sie schließlich immer radikaler aufeinander prallen. Das wird formal in eher gesetztem Tonfall eingefangen – immer wieder gleitet die Kamera elegant durch die Räume oder über Straßen, dreht sich in Augenblicken höchster Anspannung um die Agierenden, nimmt ihre Perspektiven ein. Beinahe jeder Einstellung merkt man ihren durchdachten Hintergrund an, was dem Film eine Atmosphäre der Eloquenz und Stilsicherheit verschafft. Auch Beleuchtung, Setting und Ausstattung zeigen sich erneut auf höchstem Niveau und lassen eine irgendwie zeitlos wirkende 90er-Jahre-Welt erstehen.
Zentrales Augenmerk kommt hier aber den Charakteren zu, und da geben sich die Darstellenden mit ihren Topleistungen die Klinke in die Hand: Samuel L. Jackson beweist einmal mehr sein ungeheures Verwandlungsgeschick – eine krassere Kontrastfigur zu seinem Killer aus „Pulp Fiction“ in jeder kleinen Bewegung, in Mimik, Sprechweise und Haltung, hätte man sich kaum vorstellen können; Robert De Niro hat möglicherweise niemals zuvor und niemals wieder einen so erbärmlichen Loser verkörpert (und schafft selbst das noch mit Charisma und Understatement); Michael Keaton gibt den harten Special Agent als dauernervösen Zappler; und Pam Grier schließlich blüht in dieser speziell auf sie zugeschnittenen Hommage auf wie seit ihren erfolgreichsten „Foxy Brown“-Zeiten nicht mehr. Sie vor allem vermag ihrer Figur so viel angedeutete Tiefe und Emotionalität unter ihrer harten und zielgerichteten Fassade zu verleihen, dass es ein Genuss ist, ihr dabei zuzusehen, wie sie alle Männer, ob schwarz oder weiß, an der Nase herumführt.
Ganz nebenbei – das heißt, eigentlich völlig zentral – ist „Jackie Brown“ auch eine unglaublich schöne Hommage ans Blaxploitation-Kino und dessen gesellschaftspolitische Bedeutung. Dass in einem 90er-Film von weißen Produzierenden und Filmschaffenden die schwarzen Hauptfiguren so zentral und vielschichtig dargestellt werden, ist weiß Gott keine Selbstverständlichkeit. Mit dieser Verbeugung vor der Geschichte des Black Cinema liefert Tarantino ein schwergewichtiges Argument in der ewigen Diskussion, ob sein Schaffen aufgrund des hohen N-Wort-Indexes tendenziell rassistisch sei oder nicht.
Trotz einiger Längen vor allem gegen Ende und fehlender Knalleffekte zeugt auch „Jackie Brown“ von der umfassenden Liebe und dem beeindruckenden filmischen Können seines Erschaffers. Auch wenn er vielleicht nicht mit seinen ganz großen Erfolgen mithalten kann, ist er für Freunde des genüsslich ausgewalzten Gangsterfilms, in dem sich alle gegeneinander ausspielen, unbedingt zu empfehlen. Und auf wie vielen Ebenen zugleich auch dieses Werk wieder funktioniert, erschließt sich wohl nur beim wiederholten Anschauen.