Die bildschöne, aber völlig unerfahrene und naive Erminia (Agostina Belli) heiratet auf Wunsch ihrer strengen Mutter (Francoise Prevost) hin den attraktiven, aber etwas groben Schlachthofbesitzer Antonio (Gianni Macchia). In der Hochzeitsnacht verweigert sie sich ihm, worauf hin er zu einer Prostituierten geht. Am nächsten Morgen ist Erminia zu ihrer in der Stadt wohnenden, älteren Schwester Angela (Ewa Aulin) geflohen, um sich dort Gedanken über ihr Leben zu machen und etwas Neues kennenzulernen…
Wieder eines dieser wunderbaren, typischen italienischen Sexmelodramen der Siebziger? Wie „Das Mädchen Julius“, „Verführung einer Sizilianerin“ oder „Anna – ich war ihm hörig“? Ja, zum Glück! Vittorio de Sistis Film von 1973 glänzt durch prächtige Schauspielerinnen (neben den genannten noch Femi Benussi), einem exzellenten Soundtrack von Ennio Morricone und einem Drehbuch, welches…nun ja… ein Dokument seiner Zeit ist. Erminia ist gerade am Anfang des Films nur Objekt der Handlung und man fragt sich bisweilen, ob sie hinterm Mond gelebt hat. In der Hochzeitsnacht stellt sie fest, dass sie Körperlichkeit widerlich findet, dass der Gedanke an Sex sie verstört und sie womöglich frigide oder asexuell ist. Ihre viel offenere Schwester, die sich auch von schon längst durch ihren Weggang und die Ehe mit einem liberalen Partner von der konservativen Mutter emanzipiert hat, macht sich oft über sie lustig, so verklemmt und „uncool“ ist Erminia. Doch je mehr Erminia über das Leben in der Stadt erfährt, desto mehr realisiert sie, dass ihre Schwester in einer Lüge lebt. Die vermeintliche Freiheit ihrer Ehe zeigt einen erschreckenden Mangel an Kommunikation und Zuneigung ihres Mannes und die rauschenden Swingerparties, auf denen sie die erstaunte Erminia mitnimmt, sind von einer hohlen Pseudo-Rauschhaftigkeit gezeichnet, die blitzschnell in Gleichgültigkeit und Aggression umschlägt.
Dass es in ihrer Abwesenheit zuhause drunter und drüber geht (Gatte Antonio pimpert die dralle Nachbarswitwe und seine Schwiegermutter), entgeht ihr natürlich… Vittorio de Sisti macht es uns hier aber nicht leicht, kein Schwarzweiß-Schema hilft uns bei der Bewertung: egal, ob auf dem vermeintlich soliden Land oder der verdorbenen Stadt: überall Betrug, Lüge, Heuchelei. Und Erminia taumelt durch diesen Morast in ein Ende, welches eine gewisse Konsequenz zeigt und auch ihren Stolz.
Ganz klar ein Zeugnis jener Zeit, als Italien sich langsam gesellschaftlich öffnete, es galt, der katholischen Moral Freiräume abzutrotzen. Erminia ist sicher eine seltsame „Heldin“, die bisweilen zu passiv ist, doch am Ende hat sie sich einen Grad an Autonomie erkämpft und erlitten, den sie dann mit Würde zu Ende bringt.
Zu Frau Belli muss man nicht viel sagen, außer: unfassbar, wie schön sie war. Neben Ornella Muti, Lara Wendel und Eleonora Giorgi sicher das schönste Gesicht des italienischen Films der 70er, zumindest für mich. Wer solche bizarren Melodramen mag, ist hier gut aufgehoben, viel Lust, wenig Liebe, dafür Dramen und Ernüchterung. Und viel nackte Haut. 7/10.