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Vor dem Hintergrund aktueller Umweltkrisen, Terrorismus und der Verflachung von Werten im Zuge der Technisierung und Globalisierung machen sich die Menschen wieder mehr Gedanken über ihre Zukunft, und das spiegelt sich immer deutlicher in der schaffenden Kunst wieder. Alfonso Cuarón stellte mit “Children of Men” die Hypothese einer unfruchtbaren und damit aussterbenden Menschheit. Guillermo del Toro erzählt in “Pans Labyrinth” von einem Krieg aus der zwischen Realität und Fiktion schwankenden Perspektive eines Kindes. Ebendiese Perspektive nutzt Porcupine Tree-Frontmann Steven Wilson auf seinem 2007er-Album “Fear of a Blank Planet”, um die Bedeutungslosigkeit einer auf den schnellen Konsum gerichteten “X-Box- und MP3-Gesellschaft” aufzuzeigen. Düstere Gedanken werden wieder größer geschrieben denn je.

Der Kurzfilm “Eme Nakia” erzählt die Geschichte des “Sparta”-Drummers Tony Hajjar, der seine Kindheit im Libanon verbrachte und den Bürgerkrieg miterlebte, der dort zwischen 1975 und 1990 wütete. Jim Ward, Kopf der “At the Drive-In”-Splitterband, ermutigte Hajjar dazu, dessen Vergangenheit in dem Kurzfilm zu verarbeiten, der dann auf dem dritten Sparta-Album “Threes” in der Special Edition erscheinen würde. Als Regisseur wurde Christopher Holmes eingebunden, den Soundtrack steuerten selbstverständlich Sparta selbst bei.

Und ähnlich wie in “Fear of a Blank Planet” wird in “Eme Nakia” nun die Perspektive eines Kindes in einer bereits ihrer Kraft und Ressourcen beraubten Umgebung gezeigt. Politische Dimensionen lässt der Kurzfilm komplett außen vor; was man zu sehen bekommt, sind fragmentarische, impressionistisch wirkende Eindrücke von der gefährlichen Welt, die der junge Hajjar unmöglich verstehen kann. Wiederholt entfährt ihm ein lautmalerisches “Boom”, denn immer wieder sieht er Gebäude explodieren, zivile Umgebungen, die Beiruter US-Botschaft. Seine Eltern streiten sich wegen Nichtigkeiten, auch sie sind damit überfordert, den Spagat zwischen dem normalen Leben und den Begleiterscheinungen des Bürgerkriegs zu nehmen.

Holmes’ Arbeit mutet phasenweise an wie ein verlängertes, allerdings ausgesprochen intensives Musikvideo, das immer mal wieder durch Handlungssequenzen unterbrochen wird. Der Sparta-Soundtrack schmiegt sich dramaturgisch erstklassig in die Geschichte ein und untermalt die jeweiligen Szenen wie in einem Guss, was stimmungstechnisch in etwa den starken “Silent Hill 2"-Videospiel-Trailern gleichkommt, die Konami damals der Presse vorspielte - melancholisch und tiefsinnig, ohne dabei in die Falle zu tappen, dem Zuschauer mit Gewalt eine Botschaft nahezubringen. Oder zumindest wird dies sehr effektiv kaschiert, so dass man möglicherweise emotional manipuliert wird, ohne dies direkt zu bemerken.

Die Bomben- und Fluchtszenen wurden kindlich verfremdet mit einer 2D-Animationsform, die dem Rotoskopverfahren nahekommt - reale Aufnahmen wurden überzeichnet und mit abgehakt sich bewegenden 2D-Figuren ersetzt - so, wie man sich als Kind extreme Erlebnisse einprägen würde, versinnlicht und surrealisiert.

Die Handlung treibt in der Viertelstunde etwas ziellos dahin; ein roter Faden ist nicht zu erkennen und soll das auch nicht unbedingt. Es geht um fragmentarische Erinnerungen, die flashbackartig und konzeptlos zurückkehren - und zwar, um eine Dringlichkeit in der Gegenwart einzuordnen.

Mit dieser Dringlichkeit ist man dann wieder zurück bei den in die Zukunft gerichteten Dystopien eines Steven Wilson oder eines Alfonso Cuarón. Es gibt immer einen Grund für das Aufrollen der Vergangenheit. Sie ist entweder Verarbeitung oder zweckgerichtete Anwendung auf die Zukunft. In beiden Fällen hat sie einen Zweck für das, was noch kommt, und somit ist jede Retrospektive immer auch ein Blick nach vorne. Ob der nun immer so düster ausschauen muss wie im aktuellen Trend, ist diskutabel - kein Schwarz ist aber dunkel genug, um etwaige Hoffnung auf alle Zeiten zu begraben. Mit diesen Zutaten wird hier geschickt operiert, obgleich Neuland nicht gerade betreten wird. Die Vergangenheit war neben ihren sattgrünen Flächen schon immer düster, und vor allem schon immer verklärt.

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