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"Ich hab Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. All diese Momente werden verloren sein. So wie Tränen im Regen..."

Ein Satz für die Philosophen und Filmliebhaber unter uns. Klar, das Zitat stammt aus dem Meisterwerk "Blade-Runner", doch die Cineasten erfreuen sich immer wieder an Filmzitaten und Anspielungen auf Kinolegenden. In "Greenwich: Mean Time", kurz "g:mt" darf man sich über eine Menge ähnlicher Zitate freuen, wenn die anscheinend filmbegeisterten Charaktere mal wieder über den Sinn des Lebens oder andere diskussionswürdige Themen diskutieren. Obwohl ja hier eigentlich hauptsächlich das Thema Musik behandelt werden soll. Meint man zumindest.

Die große Stärke des Films ist, dass er so viele Probleme des Lebens aufwirft. Wer hier einen schönen Klischeefilm erwartet, indem eine hundsmiserable Kapelle zum Schluss des Films die phänomenalsten Rockopern vom Stapel lässt, der kann getrost gleich wieder ausschalten oder erst gar nicht anfangen zu schauen. Klar, im Mittelpunkt steht die Band g:mt, mit ihren Mitgliedern. Gemanaged und hauptsächlich produziert werden sie von dem leicht snobby veranlagten Sam, der immer schön mit Anzug rummarschiert und nur das Beste für die Band will. Diese hat vor, ihren gewohnten Jungle-Sound zu machen, wie sich das Genre so nennt. Sam jedoch, dessen Onkel gute Drähte zu bekannten Musikproduzenten und Plattenfirmen hat, hält von diesem Vorhaben nicht so viel und hat vor, eine Sängerin zu integrieren, denn des vermarktet sich einfach besser.

Fortan gibt es große Differenzen zwischen Bean, dem Mann an der Trompete und dem geld- und machtgierigen Sam, der sich schon mal die ein oder andere Ex-Freundin seiner Kumpels krallt. Dass zu diesem Zeitpunkt Charlie, ein sehr talentierter Fotograf und quasi Vermarkter der Band, sich in einer sehr misslichen Lage befindet, nachdem er mit seinem Roller von einem Auto erfasst wurde, interessiert anscheinend nicht. So steht also die Band und deren Erfolg im Mittelpunkt, die wichtigen Sachen des Lebens werden stark vernachlässigt.

Hier wird jedoch gekonnt gemischt, zwischen den Problemen, die innerhalb einer Band entstehen können und denen aus dem "wahren" Leben. Während die Band bei ihrer Musik bleiben, sie sich damit identifizieren und damit Spaß haben möchte, ist Sam fürs schnelle Geld, besorgt ihnen zwar auch einen Plattenvertrag, aber auch nur unter der Vorraussetzung, eine Sängerin zu engagieren. Das missfällt Bean absolut und nach einer handfesten Auseinandersetzung geht die Band und er getrennte Wege. Das stellt wohl ein großes Problem vieler Bands dar. Sie stehen unter der Fuchtel schwerer Plattenfirmen, die die Bands nicht mehr Bands sein lassen, ihnen wenig Freiraum gewähren und eigentlich selbst bestimmen, welche Art Musik mit welchen Mitteln gemacht werden soll. g:mt entscheidet sich für den Spaß daran, sie gewähren dem Erfolg nur sekundäre Priorität, doch Sam setzt letztendlich seinen Kopf durch und die Sängerin wird angeheuert.

Charlie währenddessen durchlebt die schwierigsten Stunden seines Lebens. Ans Bett gefesselt, ohne große Hoffnungen, je wieder selber Essen, Laufen, geschweige denn Fotografieren zu können, beginnt er, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Auch da wird der Zuschauer nachdenklich. Umso mehr sich Charlies Freundin oder die Ärzte um ihn kümmern, desto mehr wird er sich seiner Lage bewusst und desto mehr beginnt er, zu rebellieren. Er will sich plötzlich nicht mehr helfen lassen und meidet den Rollstuhl. Aus dem einst so gefeierten und talentierten Fotograf ist für ihn ein Krüppel, ein Nichtsnutz geworden, der seinen großen Traum nur noch träumen und nicht verwirklichen kann.

Festgehalten werden diese Bilder meistens sehr stilvoll. Mit sehr viel schönen Kameraeinstellungen, die wirklich ein Augenschmaus sind, erzählt John Strickland seinen Film übers Erwachsenwerden, Erfolg und Misserfolg, Freundschaft und Liebe. Die Band wird, zumindest nicht im Film, nicht die große Sensation. Auch ihr finaler Auftritt ist nicht Mittelpunkt, sondern vielmehr Randthema. Fokussiert wird der Film gegen Ende zunehmend auf die Beziehungen untereinander. Die Freundschaften, die sehr unter der Band und Charlies Unfall zu leiden hatten, werden beleuchtet. Was sie mal waren und was sie nun sind. Sam hat Charlie nie wirklich besucht während seines Krankenhausaufenthaltes. Er hat Bean die Freundin ausgespannt und sich nie wieder bei ihm gemeldet. Bean schottet sich von seinen ganzen Freunden ab und flüchtet ins Drogenmilieu. Charlie hat gesundheitsbedingt nicht mehr so viel mit seiner Clique von früher zu tun, da er die meiste Zeit im Krankenhaus verbringt. Auch Beziehungen der Protganoisten untereinander gehen zu Bruch oder sind in der Schwebe.

So erzählt der Film also viele Probleme, geht aufgrund seiner Vielschichtigkeit allerdings nicht sonderlich groß ins Detail, aber tief genug, um aufzuwühlen und mit den Charakteren mitzufühlen. Gegen Ende nimmt alles erstaunlich dramatische und drastische Züge an, die ich so nicht erwartet hätte und mich daher sehr überraschten.

Sicherlich kein Meisterwerk, doch seine Thematik und die Art und Weise, wie sie angegangen wird und die Tatsache, dass hier so gut wie kein Klischee bedient wird, macht den Film wirklich zu etwas Besonderem. Ein toller Soundtrack bzw. eine echt gute Band, sympathische Darsteller, interessante Themen, die leider nicht detailreich und tiefgründig genug beleuchtet wurden, und ein überraschendes, nicht unbedingt vorhersehbares Ende, bei dem man nicht wirklich weiß, ob man jetzt weinen oder glücklich sein soll, einen so, im positiven Sinne, eigenartigen Film gesehen zu haben. Das lässt der gute Bean vollkommen offen.

8/10 Punkte

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